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Brandenburg Science Slamer Moritz Kirchner begann mit Debatten
Brandenburg Science Slamer Moritz Kirchner begann mit Debatten
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17:17 19.12.2018
Moritz Kirchner tritt erst seit Kurzem auch als Science Slamer auf. Quelle: Science Slam
Potsdam

Wer mit Moritz Kirchner auf der Straße plaudern will, braucht einen strammen Gang. Meist rauscht der Berater nach seinen Seminaren über Zeit- und Selbstmanagement, Rhetorik und Argumentation sportlich auf dem Longboard dahin. „Nach dem Training und Coaching wird der Kopf auf dem Longboard schnell frei. Das ist eine gute Stressbewältigung“, sagt er. Außerdem könne man das rollende Brett in jeden Zug nehmen. Das ist bequem, bei den vielen Einsätzen, die der promovierte Psychologe in der Woche bei Firmen, Gewerkschaften und diversen Organisationen hat.

Seit 2015 führt Kirchner zusammen mit seinem Partner Mathias Hamann das in Potsdam ansässige „Institut für Kommunikation und Gesellschaft“. Leute, die gerne Youtube gucken, werden den 34-Jährigen aber aus ganz anderen Zusammenhängen kennen. Der im uckermärkischen Milmersdorf aufgewachsene junge Mann ist eines der großen Redetalente Deutschlands. Das hat er seit Herbst 2008 in nationalen und internationalen Debattierwettbewerben immer wieder bewiesen, zuletzt vor rund 4600 Zuschauern der Deutschen Science-Slam-Meisterschaft am 24. November in Wiesbaden. Elf Minuten lang legte Kirchner in freier Rede den Zusammenhang von Demokratie und Komplexität dar –und wurde unter den acht Finalisten prompt Vizemeister.

Wortgefechte rund um den Globus

„Du redest so viel, du müsstest Politiker werden“, meinte der Vater des wortgewandten Neunjährigen schon vor 25 Jahren in Milmersdorf. Tatsächlich war Kirchner auch politisch aktiv. Doch seine wahre Leidenschaft wurde das kultivierte Streiten im Wettbewerb. Bevor Kirchner aber bei Debattier-Weltmeisterschaften im türkischen Antalya, im philippinischen Malina, in Gaborone, der Hauptstadt von Botswana, oder in Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia, antrat, musste er durch eine harte Schule gehen.

Schon als Schüler trat er mit Kameraden der 12. Klasse 2002 bei einer Veranstaltung des Vereins Europäischen Jugendparlament in Deutschland als sogenannter Botschafter und damit erster Redner der 10-köpfigen Gruppe seines Heimatgymnasiums auf. Kirchner ergriff bei der simulierten politischen Debatte in der Bremerschen Bürgerschaft auch am häufigsten das Mikro. „Ich war beim Einsteigen recht aufgeregt, aber nach 30 Sekunden habe ich mich dann festgeredet. Da habe ich dann gemerkt: Das läuft.“ Versprochen habe er sich nicht.

Als Student der Psychologie an der Universität Potsdam trat er 2006 in den universitären DebattierclubWortgefechte“ ein. Redegewandte Studenten treffen sich jeden Montag im Hörsaalgebäude des Campus Griebnitzsee und wetzen dort rhetorisch die Klingen. Bei „Wortgefechte“ lernt man nicht nur den sogenannten Britischen Parlamentsstil – analytisch, logisch, mit möglichst vielen siegreichen Argumenten – und das sogenannte Deutsche Format –Sachverstand ist wichtig, aber auch das Auftreten und die Sprachkunst spielen eine Rolle – kennen, man studiert auch die Grundlagen der Rhetorik überhaupt.

