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Brandenburg DDR-Relikt RFT hat in der Mark überlebt
Brandenburg DDR-Relikt RFT hat in der Mark überlebt
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13:52 08.10.2013
Die Geschäftsführer von RFT-Kabel: Klaus-Peter Tiemann (l., 68) und dessen Sohn Stefan Tiemann (34). Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert
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Brandenburg an der Havel

Hölzerne Kiste, ein Dutzend Plastikknöpfe und eine gewölbte Bildröhre. Die Verpackung ist nicht sexy. Aber die inneren Werte machten die Kiste zu einer ostdeutschen Techniksensation. Der Farbfernseher Color 20 aus dem Hause RFT war 1969 der erste „Farbfernseh-Empfänger weltweit“, der komplett mit Transistortechnik funktionierte, erklärt der Brandenburger Klaus-Peter Tiemann. Mit einem weißen Tuch fährt er vorsichtig über den Bildschirm des Technikveterans: Der Fernseher hat etwas Staub angesetzt. Tiemann war einer der Ingenieure, die damals den RFT-Empfänger mit Weltniveau entwickelten. Klar, dass er ein Exemplar des Color 20 über die Zeit gerettet hat. Heute ist Tiemann Geschäftsführer der RFT-Kabel Brandenburg GmbH – ein Kabelnetzbetreiber mit langer RFT-Geschichte, der seine Tradition pflegt und feiert: Am Freitag wird in Brandenburg an der Havel auf 65 Jahre RFT angestoßen.

Tradition in Brandenburg

Unter dem Warenzeichen RFT wurden zu DDR-Zeiten zum Beispiel Produkte des Volkseigenen Betriebs Sternradio Berlin und des Fernsehgerätewerkes Staßfurt (Sachsen-Anhalt) vertrieben.

In der Stadt Brandenburg an der Havel startete die RFT-Geschichte 1958 mit dem Aufbau einer Werkstatt für Gerätetechnik. In allen RFT-Betrieben sollen bis zu 90.000 Menschen gearbeitet haben.

Die RFT Kabel Brandenburg GmbH ging aus dem VEB RFT Industrievertrieb Rundfunk und Fernsehen Potsdam hervor, der sich um den Verkauf und die Reparatur der Geräte im damaligen Bezirk Potsdam kümmerte. Klaus-Peter Tiemann war ab 1976 der für den Reparaturservice zuständige Direktor. Später wurde er Betriebsdirektor und nach der Wende Geschäftsführer. Nach zwei gescheiterten Verkaufsversuchen durch die Treuhand übernahm Tiemann die Firma im Jahr 1994.

In der Havelstadt erhitzte kürzlich eine Preiserhöhung der RFT Kabel Brandenburg die Gemüter. Verbraucherschützer monierten eine Klausel in den Geschäftsbedingungen. Das sei korrigiert, versichert Tiemann. Die Preiserhöhung – die erste seit zehn Jahren, so der Seniorchef – ist in Kraft getreten und kaum ein Kunde habe gekündigt. so

Die drei großen Buchstaben standen für Radio- und Fernmeldetechnik. 1948 wurde im Osten Deutschlands der RFT-Verband gegründet, zu dem bald darauf zahlreiche Elektronikbetriebe gehörten. „Jeder Transistor und jeder Widerstand, Schiffselektronik und Oszillografen, jeder Plattenspieler und jeder Fernseher – alles wurde zu DDR-Zeiten unter diesem Namen hergestellt“, erzählt Tiemann. Nach der Wende verschwanden die Firmen mit den drei Buchstaben im Namen peu à peu. Bis auf eine, wie der Brandenburger stolz berichtet. Er hat den ehemals volkseigenen RFT Industrievertrieb Rundfunk und Fernsehen Potsdam in die privatwirtschaftliche Neuzeit gerettet. „Für dieses Logo haben wir uns in der Vergangenheit nie schämen müssen“, sagt der Firmenchef. Also habe er es bewahrt. Nur die Geschäftsinhalte haben sich schnell geändert.

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In den 90er-Jahren ging es nicht mehr darum, Fernsehtechniker in Privathaushalte zu schicken, um defekte Mattscheiben zu reparieren. Der Unternehmer Tiemann sah für seine Firma eine ganz andere Marktlücke: Im Osten mussten Kabelnetze aufgebaut werden. Schließlich sollten in der Neuzeit zum Beispiel deutlich mehr Fernsehprogramme als bisher zum Kunden gelangen. Zu Ostzeiten hatte RFT Antennenanlagen für die Wohnungswirtschaft errichtet, erklärt Tiemann. Heute investiert das Brandenburger Unternehmen in neue, leistungsstarke Kabelnetze in der Hauptstadtregion. Anfangs machten sich die Signale noch über Kupferkabel auf die Reise zum Kunden. Mittlerweile ist die Glasfaser der Star. Und die Kunden bekommen schon lange nicht mehr nur die Fernsehbilder auf diesem Weg, sondern beziehen so auch ihr schnelles Internet und den Telefonanschluss. Mehr als 80.000 Haushalte in Brandenburg und Berlin versorgt das Unternehmen derzeit. Etwa die Hälfte der Kunden nutzt das RFT-Kabel auch zum Telefonieren und Surfen im Internet.

