Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Ein Messerundgang mit Dietmar Woidke
Brandenburg Ein Messerundgang mit Dietmar Woidke
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:35 20.01.2014
Dietmar Woidke probierte und probierte und probierte...
Dietmar Woidke probierte und probierte und probierte... Quelle: Julain Stähle
Anzeige
Berlin

„Wer is’n dit?“, fragt er, schwarzer Mantel, silberne Locke, unbeeindruckt. Sie, im Vorbeigehen, antwortet wissend: „Na Platzeck, der Zweite.“ Um ein Haar würde Polithüne Dietmar Woidke, der Ministerpräsident (SPD) von 1,94 Meter Körpergröße, im Trubel der Internationalen Grünen Woche untergehen. Menschenmassen drängen sich am Montag durch Halle 21a des Messegeländes unter dem Berliner Funkturm. Die Brandenburghalle am Brandenburgtag: Obermärker Woidke und seine Entourage schieben sich vom einen der 77 Stände zum anderen – eine ungleiche Zusammenrottung zurechtgemachter Produktköniginnen, politikunverdrossener Bürger, rangelnder Fotografen und pflichtbewusst finster dreinschauender Sicherheitsleute.

Die Halle 21a zu den zu den beliebtesten Ausstellungsräumen. Manche halten die Brandenburghalle gar für die schönste auf der weltgrößten Agrar- und Lebensmittelmesse. Die aufeinander abgestimmten Stände versprühen einen gemütlichen Marktcharme.  Und so ist es kein Wunder, dass sich schon kurz nach 10 Uhr die Besucher drängeln sich. Es geht um die Wurst, zum Beispiel Salami mit Kümmel mit extra hohem Rindfleischanteil. Das Fleisch kommt vom Vieh, das in Großmutz auf der Weide steht. Aber es gibt auch viele, viele andere Leckereien.

Woidke ist Grüne-Woche-Profi. Der langjährige Agrarminister darf erstmals nach dem Rücktritt von Vorgänger Matthias Platzeck als Ministerpräsident ran. Er weiß, fortwährend mit einem neuen Glas in der Hand, worauf es ankommt: „Nach dem 75. Stand sollen wir noch einen geraden Blick haben.“Und wenn der Moderator, nicht nur des Wissens durstig, nachfragt, wie es ist, mittags einen Wein zu trinken, kommt Woidke mit dem Alten Fritz: „Die Kerls saufen den Wein doch nur selber“, soll Friedrich II. einst eine zu hohe Rechnung kommentiert haben.

Die Grüne Woche, zehn Tage des Saufens und Fressens ohne jeden Tiefgang? Die 200 Aussteller zwischen Prignitz und Lausitz würden protestieren. Es geht ums Geschäft – die täglich 50.000 Besucher aus der ganzen Welt sollen in der Halle auf den Geschmack märkischer Produkte und gerne auch als Touristen kommen.

Man muss sich nur zu vermarkten wissen – wie in der Bäckerei Plentz aus Schwante (Oberhavel). Chef Karl-Dietmar Plentz serviert erstmals die Pralinen-Törtchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.“ An seiner Seite: Lea Keidel, 18, sie gibt die schüchterne Schönheit wie im Original. Plentz („Ich weiß, wie emotional dieser Film wirkt“) hat sich eigens die Rechte sichern lassen.

Die Landkreise Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald spielen bei der Grünen Woche in Berlin eine wichtige Rolle. In der Brandenburg-Halle nehmen sie einen großen Teil ein. Die MAZ hat sich auf der Ernährungsmesse umgeschaut und mit den Ausstellern aus der Region gesprochen.

Immer wieder was Neues einfallen lassen muss sich auch Michael Schultz. Der Mann von Schultzens Siedlerhof in Werder/Havel (Potsdam-Mittelmark) hat seinen Neuling, einen Williams-Christ-Birnenlikör, bereits beim Publikum erfolgreich erprobt. „Der wird in der Damenwelt sehr gelobt“, sagt Schultz. Mild, kratzt nicht, sehr bekömmlich. Das verlangt der Markt, erklärt Schultz. Kurz vor der Grünen Woche ist seine Spezialität fertig geworden, der 47-prozentige Siedler Gin. 500 Flaschen werden im Jahr abgefüllt, 2013 reichte die Ware nur bis zum November. Seine Kunden setzen auf Qualität statt billigen Fusel, meint Schultz.

