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Brandenburg Decision Theatre bewertet Klimaentscheidungen
Brandenburg Decision Theatre bewertet Klimaentscheidungen
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00:25 19.05.2019
Das Decision Theatre im Einsatz bei einer Diskussion am Potsdamer IASS Quelle: Rüdiger Braun
Potsdam

Nehmen wir an, es müssten Entscheidungen für eine Verkehrswende in Potsdam getroffen werden, die den CO 2 -Ausstoß senken. Das ist zwar nicht direkt die Aufgabe der gut 50 Nachwuchswissenschaftler, die am Montag im Potsdamer Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in der Berliner Straße zusammensitzen. Die jungen Menschen sollen ganz allgemein über eine städtische Mobilität mit weniger CO 2 -Ausstoß nachdenken. Aber ihr Tagungsort würde ganz hervorragend als Beispiel passen.

Die beiden Moderatorinnen der Diskussion, Jahel Mielke und Sarah Wolf, beides Wissenschaftlerinnen am Berliner Forschungsinstitut GCF – Global Climate Forum, fordern die Gäste auf, mal Regierung zu spielen und ein paar grundlegende politische Entscheidungen zu treffen. Drei Gruppen mit jeweils drei jungen Wissenschaftler haben sich gebildet. Sie nennen sich Carl, Bertha und August. Ihre Vorschläge hören sich alle sehr vernünftig an.

Vorschläge für ökologische Verkehrskonzepte

Die Gruppe Bertha meint es zum Beispiel gut mit den Fahrradfahrern und investiert kräftig in Radwege. Außerdem nutzt sie digitale Instrumente, um den Verkehr effizienter und ökologischer zu machen. In ihrer idealen Stadt schlägt das Handy die für den einzelnen Nutzer beste und ökologischste Reihenfolge der Verkehrsmittel vor. Das geht etwa so: Fahre mit dem Rad bis zum Luisenplatz, steige dort in das bereitstehende Car-Sharing-Auto, fahre mit diesem zum Bahnhof und von dort mit dem Bus nach Michendorf. Ein solches System müsste nun doch wirklich die Treibhausgase senken, meint man. Falsch gedacht. Denn das bei dieser Diskussion erstmals in Potsdam genutzte technische Instrument Decision Theatre sagt etwas ganz anderes.

Übersetzen könnte man Decision Theatre als „sofortige Präsentation von Entscheidungsergebnissen“. Bei der Potsdamer Sommerschule an der IASS besteht es aus vier großen Monitoren. Es leuchten Grafiken auf wie man sie von Power-Point-Präsentationen kennt. Doch das Wesentliche passiert hinter den Kulissen, genauer gesagt in Rechnern. In das Decision Theatre der Sommerschule gehen atemberaubend viele Forschungsergebnisse von Verkehrsverhalten bestimmter Menschen unter bestimmten Bedingungen ein, schließlich auch der Zusammenhang zwischen den jeweils bewegten Verkehrsmitteln und dem darauf folgenden Treibhausgasausstoß. Was man tagelang aufwendig recherchieren müsste – das Decision Theatre hat es in Millisekunden parat und präsentiert unmittelbar Ergebnisse auf seinen Monitoren. Die lassen staunen.

Radfahrer ins Auto gelockt

Zur Überraschung der Gruppe Bertha und aller Anwesenden zeigt die Grafik, dass der CO 2 -Ausstoß gar nicht so stark sinkt. Und vor allem: Das Radfahren nimmt trotz besserer Wege kaum zu. Mit ihrem digitalen Angebot hat Bertha die Radfahrer nämlich zum Teil in die Car-Sharing-Fahrzeuge gelockt – und die stoßen am Ende sehr viel CO 2 aus. Viel besser schneidet die Gruppe Carl ab. Der waren die Fahrradfahrer fast schnuppe, ansonsten hat sie zwar viele Parameter verändert, zum Beispiel die Spritpreise erhöht, aber das Entscheidende war das bei ihr zulässige Gewicht motorisierter Fahrzeuge. Verbietet man den Leuten schlicht das Kutschieren in großen SUVs, senkt das den CO 2 -Ausstoß enorm – und es hat den schönen Nebeneffekt, dass viele Nutzer dann doch gleich lieber mit dem Rad fahren.

