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Brandenburg Die Dorf-Lobbyistin: Was macht ein Ortsvorsteher?
Brandenburg Die Dorf-Lobbyistin: Was macht ein Ortsvorsteher?
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00:22 24.03.2019
Edith Rettschlag (66), Ortsvorsteherin von Bardenitz, Pechüle und Klausdorf. Quelle: Ulrich Wangemann
Bardenitz

Mit dem Traktor haben Edith Rettschlag (66) und ihr Mann am Wochenende belegte Brote und Gulaschsuppe an den Waldrand nahe Klausdorf (Potsdam-Mittelmark) gefahren. Arbeiter, Waldbesitzer und Freiwillige begannen dort mit der Wiederaufforstung jenes Areals, das im Sommer 2018 dem Treuenbrietzener Jahrhundertfeuer zum Opfer gefallen war. Der Forstminister war angereist mit seinem Gefolge. Ein Pflichttermin für die Ortsvorsteherin.

„Wäre traurig, nicht dazuzugehören“

Genug Programm hat die Rentnerin auch unter der Woche: Mittwochvormittag Sitzung des Wasserverbands, Donnerstag Sichtung der Kommunalwahl-Unterlagen. Der örtliche Sportverein hat außerdem Jahreshauptversammlung. „Ich mache es gern“, sagt Rettschlag. „Wenn ich es nicht täte, wäre ich ein wenig traurig, nicht dazu zu gehören.“

8937 ehrenamtliche Mandate

Kommunalpolitiker wie Edith Rettschlag halten das Land am Laufen. Am heutigen Donnerstagmittag endet die Bewerbungsfrist für 740 Sitze in 14 Kreistagen und 198 Mandate in den vier kreisfreien Städten Potsdam, Cottbus, Frankfurt (Oder) und Brandenburg/Havel.

Moderne und Tradition im Dorf: Kita mit modernem Anbau in Pechüle. Quelle: Ulrich Wangemann

In weiteren 417 Stadtverordnetenversammlungen sowie Gemeindevertretungen im Land sind 6079 Plätze zu vergeben. Am 26. Mai 2019 wird gewählt, die Wahlperiode dauert fünf Jahre. Hinzu kommen 367 Ortsvorsteher und 1282 Ortsbeiräte – macht alles in allem 8937 ehrenamtliche Volksvertreter. Eine Aufwandsentschädigung für Benzin und Arbeitsmaterial erhalten sie. „Aber wegen des Geldes macht das keiner“, sagt Rettschlag.

„Besser mitmachen als meckern“

In den Parteizentralen hat man die Listenaufstellungen in den Orten mit Spannung verfolgt. „Wir haben den Eindruck, dass es mehr Bewerber als beim letzten Mal sind“, sagt CDU-Generalsekretär Steeven Bretz. „Die Leute merken: Es ist besser mitzumachen als zu meckern.“ Bretz wünscht sich, dass „die Kommunalpolitik in der allgemeinen Wertschätzung noch steigt – sie ist das Fundament unserer Demokratie.“

Historisches Backhaus in Bardenitz – es sollte abgerissen werden, die Leute im Dorf haben es umgesetzt und gerettet. Quelle: Ulrich Wangemann

Der Städte- und Gemeindebund teilt diese Einschätzung. „Ich bin positiv gestimmt“, sagt Geschäftsführer Jens Graf. Die älteren Kommunalpolitiker kümmerten sich verstärkt um Nachfolger. Viele, die in den Aufbruchjahren nach 1990 Mandate übernahmen, wollen kürzer treten.

Jeder auf der Straße grüßt

Auf gleich zwei kommunalpolitischen Ebenen ist Edith Rettschlag aktiv: Für die „Bürgerinteressenvereinigung Stadt und Dörfer“ (BIV) sitzt sie als Fraktionsvorsitzende der Stadtverordnetenversammlung von Treuenbrietzen, als Ortsvorsteherin vertritt sie die Interessen des Ortsteils Bardenitz, von Pechüle und dem kleinen Klausdorf. 700 Leute - jeder auf der Straße grüßt die Frau in dem violetten Fleece-Pullover. Den Ortsvorstand will Rettschlag nach 25 Jahren abgeben. „Es sollen Jüngere machen“, sagt sie. Geeignete Kandidaten stünden bereit.

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Netto-Verkäuferin und Kommunalpolitikerin

Bis vor wenigen Jahren stand Edith Rettschlag noch hinter der Kasse bei Netto. Nach 45 Jahren Arbeit hat die gelernte Verkäuferin aufgehört. Fielen Sitzungen in die Arbeitszeit, hat sie, so sagt sie, versucht, mit den Kollegen Ausweichlösungen zu finden. Meist ging es, aber nicht immer. Kommunalpolitik ist zwar Feierabendpolitik, aber Supermärkte haben mittlerweile bis 20 Uhr geöffnet.

Erstes Mandat im Jahr 1972

Seit 1972 ist Edith Rettschlag Kommunalpolitikerin. Damals saß sie für die Jugendorganisation FDJ in der Gemeindevertretung. Gerade volljährig war sie damals. Seit 1993 ist die zweifache Mutter Ortsvorsteherin der drei Dörfer, vor der Verwaltungsreform 2003 noch als Bürgermeisterin der eigenständigen Gemeinde. Viele jüngere Mitbürger kennen gar keine andere auf dem Posten. Im Kaninchenverein ist Rettschlag Mitglied, bei der Feuerwehr auch - ihr Vater war schon Feuerwehrchef im Ort.

