Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Waldbesitzer: Deshalb geht es nicht ohne Chemie-Keule
Brandenburg Waldbesitzer: Deshalb geht es nicht ohne Chemie-Keule
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:24 10.05.2019
Bad Belzig: Schilder warnen an einem Waldstück bei Niemegk vor der Schädlingsbekämpfung. Quelle: dpa/Bernd Settnik
Potsdam

Starker Wind und ein rechtlicher Widerspruch des Naturschutzbunds Nabu haben am Montag den Start des Insektizid-Einsatzes in Potsdam-Mittelmark verhindert. Im MAZ-Gespräch erläutert der Vorsitzende des Waldbesitzerverbands Brandenburg, Thomas Weber (57), warum er die Sprühaktion aus der Luft für unumgänglich hält.

Der Sprüheinsatz sollte heute losgehen. Das hat nicht geklappt. Lag es am Wind oder an rechtlichem Gegenwind?

Thomas Weber: Es soll eine gerichtliche Prüfung geben zu dem Einsatz. Sollte der Einsatz untersagt werden, wäre das fatal. Man nähme billigend in Kauf, dass tausende Hektar Wald absterben.

Wie viel Zeit bleibt für die Behandlung?

Wenn es gut läuft, wäre die Behandlung der Flächen binnen einer Woche abgeschlossen. Die beiden Hubschrauber schaffen 1000 Hektar pro Tag. Zu behandeln sind 8000 Hektar.

Es gab Proteste gegen den Gifteinsatz, weil viele Menschen gesundheitliche Auswirkungen fürchten. Wie groß ist das Risiko aus Ihrer Sicht?

Ein Hubschrauber steht zu Betankung mit einem Schädlingsbekämpfungsmittel im Niemegker Gewerbegebiet und wartet auf die Starterlaubnis. Quelle: dpa/Bernd Settnik

Ich verstehe die Sorgen der Anwohner gegen einen solchen Pflanzenschutzeinsatz sehr gut. Aber das Risiko ist relativ gering. Es wird nur ganz wenig Mittel pro Hektar eingesetzt, außerdem bleibt der Großteil des Mittels in den Baumkronen, wo die Raupen sitzen, und erreicht nicht den Boden. Die Hubschrauber fliegen ganz nah über den Baumkronen. Die Mittel sind auch verfeinert worden. In meiner Lehrzeit vor 40 Jahren wurde noch DDT vom Flugzeug gesprüht – ich habe mit einem Heliumballon zur Orientierung der Piloten darunter im Wald gestanden. Heute muss man sagen: Im Wald wird fast nie Chemie eingesetzt. Deswegen entwickelt die chemische Industrie auch kaum noch Wirkstoffe.

Nützliche Insekten werden dennoch sterben beim Einsatz von „Karate Forst flüssig“.

Es ist unbestritten, dass andere Insekten betroffen sein werden, Wildbienen etwa, die blühende Bäume anfliegen. Aber jetzt steht die Existenz ganzer Waldstücke auf dem Spiel. Wir wissen auch: Wald und Insekten können sich relativ schnell erholen.

Neben der Nonne gibt es Borkenkäfer, Eichenprozessionsspinner, die Buschhorn-Blattwespe und andere Schädlinge. Wird es jetzt für all diese Arten Sprüheinsätze geben?

Das kann man so nicht sagen. Was aber erschreckend ist: Normalerweise haben wir im Entwicklungszyklus dieser Insekten mindestens zehn Jahre Ruhe, zuletzt aber waren es nur fünf.

Sie verteidigen den Einsatz mit Verweis auf den besonders starken Befall in diesem Jahr. Wie groß ist das Problem?

Die Befallsdichte ist so hoch, dass die Raupen den Wald 25 Mal kahl fressen könnten. Wenn man nicht schnell handelt, werden die Bäume rasch keine Nadeln mehr haben. So viele Raupen fressen derzeit in den Kronen. Wegen der Dürre im vergangenen Sommer und dem milden Winter sind die Falter 2018 gut über die Runden gekommen, konnten viele Eier ablegen. Gleichzeitig sind die Bäume durch Hitze und Wassermangel geschädigt und haben Schädlingen wenig entgegenzusetzen. Es ist in diesem Frühjahr erneut viel zu trocken.

