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Brandenburg Leon Schwarzbaum erhält Bundesverdienstkreuz
Brandenburg Leon Schwarzbaum erhält Bundesverdienstkreuz
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18:52 12.07.2019
Im Fokus: Der 98-jährige Holocaust-Überlebende Leon "Henry" Schwarzbaum im Potsdamer Hotel Mercure. Quelle: dpa-Zentralbild
Potsdam

Seine Schritte sind behutsam, aber er geht ohne Stock. Aufmerksam erkunden seine wachen Augen den Saal im 17. Stock des Potsdamer Hotels Mercure. An seinem blauen Jacket hängt das rote Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, das ihm noch am Mittag der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD, im Namen des Bundespräsidenten in seinem Amtszimmer überreicht hatte. Müller hatte Leon Schwarzbaum dafür gedankt, dass er als immer noch als Zeitzeuge erzählt, was er erlebt und erlitten hat.

Leon Schwarzbaum ist 98 Jahre alt, aber beantwortet auch nach den vielen Terminen dieses Tages mit Engelsgeduld die Fragen, die ihm die Reporter an diesem Nachmittag bei dem Empfang des Vereins „Pro Brandenburg“ stellen. „An so einem Tag geht es einem gut“, versichert er der Fernsehreporterin.

Die ganze Familie in Auschwitz verloren

1943 war seine gesamte Familie in Auschwitz umgebracht worden. Leon Schwarzbaum, genannt Henry, überlebte die Hölle des Vernichtungslagers nur, weil er zunächst Meldedienste für die Kommandantur ausführte, später Zwangsarbeiter bei Siemens war. Schwarzbaum überlebte auch Buchenwald, Berlin-Haselhorst und den Todesmarsch von Sachsenhausen. Von diesem befreiten ihn am 5. Mai 1945 in der Nähe von Schwerin amerikanische Soldaten.

Der preisgekrönte Film „The Last Jelly Boy“ von Hans-Erich Viet dokumentiert dieses Leben anhand wichtiger Schauplätze: Das polnische Bedzin, der Ort seines Aufwachsens in Oberschlesien, Auschwitz und Berlin. Die Jelly Boys waren in Bedzin fünf Jugendliche, die Jazz und Swing zu Klavierbegleitung sangen. Schwarzbaum war einer von ihnen. Sein Spitzname Henry kommt aus dieser Zeit.

Leon Schwarzbaum ist nach dem Krieg trotzdem in Deutschland geblieben und hat sich als Antiquar eine Existenz in Berlin aufgebaut. Erst nach dem Tod seiner Frau fasste er den Entschluss, in Schulen und Betrieben über das schwärzeste Kapitel der deutschen Geschichte zu sprechen. Oft tat er das in Brandenburg. Vergangenes Jahr besuchte er mit Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) Auschwitz. Für seine Arbeit ehrt ihn auch der Verein „Pro Brandenburg“, mit dem er lange verbunden ist. Dessen Mitbegründerin, die in Potsdam lebende Juristin Etta Schiller, ist seit 60 Jahren mit ihm befreundet.

Nach 80 Jahren Abitur ehrenhalber

„Es bedeutet mir sehr viel, diese Aufzeichnung zu bekommen“, sagt Schwarzbaum in einer kurzen Ansprache. Auch dass ihm kommenden Dienstag von der Evangelischen Integrierten Gesamtschule im niedersächsischen Wunstorf das Abitur ehrenhalber verliehen wird, rührt ihn. Schwarzbaum hat eigentlich das Abitur des Fürstenberg-Gymnasiums seiner früheren Heimatstadt Bedzin in Oberschlesien. Doch die Nazis haben die Dokumente vernichtet. Ersatz gab es später nicht. „Ich habe so lange dafür gelernt“, sagt er an diesem Nachmittag.

Das Trauma des Vernichtungslager überwand er wohl auch, weil er sich später voll seinem Beruf widmete, wie er der MAZ erzählt. „Nach Ausschwitz musste ich neu anfangen. Ich hatte nichts. Ich musste Geld verdienen, damit ich wieder leben konnte.“ Die Kenntnisse im Antiquitätenhandel eignete er sich selbst an. Rund 60 Jahre führte er das Geschäft in der Berliner Keithstraße. Kraft gab ihm später die Aufklärungsarbeit. „Ich berichte den jungen Leuten gerne“, sagt er. „Die jungen Menschen sind sehr interessiert zu hören, was ich erlebt habe. Wenn ich erzähle von Auschwitz, dass man Menschen am laufenden Band ermordet hat, dann sage ich, sie sollen das weitergeben.“

Klara Klette hat diese Geschichten im Januar 2018 als Auszubildende von Edis in Potsdam gehört. „Es war extrem ergreifend“, sagt sie. Nach dem Vortrag hätte im Raum völlige Stille geherrscht. „Es gab dem nichts mehr hinzuzufügen.“ Seitdem denkt die junge Frau mehr über die Dinge nach, „die heute so ablaufen“. Damit meint sie auch den Aufstieg der AfD.

Sorge wegen des politischen Klimas

Auch Schwarzbaum selbst bereiten das politische Klima und wachsender Antisemitismus Sorgen. „Weil ich mir überlege: Musst du wieder deine Koffer packen und wieder gehen?“ Im Mercure-Saal selbst muss er solche Gedanken nicht hegen. Der Chef der Staatskanzlei, Martin Gorholt (SPD), sagt: „Sie sind ein Vorbild für uns.“ Für den Geschäftsführer von „Pro Brandenburg“, Andreas H. E. Kimmel, ist der langjährige Freund schlicht „ein toller Kerl“, der jeden mit seinem Charme und seiner Geistesgegenwart beeindrucke. Das „Pro Brandenburg“-Vorstandsmitglied Dirk Rommel schwärmt von dem Schalk, „den er nie verloren hat“. Justizminister Stefan Ludwig (Linke) setzt sich für einen Schwatz mit ihm zusammen.

Seine Freundin Etta Schiller sagt der MAZ: „Er besitzt eine große Güte und eine große Souveränität gegenüber dem Unbill des Lebens und ein großes Mitgefühl mit den Mitmenschen.“ Für seinen „erstaunlichen Mangel an Bitterkeit“ hat die Juristin nur eine Erklärung: „Man muss mit so einem Charakter geboren sein.“

Leon Schwarzbaum bleibt auch an diesem Nachmittag unverdrossen. „Ich denke, dass ich das noch mehrere Jahre machen kann, sofern mir der liebe Gott die Kraft und die Gesundheit dazu gibt“, kündigt er seinen Gästen an.

Von Rüdiger Braun

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