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Brandenburg Damit Kinder nicht pendeln müssen: Heimatverein rettet Kita
Brandenburg Damit Kinder nicht pendeln müssen: Heimatverein rettet Kita
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16:44 21.08.2019
Robert Pulz ist Vorsitzender des Heimatvereins von Medewitz. Der Verein hat die Kita "Knirpsentreff" gekauft, weil sie für die Gemeinde nicht mehr bezahlbar war. Quelle: Hannah Rüdiger
Medewitz

Die Apfelbäume im Garten der Kita Medewitz tragen schwer. An jedem Ast baumeln unzählige grüne bis rötliche Äpfel, wenn auch viele davon nicht größer geraten sind als Aprikosen. Robert Pulz pflückt ein besonders pralles Exemplar und beißt hinein. Dabei erzählt er die Geschichte seiner Dorfkita: Unter den Obstbäumen und der Trauerweide spielten alle seiner drei Kinder, so wie er selbst und auch sein Vater vor ihm. Im „Knirpsentreff“ entstanden Freundschaften fürs Leben.

Der 37-Jährige ist der Vorsitzende des Heimatvereins von Medewitz. Der Verein kümmert sich darum, das Dorfleben aufrecht zu erhalten, richtet Treckertreffen und Dorffeste aus. Seit Kurzem kommt ihm eine neue Rolle zu: Der Heimatverein ist nun Eigentümer der Kita „Knirpsentreff“. Es ist ein letzter Versuch, um den Kindergarten zu retten.

Medewitz hat seit 1922 eine Kita

Das Doppeldorf Medewitz und Medewitzerhütten gehört zur Gemeinde Wiesenburg (Potsdam-Mittelmark) und zählt zusammengerechnet knapp 460 Einwohner. Generationen von Medewitzern schickten ihre Kinder in die örtliche Kita, die 1922 als Erntekindergarten eröffnete und seit den 90er Jahren von der Gemeinde betrieben wird. Im Laufe der Jahre sanken die Anmeldezahlen, mehrmals drohte die Schließung der Kita.

„Wenn nur noch drei bis vier Kinder kommen, kann man eine Kita nicht mehr wirtschaftlich betreiben“, sagt Robert Pulz. Bei einer so knappen Belegung lohne es sich zudem nicht, in das sanierungsbedürftige Gebäude zu investieren.

Der Vereinsvorsitzende engagiert sich seit Jahren in seiner Gemeinde, ist als Gemeindevertreter, Vorsitzender des Hauptausschusses und Mitglied des Ortsbeirates bestens vernetzt. Gemeinsam mit Marco Beckendorf, dem Bürgermeister von Medewitz, suchte er nach einem Weg, um die Kita zu erhalten.

Das Kitagebäude (rechts) wurde 1922 gebaut. Das Gebäude nebenan steht leer und soll bald wieder Dorfgemeinschaftshaus sein. Quelle: Hannah Rüdiger

Fördermittel für die Sanierung des „Knirpsentreffs“

Die Lösung: Fördermittel aus dem Leader-Programm, mit dem die Landesregierung den ländlichen Raum stärken will. Weil es für einen gemeinnützigen Verein einfacher ist, solche Fördermittel zu beantragen, sprang der Heimatverein ein. Betreiber des „Knirpsentreffs“ bleibt weiterhin die Gemeinde.

Mit bis zu 250.000 Euro Förderung können die Medewitzer rechnen, einen Eigenanteil von 25.000 Euro müssen sie selbst aufbringen. Für eine kleine Dorfkita, in der zur Zeit neun Kinder betreut werden, ist das ein hoher Betrag, der noch gesammelt werden muss. Aber Robert Pulz ist es wichtig, dass die Medewitzer Kinder dort betreut werden, wo sie herkommen, wo sie wohnen: In ihrer Heimat.

„Man wird hier miteinander groß“, sagt Pulz. „Es gibt in unserer Kita kein Yoga und kein Englisch, aber die Kinder lernen voneinander.“ Was das für ihre Entwicklung bedeute, sei nicht in Geld zu messen: „Man muss sich von dem Zwang der Wirtschaftlichkeit entfernen.“

Kinderbetreuung als Wahlkampfthema

Der Fall von Medewitz zeigt, dass das Wahlkampfthema Kinderbetreuung, das sich durch alle Parteiprogramme zieht, auch die Menschen im Land umtreibt. Nur, dass die Probleme meist andere sind: Während Brandenburgs Städte mit Personalmangel und hoher Auslastung in Kitas zu kämpfen haben, bangen viele Kindergärten im ländlichen Raum um ihre Existenz.

Was die frühkindliche Bildung angeht, herrscht zumindest in einem Punkt bei allen großen Brandenburger Parteien Einigkeit: Die Abschaffung der Elternbeiträge fordern nicht nur SPD, Grüne und Linke, sondern auch CDU, Freie Wähler und FDP. Auch die AfD plädiert in ihrem Wahlprogramm für eine Entlastung der Eltern.

Robert Pulz ist Vorsitzender des Heimatvereins von Medewitz, Gemeindevertreter, Vorsitzender des Hauptausschusses und sitzt im Ortsbeirat. Quelle: Hannah Rüdiger

Ein Drittel von Brandenburgs Kita-Kindern zahlt keine Gebühren

In dem Gute-Kita-Gesetz, das seit dem 1. August in Brandenburg gilt, ist die Beitragsfreiheit für einen Teil der insgesamt 185.000 Kita-Kinder bereits verankert: Kinder aus einkommensschwachen Familien, die Sozialleistungen beziehen oder von der Grundsicherung leben, dürfen kostenlos in den Kindergarten. Das betrifft etwa ein Drittel der Kinder im Land. Das letzte Kita-Jahr vor der Einschulung ist für alle beitragsfrei.

Perspektivisch könnten in Brandenburg alle Elternbeiträge abgeschafft werden. Für Robert Pulz aus Medewitz wäre das ein schwerwiegender Fehler. „Aus Sicht der Eltern ist das natürlich eine tolle Sache“, sagt er.

Unter dieser Nummer können Sie die MAZ-Wahlreporter erreichen. Quelle: Maike Schultz

Dorfkinder müssen für Bildung pendeln

Aber die Einnahmen, die dadurch wegfielen, müssten die Kommunen dann alleine stemmen. Wenn es die Gemeinden zu viel kostet, ihre Kitas zu erhalten, würden sie die kleinsten auf Dauer schließen. Nicht immer ist ein Heimatverein da, um in die Bresche zu springen.

In Medewitz pendeln die Kinder jetzt schon zur Grundschule nach Wiesenburg, für die weiterführende Schule fahren sie bis nach Bad Belzig. Ohne den „Knirpsentreff“ müssten dann auch noch die Allerjüngsten pendeln, erklärt Pulz. Als Dorfkind würde man so quasi zur Landflucht erzogen.

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Von Hannah Rüdiger

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