Vielen Ortsbeiräten fehlen Bewerber

Während die Mandate in den Kreistagen ziemlich begehrt sind und Parteien dort Leute in Stellung bringen, sind die Gemeindevertretungen schon schwerer zu besetzen. Am mühsamsten ist die Suche nach ehrenamtlichen Ortsbeiräten und -vorstehern. Die sind, so erklärt Jens Graf vom Brandenburgischen Städte- und Gemeindebund, nur „Quasi-Organe“, dürfen keine Satzungen in Kraft setzen. Sie vermitteln, schaffen Öffentlichkeit – als echte Volksvertretungen gehen sie aber nicht durch. Vier Ortsbeiräte im Gemeindegebiet von Treuenbrietzen würden laut dem örtlichen Wahlleiter nach dem Stand vom Montag mangels Kandidaten keinen Ortsbeirat zusammenbringen.

Die Erfolge liegen im Kleinen

Es sind die kleinen, aber konkreten Sachen, die man auf diesem niedrigsten Level der Kommunalpolitik beeinflussen kann. So haben die Bardenitzer eine Backofenhaus neben der alten Feuerwache aufgemauert. Ursprünglich stand das geziegelte Häuslein im benachbarten Pechüle, doch dort sollte es nach einem Besitzerwechsel abgerissen werden. „Wir haben es abgebaut, eingelagert und hier wieder aufgebaut“, sagt die Ortsvorsteherin. Der Verlust dieses gemauerten Stückchens Heimat – sie und die anderen Aktiven im Ort wollten sich nicht damit abfinden. Vielleicht liegt es an der tiefen Verwurzelung von Rettschlags Familie. „Wir waren immer Bauern, immer hier“, sagt sie. Mindestens seit dem Dreißigjährigen Krieg gibt es ihre Sippe im Ort – und die ihres Mannes in Pechüle.

16 Millionen Euro Schulden

Deftiger zur Sache geht es eine Liga weiter oben, in der Stadtverordnetenversammlung. Treuenbrietzen ist gewissermaßen ein kommunalpolitischer Härtefall. Die Kleinstadt hat 2018 erstmals seit 20 Jahren einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen können. Doch 16 Millionen Euro Schulden bleiben. Jede Investition tut weh, neue Kredite genehmigt die Kommunalaufsicht nicht. 20 Jahre Haushaltssicherung bedeuten auch: Allem, was Rettschlag und ihre Kollegen beschließen, droht ein Veto von oben.

Ortsansicht von Klausdorf, einem der drei Dörfer, für die Edith Rettschlag verantwortlich ist. Quelle: Ulrich Wangemann

Im August 2018 hat die Stadt eine neue Gesamtschule mit Abiturstufe eröffnet, denn das Gymnasium ist mangels Schülern ein Auslaufmodell. Bauarbeiten in Millionenhöhe stehen an, sie können nur mit geliehenem Geld finanziert werden.

Der Wert des Waldes

Deshalb schlug der Bürgermeister im Frühling 2018 etwas bislang Undenkbares vor: Den Verkauf des 2000 Hektar großen Stadtwaldes - Treuenbrietzen ist zwar arm, aber reich an Bäumen und zählt zu den Brandenburger Gemeinden mit dem größten Waldeigentum. Edith Rettschlag und die anderen Stadtverordneten taten sich schwer, stimmten aber mehrheitlich doch zu.

Rund 80 Teilnehmer packten kürzlich bei der Pflanzaktion im Klausdorfer Forst zu – der Wald war im großen Feuer 2018 zerstört worden. Für die Verpflegung der Freiwilligen sorgten Edith Rettschlag und andere Freiwillige. Quelle: René Gaffron

Das war vor dem verheerenden Waldbrand im Sommer 2018. Seither ist ein Teil des zum Verkauf vorgesehenen Waldes zu Asche geworden. „Man hat auch entdeckt, dass Teile der Fläche mit Munition belastet sind“, sagt die Stadtverordnete Rettschlag. Statt eines avisierten Erlöses von 30 Millionen Euro lagen die Höchstgebote nach dem Feuer halb so hoch. „Dieses Angebot haben wir alle abgelehnt. Wir müssen anders klar kommen. Wir wursteln jetzt“, sagt Rettschlag.

„Wer Stadtverordneter werden will“, fügt sie hinzu, „muss sich im Klaren sein, dass er Geld nicht mit vollen Händen ausgeben kann – nicht einmal mit leeren.“

Knapp den Flammen entgangen

Das Jahrhundertfeuer, sagt Rettschlag, hat zumindest in Bardenitz und den Nachbarorten den Zusammenhalt gestärkt. Das haben Zeiten des Ausnahmezustands an sich. Um ein Haar hätten die Flammen das kleine Klausdorf verzehrt. Nur dem Einsatz eines Löschhubschraubers der Bundeswehr ist es zu verdanken, dass die hübsche Siedlung mit der Pferdekoppel und der niedlichen Fachwerkkirche noch steht.

Dieses Kirchlein hat Kriegsschäden, Verfall, und Abrissplänen getrotzt, litt unter Orkan Kyrill und ist seit einigen Jahren im Besitz der Stadt. Zur Sanierung gründeten im Jahr 2010 ein paar Leute aus dem Sprengel einen Förderverein und warben Spenden und Fördermittel ein – unter den Gründungsmitgliedern: Edith Rettschlag. Ihren eigenen Beitrag an den Entwicklungen im Ort spielt Rettschlag stets herunter, die Frage danach ist ihr unangenehm. „Ob ich alles richtig gemacht habe, kann ich nicht beurteilen“, sagt sie. „Es geht auf dem Dorf nur mit vielen Leuten und den Vereinen.“ Mittlerweile wurde das ehemalige Gotteshaus in ein soziokulturelles Zentrum umgewandelt. Das große Feuer jedenfalls, hat dieses Kleinod gnädig verschont.

Von Ulrich Wangemann

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