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Brandenburg Roter Westen, blauer Südosten: Das gespaltene Brandenburg
Brandenburg Roter Westen, blauer Südosten: Das gespaltene Brandenburg
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08:37 03.09.2019
Der Westen des Landes wählte SPD-Direktkandidaten, im Osten und Süden war die AfD erfolgreich. Quelle: Robert Michael/dpa
Potsdam

Brandenburg ist politisch ein gespaltenes Land. Grafisch ist die Mark sauber geteilt in einen roten Klumpen im Westen und Norden sowie rund um die Berliner Stadtgrenze und eine blaue Banane. Diese zieht sich von der Oder bis hinunter entlang der sächsischen Grenze. Der rote Westen hat mit Ausnahme weniger Wahlkreise der SPD proportional die meisten Stimmen gegeben, der blaue Osten und Süden der AfD. Warum ist das so?

Im Wahlkampf hatte die SPD mit dem Slogan „Ein Brandenburg“ geworben. Der Politologe Jochen Franzke von der Uni Potsdam hält die Formulierung für Wunschdenken. „Es zeigt sich, dass die Gesellschaft tief gespalten ist“, so Franzke. Der Politikwissenschaftler hat bis Montagnachmittag bereits 45 Interviews gegeben. Selbst in Moskau und London interessiert man sich für die Mark und ihre politische Landkarte

Berlin-Nähe hält AfD fern

Offensichtlich ist: Je näher die Millionenstadt Berlin, desto geringer ist die Neigung, AfD zu wählen. Von den 15 direkt an Berlin angrenzenden Wahlkreisen hat bei der Verteilung der Zweitstimmen nur ein einziger eine AfD-Mehrheit erbracht: Barnim III (Wandlitz, Ahrensfelde, Chorin).

Ansonsten ist der enge Berliner Speckgürtel in besonderem Maße der SPD zugetan – mit Ausnahme eines Potsdamer Wahlkreises, wo die Grünen dominierten – im Stadtteil Babelsberg, wo Fahrräder mit Kinderanhängern das Straßenbild dominieren, wo es Schokoladen- und Gourmetkäse-Fachgeschäfte gibt.

Hunderttausende Jobs verloren

Der Soziologe Roland Verwiebe von der Uni Potsdam spricht von der „Sondersituation des Metropolenraums Berlin-Potsdam“. Der Zuzug von Berlinern und Menschen aus dem Rest des Bundesgebiets mache sich dort bemerkbar.

Währenddessen gehörten der Osten und Süden Brandenburgs zur „Peripherie für Deutschland insgesamt“, so Verwiebe. Dazu komme die Unsicherheit von zehntausend Familien angesichts des Kohleausstiegs. „20 Jahre gehen rasend schnell vorbei, der Weg dahin ist unklar“, sagt Soziologe Verwiebe.

„Strukturwandel kommt zu spät“

Wolfgang Blasig (SPD), Chef des Landkreistages, warnt: „Die Umstrukturierung der Lausitz, mit Milliarden versüßt, kommt spät: Zu DDR-Zeiten waren im Energiesektor der Region 500 .000 Menschen beschäftigt – heute sind es noch 25. 000.“

Entlang der sächsischen Grenze ist die Bevölkerung bis zu vier Jahre älter als im Speckgürtel. Die Steuereinnahmen pro Kopf liegen im ländlichen Raum deutlich niedriger. Und: Nirgendwo im Land liegt der Wohnungsbau flächendeckend so brach wie an der sächsischen Grenze oder in Frankfurt (Oder).

Die AfD-Hochburgen bluten aus

Blau eingefärbt sind „die Regionen mit der höchsten Abwanderungsquote und den schlechtesten Prognosen“, sagt Politologe Jochen Franzke. Der sozio-ökonomische Zusammenhang sei nicht von der Hand zu weisen. Franzke steht allerdings auch vor einem Mysterium: Der rote Landesteil ist ziemlich deckungsgleich mit dem ehemaligen SED-Bezirk Potsdam zu DDR-Zeiten. Dafür habe er keine Erklärung.

Es geht auch um die innere Sicherheit. „Seit Jahren wird von der Politik hingenommen, dass der Rückbau der Polizei in grenznahen Regionen ein Gefühl der Unsicherheit hinterlassen hat“, sagt Politikwissenschaftler Timm Beichelt von der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Ganz so krass, wie es grafisch aussehe, sei die Spaltung des Landes aber nicht, sagt Beichelt. Es sei erstaunlich, wie viele Menschen auch in den wohlhabenden Gegenden in Berlin-Nähe ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht hätten. Zwar gehören die 16,2 in Potsdam-Mittelmark III/Potsdam III und 17,4 Prozent in Oberhavel II zu den schlechtesten Resultaten. Auch das aber sei noch immer jeder sechste Wähler.

Kalbitz will rote Flecken angehen

Für die SPD bringt die Mandatsverteilung ein handfestes Repräsentationsproblem mit sich: Die Partei wird im Osten und Süden des Landes künftig weniger Wahlkreisbüros haben. Denn alle 25 Landtagssitze gehen an die Gewinner von Direktmandaten – und die sitzen meist im Westen des Landes.

AfD-Chef Andreas Kalbitz hat eine einfache Erklärung für die Farbgrenze im Land: Seine Partei habe zunächst die CDU-Gebiete im Süden und später den Osten aufgerollt. Als nächstes werde man die roten Einsprengsel im blauen Teppich angehen und sich dann dem noch von der SPD dominierten Westen widmen. Alles sei nur eine Frage des politischen Handwerks.

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