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Brandenburg Zeitreise ins geteilte Berlin
Brandenburg Zeitreise ins geteilte Berlin
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18:50 14.09.2019
Am Checkpoint Charlie kann man eine virtuelle Zeitreise in die Zeit vor dem Mauerfall unternehmen. Quelle: foto: Timeride/Marco Urban
Berlin

Wer den Checkpoint Charlie als historisches Disneyland bezeichnet, tut der Welt von Micky Maus und Co. unrecht. Klar, auch hier stehen verkleidete Maskottchen für Fotos parat, Verkäufer verhökern Erinnerungsramsch, und hinter dem, was historisch anmuten soll, verbirgt sich meist Attrappe. Doch Abfall und Uringeruch am ausgestellten Mauerstück sind kaum so liebreizend wie die nach Popcorn riechende Fantasiewelt rund um das Cinderella-Schloss.

An der Fassade des Mauermuseums prangt unlesbar ein verwitterter Medienbericht von 1982, daneben hängen wie zum Sperrmüll rausgestellte Teile eines zur Flucht genutzten Flugzeugs. Die Drückerkolonnen der Stadtrundfahrten versuchen, Besucher in ihre Hop-on-Hop-of-Busse hinein zu quatschen. Ein paar italienische Touristen lachen über einen Obdachlosen, der mehrere Spendenbecher nach persönlichen Bedürfnissen aufgestellt hat und um Geld bittet für Sex, Suff und Hundefutter. Am einstigen Schauplatz des Kalten Krieges herrscht das Flair einer heruntergekommenen Kirmes.

Der TimeRide bietet eine Mischung aus Ausstellung und Virtual Reality. Quelle: www.marco-urban.de

Vermag es da ausgerechnet ein weiterer Event-Anbieter der Gedenkkultur am historischen Grenzübergang mehr Würde zu verleihen? Jonas Rothe und seine TimeRide GmbH bieten mit Hilfe von Virtual-Reality-Brillen nun eine virtuelle Zeitreise durch das geteilte Berlin der 1980er-Jahre.

Der in Dresden aufgewachsene Rothe selbst ist 32 Jahre alt. Denkt er an die Kindheit in der DDR, erinnert er sich bloß, wie labbrig der Joghurt schmeckte. Um Ost- und West-Berlin grafisch und inhaltlich möglichst authentisch darzustellen, beschäftigt er mehrere festangestellte Historiker und ließ über 40 Zeitzeugen befragen. „Wir wollen Gegensätze und Gemeinsamkeiten in Ost und West zeigen und, wie die Menschen mit der Teilung umgingen“, sagt Rothe.

Da spottet der Wessi über das „Disneyland für Depressive“

Da wäre zum Beispiel der 1952 in Ost-Berlin geborene Fliesenleger Harry Liedeke. Eine von drei Figuren, denen der Besucher auf seiner bebrillten Zeitreise folgen kann. Die anderen sind ein Kreuzberger Hausbesetzer, der Ost-Berlin als „Disneyland für Depressive“ erlebte und eine Architektin, die sich ans jugendliche FDJ-Vergnügen und an spätere Stasi-Repressionen erinnert.

Im nachgebauten Interieur eines Setra-Busses nehmen die Zeitreisenden auf dem ostalgisch anmutenden, in fiesen Brauntönen gehaltenen Sitzpolster Platz. Der schwarze Brillenaufsatz katapultiert einen direkt an den Grenzübergang zur DDR. Bedeutungsschwanger beäugen die Grenzbeamten die Papiere des Busfahrers. Harry, der aufmüpfige Fliesenleger, schimpft über das „Rumjewese“ der Grenzer. Beim Passieren einer Schlange Menschen, die für exklusive Waren anstehen, verspottet er die DDR als „sozialistische Wartegemeinschaft“.

„Eine super Erfahrung“ - Daniel Tascher und seinem Opa Dieter Sprunggala hat der Timeride neue Erkenntnisse gebracht. Quelle: Maurice Wojach

Mit viel Liebe zum Detail und erkennbar um ein differenziertes Bild bemüht, tauchen am Straßenrand ihre verschiedensten Mitglieder auf – Punks und Spitzel, flanierende Familien und Ziegeln schmuggelnde Bauarbeiter. Die Figuren in dieser virtuellen Ost-Welt bewegen sich etwas roboterartig, die Gebäude aber wirken präzise und füttern die Fantasie, wie es sich wohl in diesem Land, das es nicht mehr gibt, gelebt hat. Die Tour geht vorbei am kriegsversehrten Gendarmenmarkt, der gerade für die 750-Jahr-Feier in Schuss gebracht wird. Beeindruckend wirken längst abgerissene architektonische Hingucker, die die Utopie sozialistischen Zusammenlebens vermitteln – etwa die futuristisch anmutende Gaststätte „Ahornblatt“ und der Palast der Republik.

Und wie kommt die Zeitreise bei den Besuchern an? Auf zwei der vorderen Sitzplätze ziehen sich Opa und Enkel die Brille über den Kopf. Auf den 24-Jährigen Daniel Tascher aus Baden-Württemberg dürfte die Zeitreise so exotisch wirken wie ein Per-Anhalter-Trip durch Fernost. „Ein krasser Kontrast zu heute“, sagt er, „und auch etwas trist.“ Sein Großvater Dieter Sprunggala stammt aus dem West-Stadtteil Britz, aber nur ein einziges Mal habe er vor der Wende seinen Cousin aus der DDR in Ost-Berlin getroffen. Er bezeichnet den Trip als „super Erfahrung“. Die VR-Brille hat ihn zum Touristen in der eigenen Stadt gemacht.

Von Maurice Wojach

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