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Brandenburg Die gescheiterte Revolution
Brandenburg Die gescheiterte Revolution
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09:10 17.06.2013
Demonstration der Hennigsdorfer Stahlwerker im  Westberliner Arbeiterbezirk Wedding . Quelle: Archiv Friedrich Ebert Stiftung
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Der Bürgermeister von Milzau musste in eine Mistgrube springen. Sein Kollege in Zodel fiel in den Dreck, als ihm der Tisch, auf dem er nicht Rede und Antwort stehen wollte, weggezogen wurde. Auf der Insel Rügen setzten Unbekannte die ihnen verhasste LPG unter Wasser. Geschehen ist das am 17. Juni 1953. Damals, in der DDR. Gemeldet wurden diese drei Fälle aus den Bezirken Halle, Dresden und Rostock. Aber in den Bezirken Potsdam, Frankfurt (Oder) und Cottbus waren „Spitzbart, Bauch und Brille“ auch nicht mehr „des Volkes Wille“. Das jedenfalls skandierten die Stahl- und Walzwerker aus Hennigsdorf (Oberhavel), als sie mit den Beschäftigten des VEB Lokomotivbau Elektrotechnische Werke „Hans Beimler“ zum Protestmarsch nach Berlin aufbrachen: 6000 kamen dort an, in Hennigsdorf selbst hatten 15 000 Menschen die Arbeit niedergelegt.

„Es war eben nicht nur eine Rebellion der Arbeiter“, betont der Historiker Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), „und schon gar nicht nur eine in Berlin.“ Was Brandenburg betrifft, ist berechnet worden, dass in den Bezirken Potsdam und Cottbus 46 000 respektive 39 000 Menschen streikten, nur in den Bezirken Halle und Leipzig waren es mehr. Das, was am 17. Juni passierte, ist also ein Volksaufstand gewesen – und zwar der erste im kommunistischen Ostblock überhaupt: Hunderttausende Bürger besetzten republikweit die Schaltzentralen der Macht, forderten die Freilassung politischer Häftlinge, den Rücktritt der Regierung und freie Wahlen. Es war allerdings auch der erste Volksaufstand im Ostblock, der von sowjetischen Panzern – blutig – niedergewalzt wurde, Ungarn folgte 1956, Prag 1968.

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„Die Überregionalität der Aufstandsbewegung, ihre soziale Breite und ihre politische Dimension sind 2003 zum 50. Jahrestag umfassend dokumentiert worden“, sagt Hertle, „zum 60. dürfte dem nichts umstürzend Neues hinzuzufügen sein.“ Aktualisiert werde die vom ZZF 2003 mitkonzipierte und seither betreute Website www.17juni53.de jetzt trotzdem, in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung.

Interview mit dem Historiker Jens Schöne

„Lernschock“ für die DDR-Führung - Erinnerungen an dramatische Tage
Der Buchautor Jens Schöne bezeichnet das, was am 17. Juni 1953 in der DDR geschah, als Volksaufstand. Als 2003 des 50. Jahrestages der Ereignisse gedacht wurde, bekamen noch nicht alle dieses Wort über die Lippen. Im MAZ-Interview erklärt er warum.

Der mit Spitzbart, Bauch und Brille war Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED, damit erster Mann im Staate und so unbeliebt, dass sich nicht weniger bizarre Figuren wie DDR-Präsident Wilhelm Pieck und Ministerpräsident Otto Grotewohl für sympathisch halten konnten. Im April 1952 war das Trio nach Moskau zitiert und von Stalin auf etwas eingenordet worden, das dann auf der zweiten Parteikonferenz der SED im Juli 1952 „planmäßiger Aufbau des Sozialismus“ hieß, praktisch jedoch den Abschied von der deutschen Einheit und Sowjetisierung meinte. Dass aus den fünf Ländern 14 Bezirke (plus Ost-Berlin) wurden, konnte noch als Verwaltungsmaßnahme durchgehen. Der Rest war Terror: Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, systematische Enteignung mittelständischer Handels- und Gewerbebetriebe, Verfolgung der Kirchen und Jungen Gemeinden, Willkürjustiz. Das Ergebnis dieses „verschärften Klassenkampfes“ waren eine Finanz-, Versorgungs- und Ernährungskrise und eine massive Fluchtbewegung: Allein im ersten Halbjahr 1953 machten 226 000 Menschen „rüber“ in den Westen.

