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Brandenburg Der Frust sitzt tief: Warum die AfD in Ostdeutschland so erfolgreich ist
Brandenburg Der Frust sitzt tief: Warum die AfD in Ostdeutschland so erfolgreich ist
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06:42 25.07.2019
Wahlplakat der AfD. Welches Land möchte die Partei „zurückholen“? Und von wem? Quelle: Foto: RÜdiger. Böhme
Potsdam

 Das Motiv, mit dem die AfD vor der Landtagswahl in Brandenburg für sich wirbt, könnte provokativer kaum sein. „Hol Dir Dein Land zurück!“, steht da in weißen Lettern auf blauem Grund. Die Wahl der rechten Protestpartei, so wird dort suggeriert, sei eine „friedliche Revolution mit dem Stimmzettel“. Die AfD, deren führende Köpfe oft gar nicht aus dem Osten kommen – siehe Alexander Gauland, Björn Höcke oder Andreas Kalbitz – geht auf Stimmenfang mit eindeutigem Bezug zur Wende in der DDR. Warum tut sie das? Welche Stimmung ist es, die da aufgegriffen werden soll?

Unstrittig ist: Heute verfügt die AfD in den neuen Bundesländern über erheblich mehr Zuspruch als in den alten. In den Ergebnisgrafiken der letzten Europawahl kam plötzlich wieder der Umriss des gescheiterten SED-Staates zum Vorschein – in blauer Farbe.

Warum erfährt das demokratische System in Brandenburg so viel Ablehnung? Haben sich die materiellen Lebensbedingungen nicht spürbar verbessert? Es mag für einige ein Schock sein, nicht mehr in einer homogenen, deutschstämmigen Gesellschaft zu leben. Doch damit allein lässt sich die Ablehnung einer weltoffenen Republik nicht erklären.

***

Unter dem Thema „Bürger zweiter Klasse?“ fand unlängst im Potsdamer Einstein Forum eine Podiumsdiskussion statt. In den Ring geschickt wurden zwei Sozialdemokratinnen: Brandenburgs Wissenschaftsministerin Martina Münch, die bis 1987 in Heidelberg, Hamburg, London und den USA studierte, ehe sie 1995 mit ihrem Mann aus beruflichen Gründen nach Cottbus zog, und die in der DDR aufgewachsene Sozialwissenschaftlerin Frauke Hildebrandt.

Ernüchternde Bilanz

Die Tochter der legendären Sozialministerin Regine Hildebrandt zog eine ernüchternde Bilanz. 30 Jahre nach der Einheit werden die Ostdeutschen mit Einkommen abgespeist, die weit unter Westniveau liegen, gleiches gilt für die Vermögen. Nach der Deindustrialisierung mussten sich 80 Prozent der Ostdeutschen beruflich neu orientieren. Viele Betriebe wurden zur verlängerten Werkbank. Die Leitungsstellen – vom Abteilungsleiter aufwärts – haben in der Regel Westdeutsche inne. Dass das Folgen hat und aufgearbeitet werden muss, hat erst vor wenigen Tagen sogar die frühere Treuhand-Chefin Birgit Breuel eingeräumt. „In Westdeutschland wäre es nicht möglich gewesen, den Leuten eine Veränderung dieses Ausmaßes zuzumuten“, so Breuel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Martina Münch (l.), Susan Neiman (M.) und Frauke Hildebrandt bei der Diskussion im Potsdamer Einstein-Forum Quelle: Karim Saab

Hildebrandt lieferte auch Zahlen: In den ostdeutschen Landesministerien stammen 70 Prozent der Chefs aus dem Westen. In den Bundesbehörden gibt es nicht einmal zwei Prozent leitende Mitarbeiter mit Ostbiografie. 17 Prozent müssten es sein, setzt man die aktuell 13,9 Millionen Ostdeutschen (1990 waren es noch 16,1 Millionen) zu den 68,7 Millionen Westdeutschen ins Verhältnis.

Martina Münch war eine jener Aufbauhelfer aus dem Westen, die im Osten nach dem Heft des Handelns griffen. Darin stand, was gut ist und was nicht, was sich rechnet und was nicht.

Die Karre steckte tief im Dreck. Alles kam auf den Prüfstand. Es wurde evaluiert, entlassen und abgewickelt, neu konzipiert, neu gegründet und neu besetzt. Dass SED-Richter und Staatsanwälte abgesetzt wurden, war ein Ziel der friedlichen Revolution. Doch warum erging es Ingenieuren und Mitarbeitern der Akademie der Wissenschaften nicht anders?

Kinder mussten damals erleben, wie die persönlichen Lebenspläne ihrer Eltern scheiterten, wie eine tiefe Verunsicherung um sich griff. Wem war das anzukreiden? Den Menschen? Dem neuen System? Erlebte Brüche und Kränkungen blieben unaufgearbeitet. So entstanden Blockaden, die sich nun, Jahrzehnte später, entladen.

