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Brandenburg Protest zum Reformationstag: Brandenburger Gläubige wehren sich gegen Zwangsfusionen
Brandenburg

Brandenburger Gemeindemitglieder wehren sich gegen Zwangsfusion

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07:30 31.10.2021
Hans-Georg von der Marwitz in der Kirche Friedersdor, rechts die Kirche in Kunow.
Hans-Georg von der Marwitz in der Kirche Friedersdor, rechts die Kirche in Kunow. Quelle: Matthias Anke
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Potsdam

Wie selbständig werden in Brandenburgs Dörfern die Kirchengemeinden in Zukunft sein? Diese Frage steht im Zentrum eines immer schärfer ausgetragenen Streits innerhalb der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesischen Oberlausitz (EKBO). Erste Gemeinden haben angekündigt, eine Zwangsfusion nicht zu akzeptieren und rechtlich dagegen vorzugehen, sollte die Landessynode das faktische Aus für Klein-Gemeinden beschließen. Die Synode, das Kirchenparlament, tagt vom 10. bis 13. November.

90 Gemeinden haben schon Widerstand angekündigt. Sie sammeln Geld für Anwälte. Ein Hauch von Ungehorsam liegt in der Luft. „Wir werden Anordnungen der Kirchenleitung, die zum Verlust der Selbständigkeit unserer Kirchengemeinden führen würden, nicht Folge leisten“, heißt es auf der Web-Page des neu gegründeten Bündnisses „Kirche im Dorf lassen“ (externer Link). Das klingt wie ein abgewandeltes Luther-Zitat: Sie stehen hier und können nicht anders.

Die Kirche selbst saniert

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und Präsident der Waldbesitzer-Lobby Hans-Georg von der Marwitz, Kirchenältester in Friedersdorf (Märkisch-Oderland), wehrt sich gegen den Begriff Rebell. „Es ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass in der evangelischen Kirche das Prinzip ,Bottom up‘ gilt – wenn nicht dort, wo denn sonst?“

Hans-Georg von der Marwitz in der Kirche Friedersdorf. Quelle: Ulrich Wangemann

Von der Marwitz, dessen Vorfahren die örtliche Kirche – direkt am Gutshaus gelegen – über Generationen gepflegt und finanziert haben – und deren Grabtafeln die Wände des Gotteshauses zieren -, verkörpert diesen Ansatz. Als die Leute im Dorf die verfallene Kirche wieder aufbauten, habe die Landeskirche sie „mit Desinteresse gestraft“, sagt der erfolgreiche Landwirt von der Marwitz.

Die rund 70 Gemeindemitglieder im Dorf haben das hinbekommen, haben Fördermittel eingeworben. Jedes Mitglied des Gemeindekirchenrats hat immer zwei Monate im Jahr Kirchdienst, räumt auf, fegt, schmückt die Kirche. „In dieser Gemeinde ist sehr viel passiert, wir wollen deshalb nicht, dass unsere Eigenständigkeit ohne Not infrage gestellt wird“, sagt der 60-Jährige. Einer Zwangsfusion werde man sich „solange widersetzen, wie wir können“.

Sinkende Mitgliederzahlen

Hintergrund für die angekündigte Reform sind die sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen und der damit verbundene wirtschaftliche Aderlass. Gestiegene administrative Anforderungen an Kirchengemeinden etwa bei Datenschutz oder Steuerfragen soll die Reform ebenfalls besser handhabbar machen.

Auf der Synode im November will die EKBO-Führung deshalb eine Mindestgröße von 300 Gemeindegliedern pro Gemeinde festschreiben lassen. Damit wären etwa 650 der 1000 Kirchengemeinden im Land zu klein, um ihre Selbständigkeit zu behalten. Eine Fusionswelle wäre die Folge. Bislang hat es nur auf freiwilliger Basis Zusammenschlüsse gegeben.

Keimzelle des Widerstandes gegen die von der Amtskirche vorangetriebenen Reform ist das Bündnis „Kirche im Dorf lassen“, das seinen Schwerpunkt in der Prignitz hat – dort sind die meisten Gemeinden von den Fusionsplänen betroffen, da die Gegend so dünn besiedelt ist.