„Ich fand die Diskussion sehr fruchtbar“, sagt die moderierende Jahel Mielke, die am Global Climate Forum schon mehrere Decision-Theatre-Veranstaltungen geleitet hat. „Das System hilft dabei, mögliche Zielkonflikte in der Verkehrswende transparent zu machen. Es zeigt auch, dass der gute Wille manchmal in eine unerwartete Richtung führen kann.“

Die Dinge laufen oft anders als man denkt

Darin sieht auch der Direktor des Berliner Global Climate Forum, der Nachhaltigkeitsforscher Carlo C. Jaeger, den größten Vorteil des Decision Theatres. „Das System konfrontiert die Menschen mit der Tatsache, dass die Dinge meist weniger klar sind, als sie meinen.“ Jaeger und sein Forschungsteam haben vor allem in Zusammenarbeit mit der privaten Leuphana Unversität in Lüneburg das Decision Theatre in Deutschland weiter entwickelt. Kennengelernt hat er es 2012 an der Arizona State University in Tempe, an der er ebenfalls lehrt. Die Universität nutzt das System zum Beispiel, um das Wassermanagement in der Wüstengegend zu verbessern.

„Politiker müssen heute in sehr kurzer Zeit sehr weitreichende Entscheidungen treffen“, sagt Jaeger. Für eine vernünftige Auswertung des ganzen Forschungsmaterials zum Thema bleibe aber kaum Zeit. Was, wenn nun ein System zumindest ein mögliches Spektrum von Folgen sofort aufzeigte? Das Decision Theatre sei so ein System. Mit einem fünfköpfigen, allerdings tüchtigen Team von Softwareingenieuren und Wissenschaftlern lässt sich seiner Erfahrung nach schon innerhalb etwa eines halben Jahres ein halbwegs kompetentes Expertensystem zu einem bestimmten Thema aufbauen.

„Das Decision Theatre ist kein Orakel“, warnt Jaeger. „Man kann die Dinge nicht so sicher sagen.“ Das Ergebnis stelle eher ein breites Spektrum von Möglichkeiten statt eines allein gültigen Pfades dar. Und selbstverständlich müsste es neuen Erkenntnissen angepasst werden. Das in der Potsdamer Veranstaltung genutzte System zur Mobilität berücksichtige zum Beispiel nicht die Möglichkeit einer nächsten technologischen Revolution.

Ein neues digitales Instrument auf Siegeszug

„Was ist, wenn es Toyota gelingt, ein global wettbewerbsfähiges Wasserstoffauto zu bauen?“, fragt Jaeger. Dann würde vermutlich sofort alle mit Brennstoffzellen fahren – und es gäbe überhaupt keinen langsamen Übergang vom Verbrennungsmotor hin zum Elektromotor mehr, wie ihn das in Potsdam vorgestellte System aufgrund des bisherigen Verhaltens als einzige Möglichkeit annimmt. Mit solchen neuen Voraussetzungen müsste das Decision Theatre die Folgen politischer Entscheidungen ganz anders berechnen. Unter diesen Bedingungen hätte die Gruppe Bertha mit ihrem Vorschlag vielleicht sogar gewonnen.

Inzwischen gibt es immer mehr Einrichtungen, die am und mit dem Decision Theatre arbeiten. In Amerika ist es zum Beispiel auch an McCain Institute for International Leadership in Washington D.C. vertreten, in China arbeitet die Huazhong Universität für Wissenschaft und Technologie damit. In Europa benutzen unter anderem die finnische Lahti Universität für angewandte Wissenschaften, die englische Universität von Newcastle, die private Leuphana Universität in Lüneburg, ein Forschungsinstitut in Bad Neuenahr-Ahrweiler und eben das Berliner Global Climate Forum das Decision Theatre. Jaeger ist sicher: Bald wird das intelligente Instrument seinen Siegeszug auch in die Öffentlichkeit antreten. Er selbst plant bereits Veranstaltungen in Brandenburg, an der nicht nur Wissenschaftler und Experten teilnehmen sollen. Einen konkreten Termin nennt er noch nicht. Es soll jedenfalls um die Energiewende gehen.

Ob er sich vorstellen kann, dass auch irgendwann die Stadtverordneten Potsdams die Folgen bestimmter Entscheidungen vom Decision Theatre prüfen lassen? „Absolut!“, sagt er. „Das ist ein sehr gutes Beispiel.“ Aber wie viel Jahrzehnte wird es noch dauern, bis die Potsdamer SVV ein solches intelligentes System zu Rate zieht? „Das dauert weniger als zehn Jahre“, ist sich Jaeger sicher.

 

Von Rüdiger Braun

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