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Brandenburg Brandenburger Bundespolizist erzählt: So schwierig sind Abschiebeflüge
Brandenburg Brandenburger Bundespolizist erzählt: So schwierig sind Abschiebeflüge
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09:35 06.08.2019
Zwei Polizeibeamte begleiten einen Afghanen auf dem Charterflug von Leipzig nach Kabul. Quelle: Michael Kappeler/dpa
Kabul/Tiflis

Hinter dem schweren blauen Gitter, wo normale Passagiere keinen Zutritt haben, liegt der Ausgangspunkt für eine Reise ohne Vorfreude. Polizeibeamte und Mitarbeiter von Ausländerbehörden haben an diesem schwülen Sommertag 46 Männer zum Flughafen Leipzig-Halle gefahren. Keiner von ihnen wollte diesen Flug nach Afghanistan antreten. Doch die Abschiebungsmaschinerie läuft.

Im letzten Moment gelingt es einem der Afghanen gerade noch, sich wieder festzukrallen in der selbstgewählten Heimat. Ein bayerischer Richter hat kurzfristig festgestellt: Der Mann darf erstmal bleiben. Die anderen 45 müssen los. 22 von ihnen waren in Deutschland inhaftiert. Für sie ist dieser unfreiwillige Flug auch ein Trip in die Freiheit.

Ohne Waffen in den Flieger

Als erstes müssen sich die Männer auf einen Stuhl setzen, der am Eingang einer kleinen Halle steht. Dort gibt es eine Art Einweisung. Wer auf dem Stuhl sitzt, wird umringt von Polizisten. Die Bundesbeamten tragen gelbe Westen, auf denen „Escort“ zu lesen ist oder „Backup Team“, Begleitperson oder Ersatz-Team. Neben ihnen steht ein Übersetzer. Dieser erklärt, was nun folgt: Durchsuchung, Warten, dann fährt ein Bus zum Flieger. Waffen tragen in der Halle nur die Polizisten aus den Bundesländern, die die Afghanen hergebracht haben. Die 74 Männer und Frauen der Bundespolizei, die mitfliegen nach Kabul, sind unbewaffnet. Einer von ihnen ist der Brandenburger Matthias.

Der 54-Jährige arbeitet regulär am Flughafen. Der ehemalige DDR-Bürger hatte sich 1992 freiwillig gemeldet, um Abschiebungen zu begleiten, auch weil er mehr von der Welt sehen wollte. Sein Fazit: „Man kann nicht jeden Einzelfall an sich ran kommen lassen, sonst ist man nach einer Woche reif für die Insel.“ 36 Abschiebungen hat er im vergangenen Jahr begleitet. Sein schlimmstes Erlebnis? Er erzählt von einem Afrikaner, der auf dem Flug offenbar absichtlich in die Hose gemacht habe. Der Geruch von Kot sei für alle Mitreisenden eine Qual gewesen. Die Einsatzleiterin erinnert sich an einen Nigerianer, der einem ihrer Kollegen mit der Faust ins Gesicht schlug.

Viele Beamte wollen nicht nach Kabul

Nicht nur die dreiwöchige Zusatzausbildung zum „Personenbegleiter Luft“ ist für die Bundespolizisten freiwillig, sondern auch die Teilnahme an jedem einzelnen Einsatz. Es gibt Beamte, die nicht nach Kabul fliegen wollen. Etwa. weil sie oder Angehörige Angst haben vor einem Angriff auf das Flugzeug. Andere sind nicht sicher, ob es richtig ist, Menschen dorthin abzuschieben. Schließlich heißt es in den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes, die Sicherheitslage in großen Teilen des Landes sei unübersichtlich und unvorhersehbar.

Je zwei Polizisten haken einen Afghanen rechts und links unter. Quelle: Michael Kappeler/dpa

Es ist dunkel, als zwei Busse vor die Halle rollen. Eine kurze Fahrt zum Flieger. Dann wieder warten. Je zwei Polizisten haken einen Afghanen rechts und links unter. Einzeln werden die Männer die Flugzeugtreppe hochgeführt. Drinnen in der Maschine warten Flugbegleiterinnen einer Chartergesellschaft. Sie tragen braunkarierte Kleider und roten Lippenstift. Die Stewardessen lächeln professionell. Auch als zwei Männer ins Flugzeug gebracht werden, denen die Polizisten mit einem schwarzen Gurt die Arme am Rumpf fixiert haben. „Body Cuff“ nennen sich die Vorrichtungen, die sich locker oder fest anziehen lassen.

Wer sich vorhin in der Halle gewehrt hat, wer wiederholt aufstehen und hinausgehen wollte, wird im hinteren Teil der Boeing 767 platziert. „Das sind die Schwererziehbaren“, heißt es im Polizei-Jargon. Einer der Männer auf den hinteren Sitzen hat einen dünnen, ungestutzten Bart. Er soll früher für die Taliban gekämpft haben.

In der Maschine ist es ruhig. Niemand spricht laut. Nachdem das Flugzeug abgehoben hat, wird es noch stiller. Nur ein Mann trägt noch den Fesselgurt. Er ist klein, muskulös, hat die Haare an den Seiten ausrasiert und in der Mitte mit Gel nach hinten gekämmt. Er redet viel, isst viel, schließlich sinkt sein Kopf auf das weiße Kissen, das ihm die Stewardess gebracht hat. Viele der Afghanen schlafen jetzt. Einige ziehen sich eine Decke über den Kopf, als Schutz gegen das grelle Flugzeug-Licht.

Wer einschläft, wird abgelöst

Wenn einem der Bundespolizisten mit den gelben Westen die Augen zufallen, kommt jemand aus dem Ersatz-Team. Für die Polizisten ist es ein relativ entspannter Flug. Auch für die Ausländerbehörden ist es ein guter Tag. 45 „Rückzuführende“ an Bord ist für sie eine Erfolgszahl. Beim Kabul-Flug Mitte Juni waren von Dutzenden abgelehnten Asylbewerbern, die auf der Liste standen, nur elf eingestiegen. Manchmal kommt auf den letzten Metern ein Gerichtsbeschluss. Oder jemand wird krank. Einer der Hauptgründe für das Nicht-Erscheinen lautet „wurde nicht angetroffen“.

Nach der Landung geht alles ganz schnell. Vier Polizisten ziehen Schutzwesten an. Sie steigen aus, um das Flugzeug zu sichern. Der letzte größere Terroranschlag in der afghanischen Hauptstadt liegt erst wenige Tage zurück. Zügig steigen die Abgeschobenen die Flugzeugtreppe hinunter, begrüßen afghanische Polizisten mit Handschlag.

150 Euro Begrüßungsgeld

Dann geht es per Bus zum Terminal. Da eine Glasschiebetür klemmt, werden die Angekommenen durch einen Nebeneingang ins Gebäude gebracht, zur Passkontrolle. Jeder Neuankömmling muss seine Papiere vorzeigen. In einem Nebenraum gibt es Geld, rund 150 Euro von einer UN-Behörde. Das reicht, um einige Tage in einer billigen Unterkunft zu schlafen und zu essen. Was danach kommt, wissen die meisten Rückkehrer noch nicht.

Im Flugzeug haben die Polizisten unterdessen die Westen ausgezogen. Einige tauschen das Hemd gegen ein bequemes T-Shirt. Die Anspannung ist verflogen. Wo eben noch Konzentration herrschte, dominiert jetzt Müdigkeit. Nach einer Nacht ohne Schlaf setzen viele Kopfhörer auf, hören Musik, um runterzukommen, oder machen sich lang auf den Sitzen.

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Von Anne-Beatrice Clasmann

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