Das erste Turnier in Münster verhauen

Heute ist Kirchner zwar nur noch passives Mitglied von „Wortgefechte“, „aber ich weiß, was ich dem Debattierclub zu verdanken habe“, sagt er. „Fast alles, was ich über Rhetorik und Sprechen gelernt habe, habe ich im Debattierclub gelernt.“ Dazu gehörte auch die Erfahrung, dass selbst bei einem herausragenden Redner nicht alles auf Anhieb klappt. Kirchner erinnert sich noch gut an sein allererstes studentisches Debattierturnier 2007 in Münster. „Ich war einfach zu aufgeregt und habe die Rede total verranzt.“ Ergebnis: Er und sein Partner schieden schon in der Vorrunde aus. Zum Glück konnte Kirchner das Debakel bald wieder ausputzen. Bei der Ostdeutschen Debattiermeisterschaft 2008 in Jena trat er zusammen mit seinem Debattier-Partner Mathias Hamann an. Die Beiden zogen gleich ins Finale.

Von da an häufen sich die Erfolge. 2011 wurde er ostdeutscher Meister in Halle, 2015 Deutschsprachiger Vizemeister in Münster. Er und seine Redepartner Mathias Hamann und Robert Pietsch mussten bei der Frage, ob eine Großveranstaltung trotz Terrorwarnung stattfinden sollte, aufgrund Loswurf für ein „Ja“ plädieren. Obwohl die drei in ihrer Rede vor dem Sterben der offenen Gesellschaft und der Freiheit aufgrund bloßer Bedrohungslagen warnten, hatten die Redner der Uni Mainz mit ihrer Erinnerung an das Risiko eines tatsächlichen Anschlags die Nase vorn. Kirchner findet es trotzdem gut, dass man in den Wettbewerben auch mal gegen seine Überzeugungen anredet. „Das hilft, sich in andere hineinzuversetzen und schult die Demokratie.“ Mit dem Titel Vizemeister endete 2015 aber auch Kirchners Debattenkarriere,

Zum neuen Format, dem Science Slam, einem unterhaltsamen Präsentieren wissenschaftlicher Inhalte, kam Kirchner erst relativ spät. Seinen ersten Auftritt hatte er im April 2016 im Berliner Club SO36. Als bekannter Debattierer war er von der Organisatorin des Slams, der Moderatorin Miriam Mieke Schmitt, angesprochen worden. Auf zehn Redeminuten dampfte er damals seine 450 Seiten starke Doktorarbeit über den neuesten Geist des Kapitalismus ein. Kirchners Untersuchung handelt von Selbstoptimierung, Selbstdarstellung und Komplexitätsbewältigung, aber auch von dem daraus folgenden Stress. Der Vortrag, der noch auf Youtube bewundert werden kann, heimste an diesem Abend den größten Applaus ein. Stolz ist Kirchner, dass er im Gegensatz zu den meisten Science Slammern ein sozialwissenschaftliches Thema hatte und ganz ohne Power-Point auskam.

Sozialwissenschaft kommt richtig gut an

Mit seinem neuen Vortrag „Komplexität und Demokratie“ ist er inzwischen schon zehn Mal aufgetreten und hat viermal den Abend für sich entschieden, zum Beispiel in Berlin-Adlershof, an der Humboldt-Universität, im Kölner Werk 9 oder im Club Waschhaus in Potsdam. Die 30 Sekundenregel, sagt Kirchner, gilt für ihn noch immer. Er braucht die Erwärmungsphase, bevor er sich in seinem Redefluss sicher fühlt. „Als ich jetzt in Münster bei der Meisterschaft auf die Bühne trat zeigte mein Fitnesstracker einen Puls von 115 an“, sagt Kirchner. Als er den Vortrag beendet hatte, war der Puls immerhin schon auf 110 gedimmt.

Kirchner, der aus dem Stegreif beliebige Stammtischparolen mit ruhigen druckreifen Sätzen kontert, glaubt, dass man durch Verankerung komplexer Sachverhalte im Leben die Menschen überzeugen und zur Einsicht bringen kann. Gelernt hat er das nicht nur im Psychologiestudium, wo es viel um Motivation ging, sondern schon früher. Ein besonderer Kranz gebühre seiner Deutschlehrerin Andrea Rikken vom Gymnasium in Templin. „Bei ihr haben wir die rhetorischen Stilmittel rauf und runter gelernt“, sagt er. Sie weckte bei Kirchner nicht nur die Faszination für die deutsche Sprache, sie habe ihm auch das Rüstzeug für die ersten großen Debatten gegeben.

Von Rüdiger Braun

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