Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Unbekannte Moderne in Cottbus
Brandenburg Unbekannte Moderne in Cottbus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:25 19.11.2019
Otto Nagel: Frühschicht, um 1929, Öl auf Leinwand. Quelle: Staatliche Kunstsammlungen Dresden © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Cottbus

Nein, das zeigt wahrlich keine Mutter Gottes mit dem Jesuskind. Der Kopf der Frau ist am oberen Bildrand angeschnitten. Im Hintergrund tut sich nicht der gewohnte perspektivische Blick in eine paradiesische Landschaft auf. Vielmehr sammelt sich dort der Unrat eines Berliner Hinterhofes. Vorwurfsvoll schaut die Mutter den Betrachter an. Dem blassen Sprössling auf ihrem Arm ist sichtlich unwohl. „Das kranke Kind“ ist ein provokanter Bruch mit der Tradition religiöser Ikonen-Malerei. Das Bild ist absolut modern.

Die Malerin Tina Bauer Pezellen hat die Gouache auf Papier über Holz 1931 im Stil der Neuen Sachlichkeit der 20er-Jahre gemalt. Zu einem Zeitpunkt, als die Moderne kurz vor ihrem Zusammenbruch stand. Viele Werke dieser Zeit sollten bald als „entartet“ gelten und deshalb vernichtet werden, wenn sie nicht in den Kellern der Museen verschwanden oder von den Nazis auf internationalen Kunstmärkten verschachert wurden.

„Das kranke Kind“ ist zugleich ein wenig bekanntes Bild. Derzeit ist es im Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus zu sehen – in einer der drei Ausstellungen, die dort unter dem Titel „Unbekannte Moderne“ gezeigt werden.

Von neuer Sachlichkeit bis Expressionismus, von Dada bis Bauhaus. Ein kleiner Einblick in die Ausstellung „Bild der Stadt/Stadt im Bild“ in der Reihe „Unbekannte Moderne“ im Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus.

Unbekannt ist diese Moderne vor allem in der westeuropäischen Welt. Denn Künstlerinnen wie Bauer Pezellen, die sich später stilistisch dem sozialistischen Realismus annäherte, waren dort lange Zeit selten zu sehen. Es ist diese sogenannte „Ostmoderne“, die einen Großteil des Bestandes der beiden Brandenburgischen Landesmuseen in Cottbus und Frankfurt (Oder) ausmacht, und an beiden Standorte immer wieder beeindruckende Ausstellungen ermöglicht.

Eine Moderne, die aber auch deshalb so unbekannt erscheint, weil vieles, was in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg entstand, heute politisch wie ästhetisch so selbstverständlich ist, dass deren Ursprung vergessen wurde.

Eine Zeit der Utopien

Es ist die Zeit nach dem ersten großen Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts, eine Zeit der politischen und künstlerischen Utopien. Gleich nach dem 1. Weltkrieg hatte der Philosoph Ernst Bloch mit seine Buch „Geist der Utopie“ von 1918 in Deutschland eine Aufbruchstimmung vorweggenommen, die darauf setzten sollte, dass alles ganz anders und besser sein könnte.

Die politische Revolution war das eine, die soziale sollte folgen und die Revolutionierung des Alltagsleben war in vollem Gange. Die Industriearbeit veränderte sich. Neue Angestelltenberufe entstanden. Neue Medien wie Film und Fotografie boten ungeahnte technische Möglichkeiten. Neuer Geschlechterrollen wurden thematisiert – der Typ der modernen berufstätigen Frau begann sich durchzusetzen.

Die Leitausstellung zur „Unbekannten Moderne“ in Cottbus beschäftigt sich mit dem „Bild der Stadt“ bzw. der „Stadt im Bild“ der Zwischenkriegszeit. Zu sehen sind 170 Werke von 51 Künstlern. Gut die Hälfte stammen aus dem eigenen Bestand, der Rest sind Leihgaben. „Wir wollen gerade das zeigen, was im Bauhausjahr noch nicht rauf und runter gespielt wurde“, sagt Museums-Chefin Ulrike Kremeier.

Von Neuer Sachlichkeit bis Dada

Und so wechselnd die Stile zwischen Neuer Sachlichkeit und Expressionismus, Dada und Bauhaus. Allen gemein ist: Sie transportieren ein verändertes Lebensgefühl. Die Avantgarden jener Zeit hofften nach den Schrecken des Krieges auf eine menschliche, soziale Gleichheit gewährende Gesellschaftsordnung.

Die Ausstellung ist in drei Abschnitte gegliedert: die frühen 20er-Jahre, neue Frauen und Werke, die dem Bauhaus verwandt sind. Den Abgang machen Arbeiten, die das vorläufige Ende der Moderne diagnostizieren, wie die Fotos von Walter Ballhause, auf denen auch mal die SA durch ein Arbeiterviertel patrouilliert oder Ludwig Hirschfeld-Macks gemalter Blick in die Gefängniszelle eines politischen Gefangenen von 1936.

Im Kern kreist die Ausstellung jedoch um das Aufbruchsgefühl und die Sozialkritik jener Jahre. Otto Nagel malt 1925 ein düsteres Bild von Arbeitern die zur Frühschicht in die Fabrik einrücken. Am Horizont leuchtet derweil im Morgenrot eine strahlende Industrielandschaft wie ein Symbol für eine bessere Zukunft.

