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Brandenburg Umweltökonom skeptisch: Klimaziele nicht zu halten
Brandenburg Umweltökonom skeptisch: Klimaziele nicht zu halten
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18:29 09.12.2018
Sommerdürre Juli 2018: Solche Bilder werden uns häufiger begleiten, sagt Umweltökonom Reiner Schwarze.. Quelle: Patrick Pleul/dpa
Frankfurt (Oder)

Der Völkerrechtler Reimund Schwarze ist Umweltökonom an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Als wissenschaftlicher Beobachter nimmt er am 24. UN-Klimagipfel in Katowice (Polen) vom 3. bis 14. Dezember teil.

Wie kann man bei der laufenden UN-Klimakonferenz überhaupt hart verhandeln, wenn die Bundesrepublik ihre eigenen Klimaziele verfehlt?

Reimund Schwarze: Ganz so schlimm ist es nicht. Das 2020-Ziel, von dem sich die Bundesregierung jetzt verabschiedet hat, war ja nur einseitig und freiwillig von ihr beschlossen worden. Natürlich muss man trotzdem jetzt diplomatisch etwas zurückhaltender auftreten. Aber es geht aktuell in den Verhandlungen gar nicht um ein eventuelles Fehlverhalten einzelner Staaten.

Angenommen Brandenburg wäre ein verhandelnder Staat. Wie stünde es als Verhandler da, wo Ministerpräsident Dietmar Woidke doch zunächst die Arbeitsplätze im Braunkohletagebau schützen will?

Vielleicht ähnlich wie Bosnien-Herzegowina, das nicht viel größer ist als Brandenburg und erklärt hat, wir schaffen das nicht in der kurzen Zeit, wir brauchen mehr Geld. Tatsächlich könnte es genauso laufen. Wenn das kleine Land Brandenburg, das nicht besonders reich ist, vor einer Aufgabe steht, der es sich nicht gewachsen sieht, dann braucht es auch mehr Geld. So wird diese Frage zumindest in Kattowitz geklärt.

Inwiefern?

Die Verdopplung der Finanzmittelzusagen der Weltbank ist schon ein Pflock, der jetzt eingeschlagen wurde: immerhin 200 Milliarden US-Dollar ab 2021. Aber nicht nur für Bosnien-Herzegowina, sondern auch für andere Staaten, die von erweiterten Berichtspflichten betroffen sind, dauert es eine Zeit, bis sie ihre Aufgabe richtig überschauen. Ebenso ist es für Brandenburg unklar, ob das, was in der Kohlekommission angeboten wurde, wirklich hinreichend ist, um seine Aufgaben im Kohleausstieg zu schultern.

Das klingt nach sehr viel Verständnis für Brandenburg. Der Klimawandel wird dieses Verständnis wohl nicht aufbringen.

Tatsächlich hat auch der Weltklimarat zur Eile gemahnt. Andererseits weiß ich aus Erfahrung, dass solche internationalen Verhandlungsprozesse einfach dauern. Es sind 190 Verhandlungspartner und es ist ein Konsensverfahren. Selbst wenn man alle diplomatischen Tricks anwendet, ist das zeitaufwändig. Im Moment liegen wir ja noch ziemlich gut im Fahrplan des Pariser Abkommens. Ob dieser Fahrplan allerdings reicht für den jetzt immer drängenderen Klimaschutz, ist eine ganz andere Frage. Ich befürchte, im Hinblick auf neue, ambitionierte Klimaziele wird es in Kattowitz eine Enttäuschung geben. Außer den Inselstaaten hat zum Beispiel kein Land erklärt, es würde einseitig, freiwillig mehr tun.

Als Beobachter beim Umweltgipfel

Reimund Schwarze hat an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) eine Professur für „Internationale Umweltökonomie“ inne. Er nimmt derzeit am Klimagipfel im polnischen Kattowitz als wissenschaftlicher Beobachter teil.

Der Forscher ist Leiter der Abteilung „Klimaökonomie“ am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Das Forschungszentrum will Wege für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen zum Wohl von Mensch und Umwelt aufzeigen.

Wie nehmen Sie die Atmosphäre auf der Konferenz wahr?

Besonders für das übergeordnete Ziel des Klimaschutzes ist die Lage gerade sehr schwierig. Brasilien ist zum Beispiel ausgetreten und Russland blockiert. Dramatisch wird es mit den Regierungschefs selbst. Ich erwarte nicht so viel und nicht so hochrangigen Besuch wie in Paris in diesem Jahr. Mit dem Anschwellen der Dokumente wird auch der Frust wachsen. Aber zumindest ist die polnische Präsidentschaft der Konferenz sehr freundlich und kompromissbereit. Trotzdem sehe ich erst einmal mehr dunkle Wolken.

Was könnte im Regelwerk letztlich stehen?