Beim Bothe Fleischerei & Partyservice aus Werder recken Juniorchef Mathias und Senior Horst den Pokal nach oben. 17 ihrer Fleischspezialitäten hat der Landesverband prämiert. Prädikat: regionale Produkte von hoher Qualität. Von Schweinen aus Perleberg (Prig-nitz) und Rindern von den Havel-auen und Nuthewiesen.

Ministerpräsident Woidke muss sich indes in hoher Diplomatie üben. „In der Lausitz schmeckt der Kuchen anders als in der Prignitz.“ Er meint wohl: Die Mark ist überall lecker. Das hört sich gut an. Im Hintergrund bläst das Orchester der Bergarbeiter Plessa (Elbe-Elster) zu „Smoke On The Water.“ Darauf einen Kurzen zum Ablöschen. Und die Kapelle schließt: „I Did It My Way“.

MAZ-KOMMENTAR

Trügerische Idylle
Bastian Pauly warnt die märkischen Landwirte davor, sich auf ihren derzeitigen Erfolgen auszuruhen.

Manches scheint sich einfach nie zu ändern. Kostprobe: Der Spargel kommt aus Beelitz. Und die Gurke fischt man aus dem Spreewald. Doch die märkische Idylle ist trügerisch. Tatsächlich geht’s auf dem Agrarmarkt zur Sache wie am Wühltisch im Schlussverkauf. Es gilt, den Verbraucher zu überzeugen: riecht lecker, schmeckt noch besser, ist noch dazu gesund (oder wenigstens nicht schädlich).

Eingedenk diverser Lebensmittelskandale – Stichwort Noroviren-Erdbeeren oder Pferdefleisch-Lasagne – ist der Kunde hin- und hergerissen an den Theken. Was mal auf den Teller kommt, wird zunehmend kritischer beäugt. Das hat bemerkenswerte Folgen. So kommt der ökologische Landbau der steigenden Nachfrage im Großraum Berlin-Brandenburg nicht hinterher. Die Branche jubelt über Rekordzahlen – und beklagt zugleich die nicht wachsende Fläche ökologischen Landbaus. Der Verbraucher scheint Industrie wie Politik voraus: Er kauft mehr Bio, als hierzulande angebaut und verarbeitet werden kann. Die Folge: Die begehrte Ware muss oftmals importiert werden. Mit Nachhaltigkeit hat das dann nichts mehr zu tun. Schließlich liegt in der Regionalität der Produkte der ökologische Markenkern.

Was das betrifft, hat Brandenburg die besten Voraussetzungen. Das Land ist weit und der wichtigste Absatzmarkt so nah: Berlin. Kein Zweifel, die brandenburgischen Produkte unterm Funkturm in einer eigenen Halle und mit einem freundlichen Lächeln zu präsentieren, ist eine Pflichtveranstaltung. Doch bei aller guten Laune sind sich auf der Grünen Woche längst nicht alle grün: Konventionelle Agrarindustrie hier und ökologische Landwirte da ringen um die Gunst der Politik. Und mittendrin, bisweilen orientierungslos: der Verbraucher. Es geht um ein Milliardengeschäft. Und um Nachhaltigkeit (kaum greifbar) und Gesundheit (damit kann jeder was anfangen). Wer mit Lebensmitteln Geld verdienen will, darf das nie vergessen. Wirtschaft

Von Bastian Pauly

Brandenburg Gesetz soll Identitätsbewusstsein der Sorben stärken - Mehr Rechte für die Ureinwohner
20.01.2014
Brandenburg Interview mit Brandenburgs Linken-Chef - Christian Görke über Ämter und Wahlkampf
23.01.2014
Brandenburg Brandenburgs Landeswahlleiter sieht keine Fehler bei Behörden - Behinderte aus Versehen ohne Wahlrecht
21.01.2014