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Brandenburg Der Familie zuliebe
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08:29 30.07.2013
Matthias Platzeck mit Ehefrau Jeanette. Quelle: Köster
Potsdam

Sechs Wochen sind keine lange Zeit. Aber sie waren für Matthias Platzeck ausreichend, in Ruhe in sich zu gehen, sich mit der Familie zu beraten und dann zu entscheiden, was ein solcher gesundheitlicher Schicksalsschlags bedeutet. Die damalige Diagnose der Ärzte war für einen Mann wie Platzeck, dessen Strahlkraft ihn so populär machte und dem Lebenslust so wichtig ist, ein Schock: leichter Schlaganfall. So etwas verändert viel und relativiert nach 22 Jahren an vorderster Front als märkischer Politiker viel.

Einer seiner Lieblingssätze ist: „Das Leben spielt sich in Relationen ab.“ Das trifft wohl auch auf sein Ringen in den letzten Wochen zu. Bleiben oder gehen? Rücksicht auf die Bundestagswahl nehmen? Wie hoch sind die gesundheitlichen Risiken, dass es ihn erneut trifft? Der dreiwöchige Urlaub hat Platzeck gutgetan, sagt er und fügt hinzu, auch seiner Frau und der Familie. Platzeck war immer, ungeachtet seiner aufreibenden und dauerpräsenten Jobs – erst als Umweltminister, dann als Oberbürgermeister in Potsdam und seit 2002 als Ministerpräsident – ein Familienmensch. Die Familie ist ihm wichtig, sie kommt oft zusammen, nicht nur zu Weihnachten. Und am Ende war Platzecks Verzicht auch eine Entscheidung für seine Frau Jeanette, seine Töchter, die Familie, auf die er nun mehr Rücksicht nehmen will.

Platzeck war von Anfang an offen wie kaum ein anderer Politiker mit seiner Erkrankung umgegangen. Das hat ihm schon Pluspunkte bei den Wählern 2006 gebracht, als er ermattet von zwei Hörstürzen den SPD-Bundesvorsitz nach nur 146 Tagen abgeben musste. Er berappelte sich und konzentrierte sich fortan auf seine märkische Provinz. Es folgten dann immer wieder einige gesundheitliche Downs, ein eingeklemmter Ischiasnerv, eine Grippe, die aber nicht schlimm waren, ihm allerdings den Ruf einbrachten, gesundheitlich anfällig zu sein. Ein Umstand, dem ihm die Opposition gern unter die Nase rieb.

Matthias Platzeck blickt auf eine lange und erfolgreiche politische Karriere zurück - immer wieder musste der gebürtige Potsdamer aber auch herbe Rückschläge hinnehmen. Die MAZ hat die wichtigsten Stationen im Leben des 59-Jährigen zusammengefasst.

Seiner Popularität tat dies alles keinen Abbruch. Nicht einmal politische Fehlentscheidungen sorgten für Verschiebungen in der Wählergunst. Seit Jahren ist die SPD stärkste Kraft – mit großem Abstand zur Konkurrenz. Platzeck liegt im Ranking der Politiker auch weit und unangefochten vorn. Platzeck überstand sogar das Flughafen-Desaster, obwohl er eine Hauptverantwortung als Mitglied des Aufsichtsrats trug, weitgehend unbeschadet – nur ein paar Kratzer, aber kein Vergleich zum Ansehenseinbruch seines Berliner Amtskollegen Klaus Wowereit.

Platzeck wirkt mit seiner freundlichen, verbindlichen Art stets bodenständig, authentisch und das ist keine Masche, sondern echt. Sein positives Image hat Brandenburg trotz vieler struktureller Probleme nach vorn gebracht. Platzeck hat bundesweit einen Namen und eine Bekanntheit, die kein brandenburgischer Politiker derzeit erreicht. Er hat einen engen Draht selbst zu Angela Merkel, die er auch vorab über seinen Amtsverzicht ins Bild setzte.

Der politische Druck auf Platzeck nahm in den vergangenen drei Jahren zu. Seine 2009 neu gebildete rot-rote Koalition geriet anfangs in schwere Turbulenzen wegen einiger unaufgearbeiteter Stasi-Fälle. Später trat sein enger Vertrauter, Innenminister Rainer Speer, wegen eines nicht gezahlten Kindesunterhalts zurück. Platzeck fehlte fortan sein Feuerwehrmann, sein Ausputzer und Stratege. Schon damals frohlockte die CDU-Opposition, Platzeck würde diesen personellen Verlust politisch nicht überleben. Doch Platzeck berappelte sich, stand wieder auf und zeigte seinen Brandenburgern, was Selbstbewusstsein ist, die ihn dafür lieben.

Ende August will Matthias Platzeck als Ministerpräsident und SPD-Landeschef in Brandenburg zurücktreten - wohl aus gesundheitlichen Gründen. Bei den Brandenburgern trifft der 59-Jährige mit seiner Entscheidung überwiegend auf Verständnis.

Das könnte immer so weitergehen. Aus Sicht seiner Wähler, aber vor allem seiner SPD. Platzeck war die SPD. Die SPD war Platzeck, der stets der Garant für große und kleine Wahlerfolge und für Mandate in den Gemeinden, Kreistagen sowie im Landtag und Bundestag war. Brandenburg ohne den Landesvater Platzeck – für viele irgendwie unvorstellbar. Und die Perspektive war klar: Platzeck sollte 2014 noch einmal für die SPD den Wahlsieg einfahren. Wie 2004, als er gegen den Bundestrend die Hartz-IV-Reformen verteidigte und gewann. Im November 2009 wurde er dann zum dritten Mal an die Spitze der brandenburgischen Landesregierung gewählt – diesmal war es eine mit den Linken.

Daraus wird nun nichts. Platzeck, der Ende Dezember 60 wird, will sich nicht gänzlich aus der Politik zurückziehen. Er bleibt Abgeordneter im Landtag. Seinen Wahlkreis in der Uckermark gewann er direkt. Dort ist auch sein Rückzugsgebiet, für das er künftig wohl mehr Zeit hat als bislang.

Von Igor Göldner

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