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Brandenburg Walter Momper wird 75: „Auf Politik bin ich immer noch neugierig“
Brandenburg Walter Momper wird 75: „Auf Politik bin ich immer noch neugierig“
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15:38 19.02.2020
Walter Momper (SPD), ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, mit seinem berühmten roten Schal.
Walter Momper (SPD), ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin, mit seinem berühmten roten Schal. Quelle: Christoph Soeder/dpa
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Berlin

30 Jahre Mauerfall und 30 Jahre Deutsche Einheit: Zwei Jubiläen bewegen Berlin und Deutschland noch bis zum Herbst. Dazwischen feiert ein Mann Geburtstag, der als Regierender Bürgermeister seinerzeit mit an der Weltgeschichte schrieb: Am 21. Februar wird Walter Momper, der Mann mit dem roten Schal, 75 Jahre alt.

Vielgefragter Zeitzeuge war er im Vorjahr rund um die Feiern zum Mauerfall. Auch im Hinblick auf die in diesem Oktober anstehenden Einheitsfeiern flattern Einladungen auf seinen Tisch. „Also wenn die mich haben wollen, dann gehe ich hin“, sagt er etwas verschmitzt.

„Der 9. November 1989 war der bewegendste in meinem Leben“

„Etwas Überirdisches“ nannte er jene Tage 1989/1990 einmal, in denen das damals Unfassbare geschah und eine jahrzehntelang geteilte Stadt – wie die gesamte Nation – wieder Schritt für Schritt zusammenfand. „Natürlich war der 9. November 1989, der Tag des Mauerfalls, der bewegendste in meinem Leben“, sagt Momper heute. Er betont, wie friedvoll das alles abgelaufen sei. „Die Grundstimmung davor war ja, dass viele sagten, es wird ein Blutbad geben, wenn die Mauer fällt.“

Gut drei Jahrzehnte ist das nun her, und Momper ist schon lange kein Politiker mehr. Doch Müßiggang ist seine Sache auch im fortgeschrittenen Rentenalter nicht.

Festessen zum Geburtstag geplant

Praktisch täglich kommt er unter der Woche in sein kleines Büro in einem schmucklosen Gebäude nahe des Spittelmarktes in Berlin-Mitte. Seine 1992 gegründete Firma, die aus ihm und einer Angestellten besteht, entwickelt für Lebensmittelketten und andere Handelskunden neue Standorte in Berlin und Brandenburg. „Das ist abwechslungsreich, man erlebt öfter was Neues“, sagt Momper. „Man rostet nicht so schnell, bleibt flotter bei der Sache. Und noch macht es mir Spaß.“

Ehefrau Annegret ist nicht immer begeistert von der anhaltenden Berufstätigkeit ihres Walter. Damit die Familie nicht zu kurz kommt, ist aus Anlass des Geburtstages ein festliches Essen mit den Kindern und Enkeln in einem Restaurant geplant. „Darauf freue ich mich“, sagte Momper. Zuvor gönnt sich das Ehepaar ein paar Tage Zweisamkeit in Amsterdam, feiert dort seinen Ehrentag. „Ich war seit fast 50 Jahren nicht da“, sagt er. „Da hat sich wahrscheinlich einiges verändert.“

Zur rechten Zeit am rechten Ort

Die rasante Veränderung seiner geliebten Stadt Berlin gestaltete Momper über Jahrzehnte selbst mit. Zwar war er als Regierungschef eines rot-grünen Bündnisses keine zwei Jahre im Amt – von März 1989 bis Januar 1991 –, wegen der einheitsbedingten Neuwahl. Aber er hatte eben das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.

Danach war Momper noch bis 1992 SPD-Chef und saß mit Unterbrechung bis 2011 im Abgeordnetenhaus, war zehn Jahre Parlamentspräsident. Unvergessen sein Fauxpas bei der Wahl des SPD-Politikers Klaus Wowereit zum Regierenden Bürgermeister im November 2006: Obwohl Wowereit im ersten Wahlgang die nötige Mehrheit knapp verfehlte, fragte ihn Momper als Parlamentspräsident, ob er die Wahl annehme, und wollte zur Vereidigung schreiten. Erst aufgeregte Rufer hielten ihn davon ab – später entschuldigte er sich.

Sorge um die Demokratie

Heute ist der gebürtige Niedersachse Momper, der irgendwie immer wie ein echter Berliner rüberkam, nicht mehr so nah dran an politischen Prozessen. Aber: „Auf Politik bin ich schon noch neugierig.“ Sein Informationsbedürfnis stillt der Politikwissenschaftler mit Zeitungslektüre und den ARD- „Tagesthemen“. Hat sich Politik verändert? „Die Stabilität von früher ist heute nicht mehr da“, sagt Momper. „Viele Bürger wissen nicht so genau, was sie von den Parteien halten sollen.“

Angst um die Demokratie hat Momper angesichts des Erstarkens von Rechten und Populisten zwar nicht. „Aber man muss da schon aufpassen. Eine gewisse Sorge muss man schon haben.“ Wichtig aus seiner Sicht: „Die Demokraten müssen sich wenigstens in den grundlegenden Fragen einig sein.“ Und: Sie müssten klare Kante gegen die AfD zeigen.

Den Original-Schal aus Kaschmir gibt es noch

Und wie war das noch mal mit dem roten Schal, der zu einer Art Markenzeichen Mompers wurde? Den schenkte ihm nach gewonnener Wahl im April 1989 der Wirt der Gaststätte „Joe am Wedding“. Inzwischen sind etliche Exemplare dazugekommen. Aber: „Das Original aus Kaschmir habe ich noch“, erzählt Momper. Und das will er vorerst auch nicht herausrücken. Ins Museum komme der Schal erst, „wenn ich tot bin“.

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Von Stefan Kruse