Wie hoch wären die wirtschaftlichen Schäden, sollte die Sprühaktion ausfallen?

Thomas Weber, Vorsitzender des Waldbesitzerverbands Brandenburg Quelle: Ulrich Wangeman

Die Gebiete liegen südlich von Potsdam, bei Beelitz, Borkwalde, Borkheide und Fichtenwalde. Das sind immerhin 8000 Hektar. Der wirtschaftliche Schaden bei einem Verlust dieser Bäume wäre immens. Schon die Anpflanzung neuer Bäume würde grob geschätzt 40 Millionen Euro kosten. Zum Vergleich der Größenordnungen: Der Waldbrand bei Fichtenwalde hat 2018 rund 30 Hektar Wald vernichtet.

Der Schädlingsbefall ist, so sagen Experten, nur möglich, weil die Wälder Monokulturen sind teilweise sogar Holzfabriken – aber keine Ökosysteme mehr.

Die Wälder bestehen vornehmlich aus Kiefern. Das sind vornehmlich Nachkriegskinder. Der Krieg hat viele Wunden hinterlassen. Holz wurde zu Reparationszwecken geschlagen, die Bevölkerung brauchte Brennholz – man hat weite Flächen abgeholzt und wieder aufgeforstet. Als man in der DDR Valuta brauchte, hat man auch viel abgehackt. Das ökologische Bewusstsein war ein ganz anderes. Man sollte diese historische Komponente betrachten, bevor man alles verurteilt.

Aber Sie teilen den Befund, dass wir es oftmals nicht mit einem echten Ökosystem zu tun haben?

Ja, deshalb haben wir uns auf den Weg gemacht, den Wald umzubauen und zu stabilisieren – mit Laubholz etwa. Den alten Bestand brauchen wir aber, denn in seinem Schutz kann die nächste Generation Bäume heranwachsen. Überlässt man den alten Bestand jetzt den Schädlingen, riskiert man die Entstehung von Freiflächen. Und die wären schädlicher als jeder Chemieeinsatz.

Warum kommt der private Waldumbau - also die Durchmischung der Monokulturen – so langsam voran?

Wir forcieren den Waldumbau, wo es geht. Aber wir brauchen andere Instrumente als einen 25-seitigen Fördermittelantrag. Es muss viel einfacher werden. Alles muss auf zwei Seiten passen. Derzeit werden nur drei bis vier Millionen Euro Fördermittel landesweit pro Jahr für Waldumbau abgerufen - das ist nichts. Es sind im Moment vor allem große Betriebe, die beim Waldumbau aktiv sind. Wenn wir es ernst meinen, brauchen wir einen Masterplan Wald. Das betrifft übrigens auch den Waldbrandschutz. Das funktioniert im Moment alles auf Good Will. Wir werden unsere Forderungen auch im Wahlkampf einbringen.

Sollte man Waldeigentümer zum Waldumbau zwingen?

Davon halte ich nichts. Eigentum braucht Freiheit. In einer Kleingartenanlage schreibt man keinem vor, dass er nur Mohrrüben oder Zwiebeln anbaut. Man muss Angebote machen als Gesellschaft, zum Beispiel wissenschaftlichen Ratschlag geben, welche Bäume dem Klimawandel standhalten.

Von Ulrich Wangemann

Die wenigen Brandenburger Schüler, die Petitionen wegen eines angeblich zu schweren Mathe-Abiturs verfasst haben, sind eher Trittbrettfahrer, vermutet unser Kommentator Rüdiger Braun.

06.05.2019

Als die Polizei am Sonntag einen jungen Autofahrer kontrollieren wollte, flüchtete dieser mit überhöhter Geschwindigkeit. Der 15-Jährige war mit einem nicht zugelassenen Auto, mit falschen Kennzeichen und gefälschter TÜV-Plakette unterwegs.

06.05.2019

Bundesweit regt sich unter Schülern Protest gegen angeblich zu schwere Abiturprüfungen im Fach Mathematik. Auch in Brandenburg werden jetzt Unterschriften gesammelt. Das Ministerium hält die Vorwürfe für unbegründet.

09.05.2019