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Brandenburg Wie Wittenberge zur Alternative für Digitalarbeiter werden will
Brandenburg Wie Wittenberge zur Alternative für Digitalarbeiter werden will
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15:27 11.08.2019
Die Digitalpioniere Nadine Michalske, Ties Lange, Tim Chimoy. Quelle: FOTO: Hannah Rüdiger
Wittenberge

Der Ausblick ist traumhaft: Wer im zweiten Stock der Alten Ölmühle in Wittenberge (Prignitz) auf einem Sofa sitzt, blickt durch eine fast überdimensioniert große Glasfront direkt auf die Elbe und auf die Wiesen und Felder auf der anderen Flussseite. Die gesamte Etage mit ihrer Kaffeebar, dem Backstein-Industriecharme der umgebauten Ölfabrik und dem Blick in die Natur könnte auch ein gemütliches Ausflugscafé für Touristen sein. Stattdessen ist sie der Arbeitsplatz von 20 Digitalarbeitern, die für ein halbes Jahr hier in Wittenberge ihre Koffer abstellen – und ihre Laptops aufklappen.

Sie sind Teilnehmer des „Summer of Pioneers“, dem Pilot- und Vorzeigeprojekt der Stadt um zukünftig eine neue Klientel nach Wittenberge locken. Eine Klientel von Webdesignern und Start-Up-Gründern, von Digitalnomaden, die es raus aus den hektischen Großstädten zieht und die zum Arbeiten nicht mehr als ihren Laptop und eine vernünftige Internetverbindung brauchen. Das Projekt wird mit 80 000 Euro gefördert. Der größte Teil sind Lottomittel des brandenburgischen Wirtschaftsministeriums und Gelder der Städtebauförderung.

Digitalpioniere ziehen nach Wittenberge

Für ein halbes Jahr können die Großstädter so testweise in Wittenberge leben und arbeiten. Alle bekommen von der Stadt eine stark vergünstigte Wohnung gestellt und alle dürfen im Co-Working-Space, dem Gemeinschaftsbüro im zweiten Stock der Alten Ölmühle arbeiten. Im Gegenzug verspricht sich die Stadt Erkenntnisse darüber, was noch fehlt um eine echte Alternative zu werden für großstadtmüde Digitalarbeiter.

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Eine dieser Pioniere ist Nadine Michalske aus Berlin. Seit einem Monat lebt die 41-Jährige einen Teil der Woche in der Elbstadt und arbeitet in dem Co-Working-Space. Ihre neuen Nachbarn hätten Sie mit offenen Armen empfangen. Bei einem gemeinsamen Grillen habe man sich schon ein bisschen kennengelernt – etwas Erklärungsbedarf rund um das Pioneers-Projekt gebe es aber noch: „Keiner versteht wirklich, was wir hier tun“, erzählt Michalske. Und trotzdem können sie sich gut vorstellen, länger zu bleiben. „Die Leute hier sind nicht so abgehetzt. Diese Entspanntheit macht Lust auf Land“, sagt sie.

Auch Tim Chimoy ist für den „Summer of Pioneers“ nach Wittenberge gezogen. Er hat schon so ziemlich überall gelebt, zuletzt in Bangkok. Im Co-Working-Space arbeitet er an der Plattform „Citizen Circle“. Darin können sich Menschen, die wie er keinen festen Arbeitsplatz haben, vernetzen und gegenseitig unterstützen. Der 38-Jährige will sich nicht auf einen Wohn- und Arbeitsplatz festlegen.

Tim Chimoy, Ties Lange und Nadine Michalske (v.l.). Quelle: Hannah Rüdiger

Wenn er zwei oder drei feste Orte hat, an denen er „auch mal seine Koffer abstellen kann“, sei er zufrieden. Wittenberge hätte gute Chancen, einer davon zu werden. Es sind solche Großstadt-Biografien, die es wohl ohne den „Summer of Pioneers“ nicht von allein nach Wittenberge verschlagen hätte. Dabei hat die Stadt auch als einer von zwei ICE-Halten zwischen Hamburg und Berlin gute Voraussetzungen, eine Alternative zu sein für diejenigen, die raus aus den Metropolen und trotzdem nicht zu weit weg ziehen wollen. Rund eine Stunde braucht es mit dem Zug aus Wittenberge in beide Großstädte.

Projekt ist ein Testlauf

„Für uns ist das ganze Projekt ein Experiment und ein Testlauf. Wir wollen Erfahrungen gewinnen“, sagt Bürgermeister Oliver Hermann (SPD). „Aber es ist uns auch wichtig zu zeigen, dass das Ganze mehr als ein Hype ist“. Am Samstag öffnete Wittenberge auch deswegen seine Türen zum „Digitalsommer Prignitz“. Zusammen mit der Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg lud die Stadt zu Diskussionen und Workshops rund um das digitale Arbeiten im ländlichen Raum ein – und stellte sein „Summer of Pioneers“-Projekt vor.

„Wir können nicht nur in den eigenen Strukturen denken“, sagt Hermann. „Wir müssen in die Kommunikation einsteigen.“ Denn noch gebe es Einiges zu tun: „Es braucht noch mehr Gastronomie und wir wünschen uns eine optimierte Taktung der Fernzüge, die in Wittenberge halten“, sagt Herrmann. Vor allem aber müssten die jetzigen Bemühungen verstetigt werden. Erst dann habe Wittenberge eine echte Chance zur dauerhaften Alternative für Digitalarbeiter zu werden.

Oliver Herrmann, Bürgermeister von Wittenberge. Quelle: Hannah Rüdiger

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Von Hannah Rüdiger und Ansgar Nehls

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