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Brandenburg Die Wahlreporter in Wildberg: Kampf gegen Windmühlen
Brandenburg Die Wahlreporter in Wildberg: Kampf gegen Windmühlen
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18:18 02.08.2019
Michael Mann, Sven Hegermann, Heidemarie Werner und Bernd Werner (v.l.n.r.) vor Windrädern in Wildberg. Quelle: Hannah Rüdiger
Wildberg

 Stefanie Wessel wohnt quasi an der Front. Wenn die Wildbergerin den ordentlich gestutzten Rasen in ihrem Garten betritt, hat sie den Feind direkt vor Augen. Weniger als tausend Meter entfernt kreisen elf Rotoren in bis zu 150 Meter Höhe.

Elf Rotoren von elf Windrädern, die die niedrigen Einfamilienhäuser um ein Vielfaches überragen und nachts unaufhörlich vor sich hin blinken. Für die Wildbergerin ein Graus, den sie hinter hohen Büschen zu verstecken versucht.

Was die zweifache Mutter am meisten störe, sei der Krach. Wenn der Wind ungünstig steht, raube ihr der Rotorenlärm den Schlaf. „Man hat den Lärm im Ohr und wird ihn nicht wieder los“, sagt sie.

Erneuerbare Energie auf Kosten der Idylle

Als die Wildberger Familie 2004 ihr Eigenheim in der Siedlung am Sportplatz baute, lagen dahinter nur Felder, so weit das Auge reichte. Dann kamen die Windräder. „Die Dinger werden einem vor die Nase gesetzt und man hat nichts davon“, sagt Stefanie Wessel.

Die 39-Jährige bekommt am eigenen Leib einen Konflikt zu spüren, der überall im Land schwelt. Auf der einen Seite steht der Wunsch nach Nachhaltigkeit und sauberer, erneuerbarer Energie aus Windrädern

Auf der anderen stehen die Menschen, die auf der Suche nach Ruhe aufs Land gezogen sind und plötzlich auf Windräder schauen müssen. Diese Menschen haben nichts gegen Umweltschutz, sondern gegen die Zerstörung ihrer Idylle.

Heidemarie Werner von der Bürgerinitiative "Keine neuen Windräder in der Temnitz-Region". Quelle: Hannah Rüdiger

Mehr Windräder in Temnitz-Region geplant

In der Temnitz-Region in Ostprignitz-Ruppin, in der auch der Temnitztaler Ortsteil Wildberg liegt, regt sich seit vielen Jahren Widerstand gegen die Windkraftanlagen in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Denn mit den bisher bestehenden Windparks ist es noch nicht getan: Eins der sogenannten Windeignungsgebiete bei Wildberg soll Richtung Rohrlack erweitert werden und Platz für bis zu neun weitere Anlagen bieten – die noch mal rund 90 Meter höher sein sollen.

Die Bürgerinitiative „Keine neuen Windräder in der Temnitz-Region“ kämpft seit 2014 gegen noch mehr Windräder in ihrer Nachbarschaft. Ihre Mitstreiter kommen unter anderem aus Wildberg, Rohrlack, Garz und Dabergotz. Auch Heidemarie und Bernd Werner gehören dazu.

„Von der Landespolitik verschaukelt“

Als Windkraftgegner würden sich die ehemaligen Lehrer nicht bezeichnen – weil sie nicht per se gegen Windkraft sind. „Wir fühlen uns einfach von der Landespolitik verschaukelt“, sagt Heidemarie Werner.

Als die regionale Planungsgemeinschaft Prignitz-Oberhavel ihren Entwurf zum Ausbau des Eignungsgebietes vorstellte, hätten sich die Wildberger übergangen gefühlt. „Der Bürger kommt überhaupt nicht vor“, findet die 66-Jährige.

Bernd Werner von der Bürgerinitiative "Keine neuen Windräder in der Temnitz-Region". Quelle: Hannah Rüdiger

Hohe Belastung durch Lärm

Die beiden sind der Meinung, dass die Belastung für die Bewohner der Temnitz-Region schon jetzt sehr hoch ist. Nachts misst Heidemarie Werner manchmal Lautstärkepegel von bis zu 70 Dezibel in ihrem Schlafzimmer.

70 Dezibel, das ist bei Tage betrachtet nicht viel und entspricht etwa dem Lärm, den ein Staubsauger verursacht. Aber wer zu schlafen versucht, will nicht unbedingt einen Staubsauger hören. Und das, obwohl die Windräder vom Haus der Werners aus nicht einmal zu sehen sind.

Lautlose Schallschwingungen

Zu dem Lärm, der manchmal auch nur als leises Brummen oder überhaupt nicht zu vernehmen ist, komme die Belastung durch Infraschall. Diese Schallschwingungen kann das menschliche Gehör zwar nicht mehr wahrnehmen, sind aber messbar.

„Atomare Strahlung kann man auch nicht hören“, sagt Heidemarie Werner schulterzuckend. Manchmal müsse ein drastischer Vergleich her.

Windkraft-Euro als „Bauernfang“

„Die Windräder sind eine Verschandelung unserer Landschaft“, fügt Bernd Werner hinzu. „Fontane würde sich im Grabe umdrehen.“ Der sogenannte Windkraft-Euro, den die Landesregierung den Gemeinden künftig als Entschädigung für neue Windräder anbieten will, könne das nicht wettmachen. 

Die Bürgerinitiative lehnt die Sonderabgabe von 10 000 Euro pro Windrad entschieden ab. Die Aktion sei nichts anderes als „Bauernfang“, findet Bernd Werner.

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Mehr Windräder am selben Ort

In der Begründung der Regionalen Planungsgemeinschaft vom vergangenen November heißt es, dass die „Konzentration von Anlagen“ im Bereich Ganzer – Wildberg angestrebt werde.

Übersetzt heißt das: Dort, wo sich bereits Windräder drehen, finden auch noch mehr Platz. Genau diesen Punkt kann die Bürgerinitiative nicht nachvollziehen.

Viele Wildberger resignieren

„Viele haben mittlerweile resigniert“, erzählt Sven Hegermann, Gemeindevertreter von Wildberg und Mitstreiter bei „Keine neuen Windräder in der Temnitz-Region“. Er wohnt ebenfalls in der Wildberger Siedlung am Sportplatz, vor seinem weißen Einfamilienhaus stapeln sich immer noch Baumaterialien.

Wie auch seine anderen Nachbarn muss Hegermann mit einem beträchtlichen Wertverlust seiner Immobilie rechnen. Von seinen Freunden aus großen Städten wie Potsdam sei weder Unterstützung noch Verständnis für seinen Frust zu erwarten.

Wer sich gegen Windkraft engagiere, werde von Städtern schnell verteufelt. „Man sagt das ja immer so schnell, aber für uns ist das wirklich ein Kampf gegen Windmühlen.“

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Über diese Nummer erreichen Sie die MAZ-Wahlreporter. Quelle: Schultz, Maike

Von Hannah Rüdiger

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