Weltgewandte Wessis

atürlich hatten die Westdeutschen den Ossis vieles voraus. Sie waren weltgewandt und konnten sich in Diskussionen gut verkaufen. Sie wussten, wie man Gelder beschafft und zu Geschäftsessen einlädt. Aber ihre Freundlichkeit wurde oft als schneidend empfunden. Ihre Fürsorglichkeit war oft paternalistische Bevormundung. Die Rede ist hier nicht von den Glücksrittern, sondern von den Wohlmeinenden.

Im Potsdamer Einstein Forum führt das zu folgendem Dialog:

Frauke Hildebrandt„Es gibt einen feinen Oberschichtenhabitus, der ist westdeutsch geprägt. Ich komme mir immer einen Schlag zu proletarisch vor.“

Martina Münch: „Ich wehre mich gegen die These, dass wir uns nicht verstehen.“

Frauke Hildebrandt: „Westdeutschen fehlt dafür die Antenne und das Problembewusstsein. Wir haben nicht nur Wahrnehmungsunterschiede, sondern auch ganz realistische… Niemand gibt Macht und Geldeinfluss einfach ab.“

Immer noch ein Thema: ungleiche Gehälter in West- und Ostdeutschland. Quelle: www.imago-images.dewww.imago-images.de

Ein ähnliches Streitgespräch könnte auch unter CDU-Mitgliedern oder AfD-Politikern geführt werden. Gerade in der AfD-Spitze gibt es Wessis wie Höcke, Gauland oder Kalbitz, die aus dem Bürgertum stammen und vorgeben, für die Ostdeutschen und die Schwachen zu sprechen.

Die SPD-Genossinnen im Einstein Forum streiten auch darüber, ob eine Ossi-Quote hilft. Martina Münch ist dagegen. Die meisten ihrer sieben Kinder hat sie in Cottbus zur Welt gebracht. Frauke Hildebrandt würde sie als Ossis gelten lassen, da sie hier zur Schule gegangen sind. Das Problem werde in einem Jahrzehnt vergessen sein, meldet sich ein Richter zu Wort, der sich 1991 nach Brandenburg abordnen ließ, um das Justizwesen aufzubauen. Er erhielt dafür sicher eine „Buschzulage“, ist nach seiner Pensionierung in Potsdam geblieben. Gilt für Menschen wie ihn das Max-Frisch-Diktum: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“?

Der Richter erzählt, wie schwer es war, qualifizierte Juristen anzuheuern. Von keinem hätte man verlangen können, nach ein paar Jahren zurückzugehen. „Die Richter, die wir in den 90er Jahren eingestellt haben, besetzen heute die höheren Stellen“, erklärt er.

Ein freier Mitarbeiter des Potsdamer Einstein Forums will seinen Frust nicht länger unterdrücken: „Ich habe es satt, von netten Linksintellektuellen wie Martina Münch meine Geschichte erklärt zu bekommen.“ Und er erzählt von einem Wissenschaftler aus Ägypten, der davon ausging, im Potsdamer Einstein Forum hätten sich Intellektuelle aus Ost und West auf Augenhöhe zusammengerauft. Er habe ihn aufklären müssen, dass alle fest Angestellten aus dem Westen stammen.

Eine halbe Ostdeutsche

Susan Neiman, die Chefin dieser Stiftung des öffentlichen Rechts, räumt das ein. Sie sagt dann aber stolz, dass vor einem dreiviertel Jahr erstmal eine Ostdeutsche eingestellt worden sei. Die Frau, die auch im Publikum saß, ließ das aber nicht stehen. Sie sei 1977 geboren und 1990, also mit 13 Jahren, mit ihren Eltern in den Westen gewechselt. Nach der Hildebrandtschen Definition sei sie bestenfalls eine halbe Ostdeutsche.

Im Raum steht eine heikle Frage: Gibt es zwischen dem machtbewussten Gebaren der Westdeutschen im Osten und dem heutigen Erstarken der Populisten einen Zusammenhang?

Fragt man AfD-Anhänger, welches Land sie zurückhaben möchten, fällt die Antwort oft diffus aus. „Land“ ist ein abstrakter Begriff, der bereits in der DDR mit viel Pathos ausgefüllt wurde. Soll es in diesem Land neben Bratwurst- auch Dönerstände und McDonalds-Filialen geben? Möchte man die HO-Verkaufsstellen oder Inhaber-geführte Tante-Emma-Läden zurück oder überlässt man den internationalen Handelsketten das Feld? Und natürlich: Wie werden in diesem besseren Land die Ostdeutschen behandelt, die aus ihrer Lebensbahn geworfene wurden? Und wie die Kriegs- und Armutsflüchtlinge aus aller Welt?

Antworten entstehen in einem Erfahrungsraum. In Ostdeutschland haben viele Menschen in der Wendezeit harte Brüche, Enttäuschungen und Kränkungen erlebt. „Sie mussten damals erst einmal ihr Leben organisieren“, sagt Frauke Hildebrandt. „Es ist höchste Zeit, dass wir auch in aller Öffentlichkeit darüber reden.“

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