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Brandenburg Kampfsportler, Kriminelle, Hooligans: Das Netzwerk der Cottbuser Rechtsextremen
Brandenburg Kampfsportler, Kriminelle, Hooligans: Das Netzwerk der Cottbuser Rechtsextremen
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00:24 13.04.2019
Ehemalige Mitglieder der Fangruppe „Inferno“ des Fußballklubs Energie Cottbus gelten als Unterstützer des Netzwerks.
Ehemalige Mitglieder der Fangruppe „Inferno“ des Fußballklubs Energie Cottbus gelten als Unterstützer des Netzwerks. Quelle: imago/pmk
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Cottbus

Ein „toxisches Gebilde“ nannte Anfang des Jahres Brandenburgs Verfassungsschutz-Sprecher Heiko Homburg das, was da in Cottbus entstanden ist: Eine unübersichtliche Mischszene aus Rechtsextremisten, Kampfsportlern, Sicherheitsunternehmen, Kriminellen und Fußballhooligans. Gemeinsam ist allen ein Weltbild, dessen Essenz eine einschlägige rechte Mode-Marke als Slogan auf T-Shirts druckte: „Leben heißt Kampf“. Cottbus, so die Überzeugung dieser Kreise, soll als eine der härtesten Städte des Ostens gelten. „Wir kämpfen für die Freiheit einer ganzen Nation, stürzen die Tyrannen heute von ihrem Thron“, reimt der rechte Cottbuser Rapper „Bloody32“. Von Cottbus soll ein Zeichen ausgehen.

Die Szene fühlt sich sicher

Wie sicher sich die Szene fühlt, zeigen öffentliche Provokationen. Nach dem Aufstieg des FC Energie Cottbus feierten Hooligans 2018 auf dem zentralen Altmarkt der Stadt in Ku-Klux-Klan-Gewändern inklusive Hauben und brannten bengalische Feuer ab. Dazu hielten sie ein Plakat mit der Aufschrift „Aufstieg des Bösen“. Pikant daran: Polizisten standen in der Nähe und schritten nicht ein.

Im Januar 2017 zogen rund hundert teils vermummte Personen mit Bengalos durch die nächtliche Innenstadt und skandierten ausländerfeindliche Parolen. Die Kundgebung war nicht angemeldet.

Verfassungsschutz durchleuchtet Wachschützer

Der FC Energie Cottbus steht immer wieder im Mittelpunkt des Interesses. Zuletzt sorgten rechte Fans für Aufsehen, als sie ein Banner zum Gedenken an einen verstorbenen Neonazi entrollten. Daraufhin nahm die Vereinsspitze das Angebot des Brandenburger Verfassungsschutzes an, alle Ordner, die für den Verein tätig sind, auf Extremismusverdacht zu prüfen – der Klub reichte Namenslisten an den Nachrichtendienst weiter.

2018: Energie Cottbus Fans feiern den Aufstieg ihres Klubs in Ku-Klux-Klan-Tracht. Quelle: privat

Die Ultras der Gruppe „Inferno 1999“ haben zwar 2017 über Facebook ihre Selbstauflösung erklärt – vermutlich, um einem Verbot zuvorzukommen. Doch zweifeln Ermittler daran, dass die Mitglieder in Hooligan-Rente gegangen sind. Das Polizeipräsidium in Potsdam bestätigt, dass Mitglieder von „Inferno“ unter den in der Razzia Gefilzten sind.

Rechte Mode gehört zum Straßenbild

Fotos von dem Großeinsatz am Mittwochmorgen zeigen Polizeifahrzeuge vor dem Ladengeschäft „Blickfang“ in der Cottbuser Mühlenstraße. Starker Mann hinter „Boxing Connection“ ist der Ex-Inhaber, ein Kampfsportler und Neonazi, der einige Zeit im Gefängnis verbrachte, weil er einen Rocker verletzt hatte. Und: Der Modeunternehmer gehört zur Gründergeneration von „Inferno“.

Der Laden steht symbolisch dafür, wie weit die rechte Szene mittlerweile in die Alltags- und Jugendkultur Boden gut gemacht hat. Das Geschäft verkauft Bekleidung der Marken „Label 23“ beziehungsweise „Boxing Connection“, die vor Jahren klar als rechte Szenelabel gestartet waren und mittlerweile unverdächtige oder codierte Aufschriften verwenden – „Sparta“ zum Beispiel, gewidmet dem von Rechtsextremisten hoch verehrten antiken Kriegervolk. Sparta steht in der rechten Szene für die letzte Bastion gegen Invasoren von außen. Die Marke druckt aber auch T-Shirts mit Slogans wie: „Ihr könnt uns observieren, aber nicht abservieren“.

Kampfsportler auf Kundgebungen

Die aus Cottbus stammende SPD-Politikerin und DFB-Fußballschiedsrichterin Maja Wallstein sagt: „Ich sehe immer mehr Jugendliche am Bahnhof mit Label-23-Shirts, wenn ich zu Auswärtsspielen von Energie Cottbus fahre.“ Viele wüssten vermutlich nicht einmal, wofür das Label stehe. Mehrere Streetware-Läden haben jedoch wegen der Kontroverse um die politische Ausrichtung von „Label 23“ die Marke aus dem Angebot genommen.

Cottbuser Muskelmänner gehören mittlerweile zum Stadtbild. Volltätowierte Kampsportler waren auch auf Kundgebungen des fremdenfeindlichen Vereins „Zukunft Heimat“ präsent. Zukunft-Heimat-Chef Christoph Berndt ist mittlerweile Landtagskandidat der Brandenburger AfD – auf Listenplatz zwei.

Für Schlagzeilen sorgte kürzlich die Wachschutzfirma „Boxing Security“ eines in der Szene gut vernetzten Kampfsportlers. Sie hatte als Subunternehmen Wachdienste ausgerechnet in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen (Oberhavel) übernommen. Als Ordnungsdienst im Stadion hatte die Firma außerdem Geld verdient.

Ökonomische Interessen

Die unterschiedlichen Mitwirkenden in dem rechten Szene-Konglomerat „etablieren gerade eine gemeinsame Subkultur, die sie auch versuchen ökonomisch aufzustellen, damit man auch Geld daraus ziehen kann“, sagte Verfassungsschützer Homburg Anfang des Jahres dem RBB.

„Es ist eine gefährliche Minderheit, die mit Hilfe von gezielter Öffentlichkeitsarbeit die Stadt dominieren möchte“, sagt SPD-Politikerin und Europa-Spitzenkandidatin Wallstein, die unverdrossen ihrem Verein die Treue hält. „Die Mehrheit der Cottbuser will mit diesen Leuten nichts zu tun haben“, sagt die Ex-Juso-Chefin. „Es gibt viele kritische Stimmen, aber die Mehrheit ist nicht laut genug.“ In der Stadt erfordere es zunehmend Mut, sich gegen die rechten Umtriebe auszusprechen.

Die Grünen-Fraktionschefin im Potsdamer Landtag, Ursula Nonnemacher, sieht Versäumnisse ganz oben an der Stadtspitze: „Vorhandene Initiativen bedürfen der Unterstützung der Politik. Hier ist weiterhin auch Cottbus' Oberbürgermeister Holger Kelch gefragt.“ Dem CDU-Mann werfen Kritiker eine zögerliche Haltung im Kampf gegen rechts vor. Im Gegensatz etwa zu dem ehemaligen Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), der 2016 erfolgreich ein Bürgerbündnis gegen die aufkommende Potsdamer Pegida anführte, hatte Kelch sich nicht gerade nach vorn gedrängt.

Von Ulrich Wangemann