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Brandenburg Kampf um den Völkerball
Brandenburg Kampf um den Völkerball
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16:30 27.06.2019
Anleitung zum Mobbing? Völker- oder Zweifelderballspiel in einer Turnhalle. Quelle: imago stock&people
Potsdam

Um das beliebte Sportspiel Völkerball ist eine bizarre Debatte ausgebrochen. Eine kanadische Pädagogikprofessorin fordert ein Verbot des Spiels an Schulen. Der Grund: Es fördere systematisch Schikanieren und Mobbing, wie Joy Butler von der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver meint.

Die auf Sportpädagogik spezialisierte Professorin sagte dem Sender CBC, das Abschießen von Mitspielern mit dem Ball und deren Zwang, Ausweichen und sich auf manchmal auf demütigende Weise wegducken zu müssen, erziehe förmlich zum Ausgrenzen und Niedermachen Schwächerer. Deshalb sollte das Spiel aus dem Sportunterricht verschwinden.

Brandenburger Pädagogen sind verwundert

Die Thesen beherrschen derzeit die öffentliche Debatte –und das nicht nur im englischsprachigen Raum, wo das Spiel sogar nur „Dodgeball“, also „Trick“- oder „Ausweichball“, heißt und folglich nicht einmal die kriegerischen Assoziationen wie im Deutschen weckt. Butlers Vorstoß stößt bei brandenburgischen Pädagogen und Experten nur teilweise auf Gegenliebe.

„Da haben wir ganz andere Baustellen“, meint etwa der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Brandenburg, Günther Fuchs. „Frau Butler sollte sich vielleicht mal eher fragen, wie man in Kanada manchmal mit indigenen Minderheiten umgeht oder warum man sich dort legal Waffen kaufen kann.“

Klare Regeln sind wichtig

Es gehe bei dem Spiel – anders als etwa bei sehr vielen Videospielen – nicht darum, jemanden zu töten. „Da hat man ganz andere Aufgaben, die man Bewältigen muss, zum Beispiel bestimmte Bewegungsabläufe und Taktiken trainieren“, so Fuchs.

Der GEW-Vorsitzende in Brandenburg, Günther Fuchs, würde allenfalls den Namen „Zweifelderball“ festlegen, aber nicht das Spiel an Schulen abschaffen. Quelle: dpa-Zentralbild

Gegen systematische Benachteiligung müssten die Sportlehrer selbstverständlich vorgehen. „Man muss natürlich klare Regeln haben.“ Außerdem könnten Mannschaften von vorne herein so aufgestellt werden, dass kein krasses Leistungsgefälle entstehe.

Zweifelderball statt Völkerball

Reden lässt Fuchs mit sich allenfalls hinsichtlich des Namens. Er erinnert daran, dass schon zu DDR-Zeiten das Spiel in „Zweifelderball“ umgetauft wurde, um eben jene kriegerische Assoziationen zu vermeiden.

Ähnlich argumentiert die Vorsitzende des Philologenverbands Berlin Brandenburg, Kathrin Wiencek. „Da könnten wir eigentlich jeden Wettkampfsport verbieten“, sagt sie. Natürlich gehe es im Sport auch grundsätzlich darum, sich Herausforderungen zu stellen und auch mit Niederlagen umzugehen. Butlers Mobbing-Argument ließe sich auch umdrehen – zugunsten des Spiels.

„Man kann gegen Mobbing nur richtig angehen, wenn man die Machtstrukturen in einem Klassenverband kennt.“ Genau die könnten sich bei jenem Spiel offenbaren, wenn etwa bestimmte Spieler besonders getriezt würden. „Beim Sport sehen Sie die Beziehungen wesentlich genauer als etwa im Matheunterricht.“ Insofern könnten geschickte Pädagogen gerade dank Völkerball Mobbing aufdecken –und dagegen vorgehen.

Rückendeckung bekommt Butler allerdings vom Lehrstuhlinhaber für Sportdidaktik an der Universität Potsdam, Erin Gerlach. „Diese Kritik gibt es auch schon lange in Deutschland“, sagt er. Für Gerlach ist zum Beispiel klar, dass das Spiel nicht mehr „Völkerball“, sondern nur „Zweifelderball“ heißen darf.

Butlers Argument der Demütigung kann Gerlach gut nachvollziehen. „Es ist ja so, dass die Schwachen hier relativ schnell vom Spielfeld verschwinden.“ Prinzipiell decke der Sportunterricht gnadenlos und für alle sichtbar Defizite auf. Insofern hält Gerlach Veränderungen für geboten, auch beim „Zweifelderball“.

Alternatives Zweifelderball mit „Unverletzbaren“

Ein Verbot müsse zwar nicht sein, aber vielleicht zumindest die Möglichkeit eines Teils der Klasse, ein anderes Spiel zu spielen. Noch besser wäre es, wenn Schüler über die Regeln nachdenken würden. „Sportunterricht kann ich nur sinnhaft erleben, wenn ich kritisch mit Regeln umzugehen lerne.“ Das fördere auch Mündigkeit.

In einem alternativen „Zweifelderball“ könnten zum Beispiel nur bestimmte Spieler durch einen Balltreffer ausgeknockt werden. Die „Unverletzbaren“ könnten sich im Spiel schützend vor diese stellen. Das würde mehr Erfolgserlebnisse schaffen und verhindern, dass Schwächere sich mit der Zeit zu sportfeindlichen frustrierten Couch-Potatoes entwickelten.

Von Rüdiger Braun

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