Von Entmündigung und Enteignung“ ist auf der Internetseite der initiative die Rede. Es geht um Ehrenamt, lokale Verwurzelung, Besitz, Ländereien, Einnahmen, aber auch um das Selbstverständnis der evangelischen Kirche, die vor 500 Jahren als Gegenentwurf zur hierarchischen katholischen Kirche gegründet wurde, wo am Schluss immer der Papst das letzte Wort hat. „Luther hat gesagt, dass die Gemeinden von unten nach oben gestaltet werden sollen – das kehrt sich jetzt um“, kritisiert Thomas Kern, Kirchenältester in Kunow (Prignitz).

Es geht auch um Ländereien

Strukturfragen sind auch in der evangelischen Kirche Machtfragen. Im Prignitzdorf Kunow besitzt die Gemeinde Ländereien. Die 30 Hektar Land, die früher den Pfarrer und seine Familie ernährten, werfen im Jahr 6000 bis 7000 Euro Pachteinnahmen ab. Einen Teil davon gibt die Gemeinde zwar innerkirchlich ab, kann aber den Rest ganz gut gebrauchen, wenn etwas Feste oder Bauarbeiten anstehen.

Die Verfügungsgewalt läge nach einer Fusion nicht mehr im Dorf. Außerdem, so Kern, könnte in einer neuen Struktur Kirchenland genutzt werden, um Windkraft- oder Photovoltaik-Anlagen darauf zu installieren. Das wollten auch nicht alle im Dorf.

Kern, der für die CDU Gemeindevertreter in Gumtow ist, zieht einen Vergleich zu politischen Gemeindefusionen im Land Brandenburg. Die Entmachtung der kleinen Gemeinden habe die dortigen Ortsvorsteher zu Bittstellern gemacht, die mit einem Mini-Budget für Blumensträuße ausgestattet worden seien, für jede größere Summe aber „betteln gehen“ müssten, so Kern. Ein ähnlicher Bedeutungsverlust drohe den Gemeinden, wenn sie zu Ortskirchenräten herabgestuft würden.

In einer Großgemeinde, so befürchtet Kern, werde das ehrenamtliche Engagement der Bürger abnehmen. Das habe er in der Politik beobachtet. „16 Dörfer identifizieren sich nicht mit einer Gemeinde – es wird ein Hauen und Stechen um Mittel geben“.

100 Anträge gegen die Fusion

Die Kritik kommt aus vielen Ecken. Die Gemeindekirchenräte der Kirchenkreise Wittstock-Ruppin und Prignitz fordern in einer Stellungname zur Herbstsynode, die Mindestzahl von 300 zu streichen. Eine echte Diskussion über das Thema sei nicht geführt worden, weil die Pandemie ausgiebige Zusammenkünfte unmöglich gemacht habe.

„Es besteht großer Unmut über die intransparente Form der Umsetzung des Gesetzes“, heißt es in dem Brief. Ablehnende Anträge haben zahlreiche Gemeinden aus ganz Brandenburg zur Synode eingereicht. Es sollen rund 90 sein. Landessynoden-Präses Harald Geywitz bestätigte auf MAZ-Anfrage, es gebe 100 Anträge zu dem Thema, einige seien auch im Sinne des Reformvorhabens.

Präses Geywitz erwartet „lebhafte Diskussion“

Geywitz, der die Reform befürwortet, erwartet eine „lebhafte Diskussion“. Die angepeilte Neuordnung lasse die Gemeinden selbstverständlich nicht kalt. Es gelte in seinen Augen, durch Zusammenschlüsse zu verhindern, dass die Gemeindearbeit in Verwaltungsaufgaben ersticke und außerdem den Pfarrern die Zeit nehme, sich um die Seelsorge und inhaltliche Arbeit zu kümmern.

Die administrativen Belastungen nähmen zu, deshalb müsse der Aufwand verringert werden. Kleinstgemeinden von 20, 50 oder 70 Mitgliedern seien teilweise überfordert mit den Formalien. „Ich höre viele Ehrenamtler, die deutlich sagen: Wir haben keine Lust mehr auf den ganzen Verwaltungskram, Jahresabschlüsse, Datenschutzkonzepte verabschieden, dies und das prüfen“, sagt Geywitz.

Eine Entscheidung für oder gegen die Neustrukturierung von großen Teilen der Evangelischen Kirche in Brandenburg wird es auf jeden Fall geben auf der Herbstsynode. Sollten die protestierenden Protestanten unterliegen, droht ein Rechtsstreit. Reform-Gegner Thoma Kern glaubt, dass „viele Kirchenmitglieder noch nicht realisiert haben, was auf sie zukommt. Manche werden erst aufwachen, wenn es beschlossen ist.“

Von Ulrich Wangemann