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Brandenburg Bürgerwehr gegen kriminelle Grenzgänger
Brandenburg Bürgerwehr gegen kriminelle Grenzgänger
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19:37 11.04.2014
Seit der Grenzöffnung 2007 haben besonders Diebstähle stark zugenommen. Quelle: dpa
Küstrin-Kietz

Wenn es dunkel wird, treibt es Eileen Scholz (30) regelmäßig hinaus auf die Straßen ihres Heimatortes Küstrin-Kietz (Märkisch-Oderland). Die dreifache Mutter begleitet ihren Mann bei Streifzügen, die aus der Not heraus geboren wurden. Werden doch die Dörfer in unmittelbarer Nähe des Grenzüberganges nach Polen seit Jahren von Dieben heimgesucht, die in der Regel über die Oder kommen – mit dem Auto, zu Fuß über die unbeleuchtete Eisenbahnbrücke oder per Boot über den Grenzfluss. Sie stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist: Werkzeug, hochwertige Gartengeräte, Fahrräder, Autos, große Landmaschinen. „Wir müssen unseren Ort, unsere Heimat schützen – weil: Die eigentlichen Ordnungshüter tun es ja nicht“, sagt die junge Frau, einziges weibliches Mitglied der zum Jahresbeginn gegründeten Bürgerwehr.

Die 22 Freiwilligen gehen auch zum Wohl ihrer Nachbarn in dem 716-Einwohner-Grenzort Nacht für Nacht auf Streife, um Gauner abzuschrecken oder in die Flucht zu schlagen. Sie folgen dem Beispiel der 16-köpfigen Bürgerwehr aus dem nahen Bleyen-Gensch mar, die bereits seit dem Sommer 2013 aktiv ist. „Das Schlimmste, was uns passieren konnte, war die Grenzöffnung 2007. Seitdem sind wir hier nicht mehr vor Dieben und Einbrechern sicher“, sagt einer von ihnen. Sie fürchten um ihr Hab und Gut, wollen nicht mehr hinnehmen, dass Ortsfremde mit ausländischen Nummernschildern tagsüber mit Autos durch ihre Siedlungen fahren und seelenruhig alle Gehöfte fotografieren, um dann nachts in die Lohnendsten einzubrechen. Oder dass Einbrecher, wenn sie sich von Hauseigentümern überrascht sehen, gewalttätig werden.

Sie haben ihren Schutz in die eigenen Hände genommen, verteilen sich mit Einbruch der Dunkelheit an neuralgischen Punkten, sind über Funk verbunden und verständigen sich, sobald sie etwas Verdächtiges bemerken. Ausgerüstet mit Handys, Nacht sichtgeräten, Taschenlampen und Scheinwerfern auf den Autodächern, ansonsten aber unbewaffnet, sind die Bürgerstreifen zu Fuß und motorisiert auf 18 Kilometern Straßen und Wegen rings um und in Küstrin-Kietz unterwegs.

Aktiv seien die Diebe vor allem zwischen Mitternacht und 3 Uhr morgens, so die Erfahrung. Etwas Illegales, sagen die Leute von der Bürgerwehr, wollen sie nicht machen. Sie haben nur Jedermannsrechte, dürfen niemanden verhaften oder gewalttätig werden. Allerdings fassen sie einen ertappten Dieb nicht gerade mit Samthandschuhen an, da diese sich meist heftig wehren, deutet Bürgerwehr-Mitglied Danny Schwagerick an. „Wir waren zu dritt, hatten Einbrecher in einer Kleingartenanlage bemerkt und hinderten sie am Weglaufen – bis die Bundespolizei kam, die wir alarmiert hatten“, erinnert sich der 32-Jährige an eine Episode. Die Bundespolizei hat im nur wenige Kilometer entfernten Mansch now ihr Revier. „Die Beamten sind ruckzuck hier und übernehmen dann“, erzählt Schwagerick. Die Landespolizei hingegen brauche aus dem 20 Kilometer entfernten Seelow viel zu lange bis zur Grenze. „Und wenn deren Streifenwagen gerade anderswo im Einsatz ist, kommt gar keiner“, ergänzt Vater Gerhard Schwagerick. Mehrere Autodiebe konnten dingfest gemacht werden, nachdem Mitglieder der Bürgerwehr verdächtige Fahrzeuge verfolgten und weiter meldeten, wenn diese augenscheinlich zu flüchten versuchten. Das hat sich herumgesprochen, seit ein paar Wochen herrscht wieder Ruhe – kein Bruch, kein Diebstahl. Stattdessen sind die Gauner weiter ins Oderbruch gezogen, treiben jetzt im Raum Letschin ihr Unwesen.

„Es muss sich grundsätzlich etwas ändern. Lange halten wir das nicht mehr durch, Nacht für Nacht“, sagt Eileen Scholz, die wie die anderen Mitglieder der Bürgerstreife berufstätig ist. Das Familienleben bleibe auf der Strecke: Nach der Arbeit werde rasch gegessen, dann gehe es auf Streife. „Bei Fußballspielen gibt es ein Massenaufgebot an Polizei und hier an den wahren Brennpunkten fehlt sie“, ergänzt einer ihrer Mitstreiter. Solange die Politik keine Abhilfe schaffe, wollen die Nachtwächter von Küstrin-Kietz und Bleyen-Genschmar weitermachen. „Die Diebe warten doch bloß darauf, dass wir müde werden“, sagen sie.

Von Jeanette Bederke

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