Was das Fass schließlich zum Überlaufen brachte, hatte wieder Moskau eingeschenkt, Stalins Erbe Nikita Chruschtschow diesmal. Jene „Maßnahmen zur Gesundung der politischen Lage in der DDR“ nämlich, die der von Ulbricht angeführten SED-Delegation am 2. Juni 1953 übermittelt wurden, waren am 11. Juni in der Parteizeitung „Neues Deutschland“ zu lesen: Der „Neue Kurs“ versprach Aufhebung der Steuer- und Preiserhöhungen, Handwerker und Einzelhändler sollten die Restitution ihrer Geschäfte und Betriebe beantragen können, Bauern ihre konfiszierten Landmaschinen zurückbekommen. Alle Verhaftungen und Urteile sollten überprüft werden, die Kampagnen gegen die Junge Gemeinde ein Ende haben. An den am 14. Mai beschlossenen Arbeitsnormenerhöhungen um zehn Prozent rüttelte indes niemand, obwohl das im „ND“ am 14. Juni unter der Schlagzeile „Es ist Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen“ immerhin thematisiert wurde. 

Das Echo war nicht durchweg negativ, aber es fiel auch nicht schwer, diese Politikwende als „Bankrotterklärung“ der SED zu deuten – und deshalb auch als Aufforderung zur Revolte. „Der 17. Juni begann nicht erst am 16. Juni“, erklärt Hertle, „als die Bauarbeiter am ,Block 40’ der Berliner Stalinallee gegen die Normen demonstrierten – und damit jene Massenerhebung auslösten, die in den Geschichtsbüchern steht.“ Unruhen habe es vielerorts schon vorher gegeben. In Hennigsdorf streikten die Stahlwerker bereits am 9. Juni, in Brandenburg/Havel hatten sich am 12. Juni 1953 mehr als 2000 Leute vor dem Gefängnis versammelt, um die Freilassung des Fuhrunternehmers Kurt Taege zu fordern. „Solche Geschichten gibt es jede Menge – und sie sind längst noch nicht alle erzählt“, bestätigt Hertle. Solche Geschichten aus der Anonymität zu holen, bleibe eine Aufgabe, fügt er hinzu. Darum sucht nun auch die MAZ Brandenburger Zeitzeugen der Ereignisse am 17. Juni, die solche Geschichten erzählen können. 

Bekannt ist, was Günter Grass reimte: „Alle Ampeln stehn auf Grün, / Wenn die aus Hennigsdorf durch den Regen ziehn. / Die blaue Vopo ist verbittert, / Weil uns der Regen nicht erschüttert.“ Bekannt ist das „Verhandlungsgeschick“ des FDJ-Chefs Erich Honecker, der die Aufrührer im VEB Lokomotiv- und WaggonbauKarl Marx“ in Potsdam-Babelsberg ausmanövrierte, bis der sowjetische Stadtkommandant „übernahm“. Bekannt ist der Fall Wilhelm Hagedorn in Rathenow (Havelland), Polizist a. D. und stolz darauf, 300 „Faschisten“ und „Agenten“ entlarvt zu haben. Er starb, nachdem ihn eine aufgebrachte Menge verprügelt hatte. 

Nein, unschuldig ging es am 17. Juni nicht zu, was es der SED im Nachhinein leicht machte, das Geschehen als „das Werk von Provokateuren und faschistischen Agenten ausländischer Mächte“ zu denunzieren. Das war es, wie wir heute wissen, nicht. Angefangen hatte alles mit spontanen Arbeiterprotesten – und die mündeten in einem Volksaufstand.  (Von Frank Kallensee)
 

ZEITZEUGENBERICHTE VOM DDR-VOLKSAUFSTAND

In den Tagen um den 17. Juni 1953 beteiligten sich viele Brandenburger an Streiks und Demonstrationen.Anlässlich des 60. Jahrestagesdes Volksaufstandes hatte die MAZ Zeit- und Augenzeugen gesucht. 
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