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Brandenburg Der Herr der Plastinate: Gunther von Hagens wird 75
Brandenburg Der Herr der Plastinate: Gunther von Hagens wird 75
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11:33 09.01.2020
Gunther von Hagens vor einem Exponat in der Dresdener „Körperwelten“-Ausstellung. Quelle: imago/Robert Michael
Guben

An diesem Morgen um die Jahreswende ist Gunther von Hagens nicht in bester Verfassung. Die Sprache des Mediziners, die wegen seiner Parkinsonerkrankung schon undeutlich ist, lässt sich kaum verstehen. Seine zweite Ehefrau Angelina Whalley und Rurik von Hagens (38), eines von drei Kindern aus erster Ehe, dolmetschen.

„Ich habe drei Fehler gemacht“, sagt selbstironisch der schmale große Mann, der am Freitag 75 Jahre alt wird. „Ich habe zu lange familiäre Gemeinschaft geübt, zu wenig geschlafen und Kuchen gegessen“, erzählt von Hagens, der Schlafen bis vor wenigen Jahren für Zeitverschwendung hielt. Heute bremst die Krankheit den Wissenschaftler aus, der 1945 im von den Nazis besetzten Polen geboren wurde. Seine Schritte sind klein. Eine Hand zittert. Für den Workaholic ist ein Mittagsschläfchen kein Tabu mehr.

Nagellackentferner wirkt Wunder

Doch der wegen seiner Ausstellungen von plastinierten Leichen umstrittene Anatom hat sich nicht in den Ruhestand verabschiedet; er feilt noch immer an der Plastination, einer Konservierungsmethode, die er hat patentieren lassen. Bei ihr wird das Körperwasser eines Leichnams durch Aceton – allgemein bekannt als Nagellackentferner – ersetzt. Dann wird das Präparat in Kunststofflösung eingelegt und in eine Vakuumkammer gestellt. Darin entweicht Aceton und an seiner Stelle dringt der Kunststoff ins Gewebe ein. Zuvor mussten sich die Studenten mit Wachsmodellen oder in Formaldehyd eingelegten Präparaten begnügen, um den menschlichen Körper zu erforschen.

Ein plastinierter Löwe in einer Ausstellung des Gubener Plastinariums, das seit 2006 besteht. Quelle: Patrick Pleul/dpa

Den Körper oder Teile davon auf diese Weise von innen zu stabilisieren und damit Muskeln, Knochen und innere Organe geruchlos, trocken und für den Betrachter sichtbar zu machen, ist von Hagens' Lebensaufgabe. Die derzeitige Herausforderung: die Entwicklung neuer Kunststoffe, die bei hoher Stabilität selbst die winzigsten Gefäße im Detail zeigen.

Am Anfang war die Niere

Dafür experimentiert er mit Schweinenieren und kehrt damit zu seinen Ursprüngen in Heidelberg zurück. Am Institut für Anatomie der dortigen Universität erfand er 1977 die Plastination. Sein erstes konserviertes Organ war damals eine Niere. Aus diesen Anfängen entstanden Jahrzehnte später aufsehenerregende Ausstellungen, die „Körperwelten“ mit Ganzkörperplastinaten in unterschiedlichen Situationen, beim Schachspielen, Sport oder beim Sex. Für manche überschreitet er damit eine rote Linie, andere können sich der merkwürdigen Ästhetik der Objekte und ihrem morbiden Charme nicht entziehen.

Bis heute haben nach Angaben der Veranstalter 50 Millionen Menschen die Wanderausstellungen und vier Dauerausstellungen besucht. Die öffentliche Zurschaustellung der menschlichen Präparate entspringt der Idee der „Demokratisierung der Anatomie“, wie von Hagens es nennt. „Tod und Anatomie waren lange ein Privileg etablierter Mediziner, die hinter verschlossenen Türen vor sich hin werkelten.“ Von Hagens will Anatomie – also die Lehre vom Aufbau des Körpers und dessen Zergliederung für Forschungszwecke – für die Allgemeinheit zugänglich machen. Er ging damit so weit, dass er 2003 in London eine öffentliche Autopsie vornahm.

