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Brandenburg Ein Landarzt berichtet: Warum sich eine Praxis auf vielen Dörfern nicht mehr rechnet
Brandenburg Ein Landarzt berichtet: Warum sich eine Praxis auf vielen Dörfern nicht mehr rechnet
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18:26 26.08.2019
Mario Zerbaum arbeitet als Hausarzt in Brandenburg (Havel). Ende Juni hat er zusätzlich eine Eintagespraxis auf dem Land in Buschow eröffnet. Quelle: Ansgar Nehls
Brandenburg/Havel

Von allen Bundesländern hat Brandenburg die geringste Ärztedichte, das belegen Zahlen des Bundesarztregisters. Besonders Landärzte werden verzweifelt gesucht. Hausarzt Mario Zerbaum ist einer von denen, die kurzfristig helfen wollen.

Herr Zerbaum, Sie haben Ende Juni zusätzlich zu ihrer Niederlassung in Brandenburg/Havel eine Eintagespraxis im kleinen Dorf Buschow (Havelland) eröffnet. Immer am Mittwoch haben die Buschower nun die Möglichkeit, einen Arzt vor Ort zu sehen. Wie kam es dazu?

Mario Zerbaum: Der Auslöser war die angekündigte Schließung der letzten verbliebenen Arztpraxis im benachbarten Nennhausen im letzten Jahr. Ab Mitte des vergangenen Jahres kamen die Patienten deswegen zum Teil täglich bis hierher nach Brandenburg. Die Menschen wollten unbedingt in unsere Patientenkartei aufgenommen werden und hatten Angst, dass sie keinen Arzt mehr finden würden, wenn sie zu spät kämen. So entstand die Idee, dort eine Vor-Ort-Versorgung anzubieten.

Haben sich die Menschen gefreut, dass Sie nun da sind?

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Fast ein Drittel der Landärzte älter als 60 Jahre und gehen bald in den Ruhestand. Wie viel Zeit haben wir denn noch in Brandenburg?

Wir haben keine Zeit mehr. Weil hier in Brandenburg schon jetzt Patienten zu uns kommen, die über Jahre keine kontinuierliche hausärztliche Betreuung hatten. Das mag einem jungen Menschen lapidar vorkommen. Aber jemand, der Probleme mit dem Blutdruck oder dem Stoffwechsel hat, bedarf zwingend kontinuierlicher hausärztliche Kontrolle.Wir haben hier schon Patienten gesehen, die gesundheitlichen Schaden erlitten haben, weil sie über lange Zeit keinen festen Hausarzt hatten. Auf der anderen Seite muss man grundsätzlich klären, wie die hausärztliche Versorgung in Zukunft aussehen soll und was diese der Gesellschaft wert ist. Und da muss ich schmunzeln, wenn ich die Wahlkampfplakate von der Europawahl oder vor der Landtagswahl jetzt sehe.

Wieso?

Es gab mal den Slogan: „Damit der Landarzt nicht nur im Fernsehen kommt“. Ich weiß gar nicht, welche Partei das war. Aber sich im Wahlkampf so hinzustellen ohne dabei ganz konkrete Maßnahmen zu benennen, ist reine Stimmenhascherei. Mehr nicht. Dabei sind es doch tatsächliche Sorgen und Nöte gerade der älteren Leute auf dem Dorf. Ich finde das insgesamt ehrlich gesagt haarsträubend. Letztlich ist es auch der Beharrlichkeit und des großen persönlichen Einsatzes der Buschower Bürger geschuldet, dass wir dort jetzt Patienten behandeln, nicht der Bundes- oder Landespolitik.

Warum ist es denn so schwierig geworden, Landärzte zu finden?

Da spielen viele Aspekte eine Rolle. Allen voran muss sich die Erwartungshaltung der Menschen an eine neue Zeit anpassen. Es wird definitiv nicht mehr jedes Dorf seinen eigenen Arzt haben. Das hat viele Gründe. Aber in einem Dorf wie Buschow können Sie heutzutage kaum noch eine Arztpraxis wirtschaftlich betreiben, die alle Verpflichtungen und Vorgaben erfüllt – um dann am Vormittag zehn oder fünfzehn Patienten zu behandeln. Das geht einfach nicht. Als Richtgröße für einen vollen Praxissitz brauchen Sie rund 1000 Patienten im Quartal, die sie mindestens einmal sehen. Diese Zahl werden sie in Gegenden wie Buschow nicht mehr erreichen. Aber trotzdem gibt es natürlich den Bedarf der Menschen. Die Leute sind dort genauso häufig krank wie in der Stadt.

Was hält Ärzte sonst noch ab aufs Land zu gehen?

Die Menschen im ländlichen Raum werden immer älter. Das führt dazu, dass Hausbesuche sehr viel häufiger nötig sein werden. Das sehen wir jetzt schon tagtäglich. Wenn Sie aber mit ihrer Praxis in Buschow sitzen, müssen Sie ein Gebiet von zehn bis 15 Dörfern versorgen. Dann müssen Sie vielleicht erst zu dem einen Patienten in die eine Richtung fahren und danach zu jemandem, der genau in der entgegengesetzten Richtung wohnt. Dazwischen sitzen sie eine halbe Stunde im Auto, in der Sie nichts verdienen. Denn bezahlt wird nur der Besuch. Das ist wirtschaftlich nicht zu machen.

Um junge Ärzte aufs Land zu holen, gibt es jetzt ein Stipendienprogramm des Landes. Medizinstudenten bekommen 1000 Euro im Monat und verpflichten sich, nach dem Studium für fünf Jahre in einer ländlichen Region zu arbeiten.

Ich denke, dass diese Rechnung nicht wie geplant aufgehen wird. Stellen Sie sich vor, Sie sind noch keine 20 Jahre alt und haben gerade das Abitur gemacht. Sie haben noch nicht einen Tag Medizin studiert und haben in Fragen der Familienplanung und der Partnerschaft noch keine feste Planung. Und jetzt sollen sie sich für eine Sache verpflichten, die sie überhaupt noch nicht überblicken können? Das ist zu einem großen Teil leider nur Aktionismus. Das Geld wäre an anderen Stellen besser und nachhaltiger investiert.

Sie haben zum Beispiel für ihre Eintagespraxis einen Zuschuss des Landkreises bekommen.

Ja, das Geld hat uns geholfen, weil wir die Investitionskosten zu Beginn nicht zu 100 Prozent tragen mussten. Das war ein Anreiz. Aber Geld verdiene ich in Buschow nicht. Im günstigsten Fall ist das eine Plus-Minus-Null-Rechnung.

Warum tun Sie sich die Arbeit dann an?

Weil wir die Notwendigkeit sehen und wir uns unserer Verantwortung gegenüber den Patienten durchaus bewusst sind. Wir sind gerade in einer Situation, in der wir das stemmen können. Und da wollten wir uns nicht herausnehmen und sagen, dass wir es uns komfortabel eingerichtet haben und uns alles andere egal ist.

Von Ansgar Nehls

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