Es wird drinstehen müssen, wie man eine Art Emissionskonto führt, also wie viel Emissionen in einem Land ausgestoßen und was vermieden wurde. Die Details sind furchtbar kompliziert. Zum Beispiel sind gewichtige Fragen, ob besonders harte Winter bei einem Emissionskonto mildernd gewertet werden sollten oder nicht. Wir brauchen auch Klarheit darüber, was in Wäldern gebunden und wie das eingerechnet wird. In Russland zum Beispiel wird der gesamte Zuwachs der Energie- und Industrieemissionen schon seit Jahrzehnten rein rechnerisch auf dem Emissionskonto von Wäldern gebunden. Eine Frage, die zum Beispiel auch für Brandenburg interessant wäre, ist der Bindungswirkung für Treibhausgasemissionen durch Moore. Auch kompliziert, aber dringend nötig einheitlich zu berechnen.

Worum geht es da?

Es wird ja oft über die Wiedervernässung von Mooren diskutiert. Das wäre auch eine sehr gute Maßnahme, allerdings mit einem Nachteil: Der erste Effekt ist, dass zunächst mehr klimaschädliches Methan ausgestoßen wird. Erst über lange Zeiträume würde sich ein positiver Effekt einstellen. Wenn man also solch eine Maßnahme in das Regelwerk schriebe, müsste man auch festlegen, dass an den Mooren dann mindestens 50 Jahre lang festgehalten werden muss, damit der klimaschützende Effekt eintreten kann. Wenn eine solche Garantie nicht gegeben werden kann, wäre es kein Klimaschutz. Es sind wichtige Fragen, ob man sich darauf verlassen können muss um zu werten, ob Länder ihre eingegangenen Pflichten einhalten.

Würden Sie diese Verlässlichkeit Brandenburg etwa nicht zutrauen?

Bei Brandenburg würde ich mich darauf verlassen. Aber bei anderen Ländern wären solche Garantien außerordentlich schwierig. Bei Maßnahmen des Moorschutzes wäre ja fast eine Ewigkeitsgarantie zu geben. Das ist sehr anspruchsvoll. Trotzdem müssen wir auch über anspruchsvolle Vereinbarungen reden, denn sonst tut jeder nur das, was für ihn gerade günstig ist. Besser wäre also, wenn zum Beispiel eine Regel über den Moorschutz in der Vereinbarung mit drin wäre. Wenn es dann Verstöße gäbe, könnte man diese wenigstens benennen. Ich glaube zwar nicht, dass in Kattowitz tatsächlich eine Regel über die Wiedervernässung von Mooren beschlossen wird, aber es wird doch Regeln von ähnlich anspruchsvollem Kaliber geben. Ob die dann tatsächlich umgesetzt werden, ist eine andere Frage.

Ich würde Sie einmal nur als informierten und aufgeklärten Bürger fragen: Ist die Menschheit einfach zu dumm für Klimaschutz?

Nein, die Menschheit hat sich ja an anderer Stelle schon als lernfähig erwiesen. Das Ozonloch wurde ja durch gemeinsame Anstrengungen gestopft. Aber Klimaschutz ist viel schwieriger. Letztlich ist dazu eine große Kulturrevolution nötig wie vor 500 Jahren bei der Reformation. Klimaschutz ist etwas, das auf allen Ebenen in die Kultur einsickern muss. Und das ist ein Jahrhundertwerk. Es ist prinzipiell möglich und wir sind ja auch schon auf dem Weg. Jeder Schritt wie jetzt auch Kattowitz ist ein Beitrag zu diesem Weg. Ich fürchte nur, die Natur wird uns zuvor ernsthaft belehren.

Wie sieht diese Belehrung aus?

Wir werden uns auf viel stärkerer Klimaveränderungen einstellen müssen als die in Paris vereinbarte maximale Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur um deutlich unter zwei Grad. Ich gehe soweit und sage: Selbst das Zwei-Grad-Ziel ist in Gefahr. Was heißt das für Brandenburg? Wir müssen damit rechnen, dass wir eine Trockenheitsregion werden. Wir werden ein dauerhaftes Wasserdefizit haben. Einen kleinen Vorgeschmack gab es ja schon in diesem Jahr. Wir haben zum Beispiel die ausgetrocknete Elbe in Magdeburg gesehen. Solche Bilder werden uns häufiger begleiten.

Und es werden nicht nur Bilder, sondern Folgen für das eigene Leben sein.

Durch die niedrigen Rheinstände haben wir es ja erlebt. Während die Benzinpreise weltweit sinken, sind sie in Deutschland gestiegen und BASF musste die Produktion einstellen. Das werden künftig normale Ereignisse sein, mit denen wir dann leben müssen. Zwei Grad globale Erwärmung bedeutet für Deutschland noch mehr als zwei Grad Erwärmung. Wir liegen weit nördlich vom Äquator und damit schlagen Änderungen stärker durch. Das heißt, wir werden auch mal Veränderungen haben, die um bis zu fünf Grad mehr Hitze bedeuten, so wie wir das gerade erlebt haben. Der Sommer 2018 könnte das normale Null für unsere Kinder und Enkelkinder werden.

Von Rüdiger Braun

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