„Die Vergänglichkeit des Menschen zeigen“

Der Mann mit Hut, der an eine ähnliche Kopfbedeckung des Anatoms Nikolaes Tulp auf einem Gemälde von Rembrandt erinnert, sieht sich als gesundheitlicher Aufklärer. „Der Tod wird in unserer Gesellschaft ausgeblendet. Ich will mit meinen Plastinaten die Vergänglichkeit des Menschen zeigen und darüber informieren, wie man den Körper negativ oder positiv beeinflussen kann.“ Zur Veranschaulichung stellt er eine dunkle Raucherlunge einer hellen Nichtraucherlunge gegenüber.

Die Besucher sollen über die Einsicht in das Wunderwerk des menschlichen Körpers zu einer achtsamen Lebensweise finden. Wie der Plastinator selbst, der seine Nervenkrankheit mit einer bestimmten Diät und mit Sport bekämpft. Er halte sich fit, versichert er, und krempelt einen Ärmel des blauen Hemdes unter der obligatorischen Lederweste hoch. Stolz präsentiert der humorvolle Mann seine beachtliche Armmuskulatur.

Gunther von Hagens mit seiner Frau Angelina Whalley. Quelle: Christoph Schmidt/dpa

Von Hagens ist Überzeugungstäter, hat sich weder von Rechtsstreitigkeiten noch von Kirchenleuten und Politikern einschüchtern lassen. Die Kritik macht sich insbesondere an der Störung der Totenruhe fest – aus Sicht von Hagens' ein nicht mehr zutreffendes Argument: „Die Totenruhe ist ein Begriff aus einer Zeit, als man nicht mit 100-prozentiger Sicherheit wusste, wann ein Körper tot ist. Mit der Totenruhe wollte man vermeiden, dass jemand lebendig begraben wird.“ Heute sei dies obsolet.

Trotz oder gerade wegen dieser Diskussion über den Umgang mit Tod und Toten strömen die Menschen in die „Körperwelten“. Die erste Ausstellung 1995 im National Science Museum in Tokio war ein Publikumsmagnet. Es kamen mehr als 450.000 Besucher in vier Monaten, eine Zahl, die alle Erwartungen sprengte.

46 Mitarbeiter in Brandenburg

Von Hagens pendelt zwischen Heidelberg, wo aus seine 16 Jahre jüngere Frau die Ausstellungen organisiert, und dem brandenburgischen Guben (Spree-Neiße). Im dortigen Plastinarium stellen 46 Mitarbeiter in einer ehemaligen Tuchfabrik vor allem für universitäre Zwecke Plastinate her. „Die sind nicht als Ersatz für die Präparierkurse der Medizinstudenten gedacht, sondern als Ergänzung“, erläutert Whalley, die ebenfalls Medizinerin ist.

Die massenweise Herstellung der Plastinate warf in der Öffentlichkeit Fragen auf, ob es für alle Körperspenden auch zu Lebzeiten die Einwilligung zur Plastination gibt. Das bejaht das Paar und verweist auf die 19.000 Körperspender, die sich notariell hätten registrieren lassen. Von Hagens: „Wir haben eher zu viel als zu wenig Leichen im Keller.“

Freigekauft für 40.000 Mark

Von Hagens selbst ist noch unentschieden, was mit seiner eigenen Körperspende passieren soll. Klar ist nur, dass er sein Plastinat nicht an einer Stelle ruhen lassen will - analog zu seinem bewegten Leben. Er wuchs als glühender Kommunist in Thüringen auf, wollte aber nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 aus der DDR fliehen, scheiterte und wurde 1970 von der BRD für 40.000 Mark aus der Haft freigekauft. Weitere Stationen seines beruflichen Werdegangs waren Lübeck, Helgoland, Heidelberg, das chinesische Dalian und New York.

Von Hagens sieht für sich deshalb zwei Möglichkeiten: Er geht als Ganzkörperplastinat mit einer Wanderausstellung auf Tour – oder er wird in bis zu 600 Körperscheiben plastiniert in aller Welt verstreut.

Von Julia Giertz

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