Neue Frauenbilder

Gustav Alfred Müller zeigt ausgemergelte Gesichter von Flüchtlingen in einem kargen Zimmer. Das in expressionistischem Duktus gehaltene Bild könnte auch eine der heutigen Flüchtlingsunterkünfte zum Gegenstand haben und erinnert schlagend daran, dass die Existenz von Geflüchteten und Arbeitsmigranten im Alltag überhaupt nicht neu ist.

Und Richard Birnstengel bildet 1927 eine Laborantin ab – eine junge Frau mit kurzen Haaren, eine Petrischale in der Hand – ein Gemälde, das später in der DDR mühelos als sozialistischer Realismus durchgegangen wäre.

Unbekannte Moderne im Fünfer-Pack

Unter dem Titel „Unbekannte Moderne“ zeigt das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst bis zum 12. Januar an seinen beiden Standorten Cottbus und Frankfurt (Oder) gleich fünf Ausstellungen. Neben „Bild der Stadt / Stadt im Bild“ sind in Cottbus noch zwei weitere Expositionen zu sehen.

Das Bauhaus in Brandenburg. Industriedesign und Handwerk im Zeichen der Moderne ist der Titel einer Schau mit Arbeiten aus Werkstätten unter anderem in Gildenhall (Ostprignitz-Ruppin), Velten und Marwitz (Oberhavel) und Spremberg (Spree-Neiße).

Im Hinterland der Moderne ist eine Foto-Ausstellung. Sie zeigt noch vorhandene Architektur im Stil des „Neuen Bauens“ jener Zeit dies- und jenseits der Oder, also in Brandenburg und im heutigen Polen.

In der Rathaushalle in Frankfurt (Oder) ist „Neue Städte – Neue Menschen“ als Pendant zur Cottbuser Leitausstellung zu sehen. Die Schau beschäftigt sich mit der veränderten Rhythmisierung des Alltags in den 20er-Jahren. Es geht um das Verhältnis von Architektur, Bildender Kunst und Musik.

Im Packhof in Frankfurt (Oder) wird schließlich der grafische Zyklus „Die Stadt“ des belgischen Künstlers Frans Masereel aus dem Jahr 1925 gezeigt.

Standort Cottbus: Dieselkraftwerk, Am Amtsteich 15, Di-So, 10-18 Uhr

Standort Frankfurt (Oder): Rathaushalle, Marktplatz 1, Packhof, Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str. 11, Di-So, 11-17 Uhr.

Überhaupt, die Frauen. Hier die berufstätige, eigenständige Frau. Dort die selbstbewusst mit ihrer Körperlichkeit spielende Femme fatale.

Richard Müller malt 1925 eine „Liegende mit grünem Sonnenschirm“. Auf den ersten Blick eine typische Männerfantasie. Völlig nackt, nur mit Badepantoffeln gekleidet und einem durchsichtigen Tüchlein über der Scham, liegt die junge Dame auf der Terrasse eines Wohnhauses. Wie auf den klassischen Rokoko-Gemälden sitzt zu ihren Füßen ein Schoßhündchen. Doch anders als im späten 18. Jahrhundert erwidert die Frau den blickt des Betrachters. Sie verweigert den ihr zugewiesenen Objekt-Status. Der Kampf der Geschlechter wird auf Augenhöhe geführt.

Der Erfinder des Piktogrammes

Neue gesellschaftliche Rollen, neue Menschenbilder. Diese mentalen Veränderungen in der Weimarer Zeit fanden auch in der Alltagsästhetik ihren Niederschlag. Typisch dafür, die Arbeiten von Gerd Arends, dessen sozialrevolutionäres Kunstverständnis in konstruktivistischen Grafiken niederschlug. Arends setzte auf Abstraktion und Vereinfachung, um gesellschaftliche Zusammenhänge darzustellen. Er gilt als der Erfinder des Piktogramms, also der Informationsvermittlung über Symbole, wie wir sie etwa von Verkehrszeichen kennen.

In Cottbus sind Holzschnitte aus den 20ern zu sehen, schlichte reduzierte Formen, die das Sozialgefüge in Wohnhäusern, Krankenhäusern oder Kasernen jener Zeit auf den Punkt bringen. Eine heute zum Teil noch in Comics auftauchende, vertraute Ästhetik einer mittlerweile schon wieder unbekannt gewordenen Moderne. Sie darf nicht vergessen werden. Unbedingt ansehen!

Lesen Sie hierzu auch:

Ulricke Kremeier zum Streit um DDR-Kunst

Ausstellung über Kriege und Krisen im 20. Jahrhundert

Einmal Nazi, immer Nazi? Jakob Ganslmeier dokumentiert Spuren der NS-Ideologie

Von Mathias Richter

Das Wetter wird in den kommenden Tagen in Brandenburg und Berlin grau und trüb. Am Dienstag soll es vielerorts regnen und stark bewölkt bleiben. Und auch in den Tagen danach rechnet der Deutsche Wetterdienst mit einer dichten Wolkendecke.

19.11.2019

Am Dienstag setzen Dietmar Woidke (SPD), Michael Stübgen (CDU) und Ursula Nonnemacher (Grüne) ihre Unterschrift unter den Koalitionsvertrag. Damit steht Brandenburg zweieinhalb Monate nach den Landtagswahlen vor der Regierungsbildung.

19.11.2019

Brandenburgs Behörden sind alarmiert. Landestierarzt Stephan Nickisch ruft Jäger dazu auf, Problem von Fallwild einzuschicken. Ein Ausbruch in Brandenburg könnte verheerende Folgen für die Schweinezüchter haben.

18.11.2019