RFT Kabel Brandenburg GmbH heißt das Unternehmen erst seit 2009. Zuvor war noch von der „Radio-Television“ im Firmentitel die Rede. Tiemanns Sohn Stefan sorgte dafür, dass das Kabelgeschäft auch im Namen sichtbar wurde. Der studierte Wirtschaftsingenieur tritt in die Fußstapfen des Vaters. Auch wenn das nicht immer so einfach sei, wie der 34-Jährige mit einem Lächeln erklärt.

Die Firma spielt als Kabelnetzbetreiber in einer Liga mit Anbietern wie der Telekom oder dem Unternehmen Kabel Deutschland, das künftig zum britischen Mobilfunkriesen Vodafone gehört. „Gegen die müssen wir bestehen“, sagt Stefan Tiemann. „Und bisher gelingt das ganz gut.“ Einer der Gründe dafür sei die Glasfaser, auf die die Brandenburger bei der Datenübertragung konsequent setzen. So könne man auch die Bedürfnisse der Kunden „von morgen und übermorgen befriedigen“, ergänzt der 68-jährige Seniorchef. Das Unternehmen hat Premnitz (Havelland) als erste Stadt im Osten mit einem Glasfasernetz versorgt.

Insgesamt ist das Familienunternehmen in 19 Kommunen aktiv, so auch in Brandenburg/Havel – der Heimat der Tiemanns, in der Dietlind Tiemann, die Frau des Seniorchefs, CDU-Oberbürgermeisterin ist. In der Havelstadt schlägt auch das technologische Herz des Kabelnetzbetreibers – im sogenannten Netzknoten. Hier werden die Signale erzeugt, die zu den Kunden in Potsdam, Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) oder Luckenwalde (Teltow-Fläming) weitergeleitet werden.

Im Rauschen der Klimaanlage entwirft Stefan Tiemann neue Ideen. Im Gespräch ist ein kleines Rechenzentrum, das Firmenkunden zur Verfügung gestellt werden kann. Der Wirtschaftsingenieur für Elektrotechnik will mit neuen Technologien die Glasfaser besser nutzen und mehr Daten über eine Faser übertragen. Das wäre ein Leistungssprung, wenn man bedenkt, dass in einem Kabel bis zu 196 Glasfasern stecken. Der Lichtleiter im Inneren ist dünner als ein menschliches Haar.

Die große RFT-Geschichte des Unternehmens sieht der Juniorchef nicht als Belastung. Im Gegenteil: Ein Kabelnetzbetreiber mit Geschichte, das habe was. Der 34-Jährige präsentiert drei rote Mappen: Eine Sammlung von jahrzehntealten Dokumenten. Schriftstücke, die belegen, in welchen Ländern das Warenzeichen RFT angemeldet war. Mehr als 70 waren es zu DDR-Zeiten, darunter die USA und China, Kuba und der Libanon.

„RFT und die Fernsehproduktion in Staßfurt sind ein Begriff“, sagt Stefan Tiemann. Im Osten tauge dieser Begriff als Türöffner. Er biete eine Gesprächsbasis. Und wenig später komme Hochachtung hinzu: „Mensch, ihr habt es geschafft, ihr habt das Unternehmen nicht nur über die Wende gerettet, sondern auch weiterentwickelt“, heißt es dann. Die RFT Kabel Brandenburg GmbH ist heute Kern eines Firmenverbundes mit insgesamt fünf Unternehmen, die sich neben dem Kabelgeschäft auch um Gebäudeleittechnik und Hausverwaltung kümmern sowie Stadtfernsehen anbieten. Der Verbund macht einen Jahresumsatz von gut 18 Millionen Euro und hat mehr als 130 Beschäftigte. Etwa jeder Zehnte davon ist ein Lehrling.

Klaus-Peter Tiemann startete seine Lehre als Rundfunk- und Fernsehmechaniker 1961 – natürlich bei RFT. Sein Faible fürs Fernsehen wusste er stets zu pflegen. Schon in den 70er-Jahren hatte er sich einen transportablen Mini-Bildschirm aus japanischer Produktion in seinen Polski Fiat montiert. Und er funktionierte. Am besten sei der Fernseh-Empfang allerdings gewesen, wenn das Auto stand, erzählt der Ingenieur schmunzelnd.

Von Ute Sommer

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