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Brandenburg Café mit Geschichte: Das ehemalige Kaiserliche Postamt in Biesenthal
Brandenburg Café mit Geschichte: Das ehemalige Kaiserliche Postamt in Biesenthal
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10:18 02.06.2020
Pamela John vor ihrem Café in Biesenthal. Quelle: Patrick Pleul/dpa
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Biesenthal

„Kaiserliches Postamt“ steht in großen schwarzen Buchstaben an der Frontseite eines markanten zweistöckigen Backsteingebäudes in der Nähe des Bahnhofes Biesenthal (Barnim). Wer durch die großen Holzrahmenfenster ins Innere schaut, entdeckt statt Paketen und Briefen allerdings ein gemütlich wirkendes Café mit alten Nähmaschinentischen, an denen Gäste Platz nehmen können. Nostalgisch, aber nicht altbacken, lautet das Credo von Betreiberin Pamela John.

Vermüllt und zugenagelt

 „Als wir das Haus entdeckten, stand es schon acht Jahre leer. Die Fenster waren von innen vernagelt. Drinnen und im Garten türmte sich Müll. Alles machte einen ziemlich tristen Eindruck“, erinnert sie sich. Liebe auf den ersten Blick sei es bei ihr auf keinen Fall gewesen, betont die 44-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Marco Turowski war sie vor 15 Jahren auf der Suche nach einem größeren Zuhause. „Mein Partner stammt aus Biesenthal, ich aus der Region. Wir wohnten zur Miete und wollten was Eigenes mit mehr Platz.“ Gasinstallateur Turowski muss das Potenzial des Hauses erkannt haben, wie John erzählt.

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Betreiberin Pamela John neben einem historischen Foto des Kaiserlichen Postamtes aus dem Jahr 1910. Quelle: dpa

Die Bausubstanz des Gebäudes erwies sich demnach als „ordentlich“, der Original-Terazzo-Fußboden war noch intakt. Pro Etage gab es jeweils 110 Quadratmeter Nutzfläche. Das Obergeschoss sollte zur Wohnung der Familie werden. Die Aussicht, im Erdgeschoss „etwas Eigenes“ machen zu können, ließ die studierte Landschaftsplanerin schließlich einwilligen. Vom Dach bis zum Keller hätten sie das einstige Postamt saniert, erzählt John, die selbst gern alte Möbel wieder ansehnlich macht und für das Haus Türen, Fließen und passendes Inventar zusammensuchte. „Es gibt ja historische Baumärkte, wo Du fündig werden kannst“, erzählt sie.

Einziges Zeugnis der Vergangenheit war ein Drogerieschild am Eingang. „Das Erdgeschoss war fast ein Jahrhundert lang immer Ladengeschäft – für Zeitungen, Blumen, zu DDR-Zeiten als Konsum“, erzählt die 44-Jährige. Dass der markante Backsteinbau 1887 eigentlich als Kaiserliches Postamt errichtet worden war, erfuhren John und Turowski erst durch die Biesenthaler Ortschronistin Gertrud Poppe. 1892 war das Postamt eröffnet worden, 1922 zog es in ein größeres Gebäude der Stadt um. Für John und Turowski stand fest: Sie wollen an die Geschichte erinnern. Anhand alter Fotos formten sie den Schriftzug „Kaiserliches Postamt“ für die Vorderfront.

Nicht unter Denkmalschutz

Unter Denkmalschutz steht das alte Kaiserliche Postamt nicht. Das erleichterte den neuen Besitzern einiges, da weniger Vorschriften zu beachten waren. Dennoch wollten sie den historischen Charakter erhalten oder wiederherstellen, nutzten dafür alte Fotos. „Was wir hier vorfanden, waren ja Veränderungen, die zu DDR-Zeiten gemacht worden waren“, erzählt John. Völlig neu gestaltet hat sie den kleinen Vorgarten. Den gab es am historischen Postgebäude damals nicht. Die gemauerten Zaunsäulen passen perfekt zum Haus, als hätten sie schon immer dazu gehört. Zwischen Rosen und Lavendel stehen zwei weitere Cafétische. „Das ehemalige Postamt ist durch viel Eigeninitiative der neuen Besitzer zu einem echten Schmuckstück und einem Gewinn für die ganze Straße geworden“, lobt der Biesenthalter Bürgermeister Carsten Bruch (CDU).

Vor gut einem Jahr hatte John ihr Café eröffnet, zu der auch eine kleine Laden-Ecke mit Dekorationsobjekten gehört. Zuvor hat sie einen Barista-Kurs gemacht. „Besucher können sich beim Kaffee unterhalten oder auch im Lädchen stöbern.“ Die Resonanz sei super, erzählt die Café-Chefin, die sich darüber freut, dass so viele Einheimische inzwischen zu Stammgästen gehören. Die von der Hausherrin und ihrer Mutter täglich frisch gemachten Kuchen und Torten hatten sich offenbar schnell herum gesprochen.

Straße mit Villencharakter

„Das markante Gebäude in Bahnhofsnähe war ja schon früher ein Anlaufpunkt für die Biesenthaler“, erzählt der Bürgermeister, der die knapp drei Kilometer lange Bahnhofstraße seines Ortes gern als längste Villenstraße Brandenburgs bezeichnet. Vor acht Jahren habe die Stadt eine Gestaltungssatzung für die erhaltenswerten Gebäude erlassen, die zwischen 1890 und 1925 von gut betuchten Berlinern als Landsitze gebaut worden waren. „Dass heißt: Es gibt Vorgaben für Um- und Neubau, um den Villencharakter der Straße zu erhalten“, erklärt Bruch.

Auch ohne Denkmal-Vorschriften sei das Sanieren eines alten Hauses ziemlich kostspielig, sagt Postamt-Bewohnerin John. Mehrere Hunderttausend Euro hätten sie und ihr Partner bereits investiert, darunter auch Gelder aus dem LEADER-Programm zur Förderung der ländlichen Entwicklung. Insgesamt 1500 Projekte im Land seien seit dem Beginn der Förderperiode 2015 mit rund 300 Millionen Euro unterstützt worden, sagt Sebastian Arnold, Sprecher des Brandenburger Agrarministeriums.

Von Jeanette Bederke

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