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Brandenburg Berlinerin berichtet über eine düstere Zeit
Brandenburg Berlinerin berichtet über eine düstere Zeit
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17:07 15.05.2019
Eines von vielen Opfern politischer Willkür: Ines Thaller. Quelle: Monika Skolimowska/DPA
Berlin

Flamenco-Tanz, Yoga, Bodybuilding – solange, bis der Kopf leer und der Körper erschöpft ist. Auch damit hat sich die Berlinerin Ines Thaller nach dem Mauerfall in ein neues Leben gekämpft. „Exzessiver Sport hat mir geholfen, mich zu spüren.“ Fast zwei Jahre ihres Lebens hat sie in einem DDR-Jugendwerkhof zubringen müssen. Es waren berüchtigte Einrichtungen, in denen „schwer erziehbare“, aufmüpfige Kinder und Jugendliche zu sozialistischen Persönlichkeiten werden sollten – durch Härte, Abwertung, Arbeit ohne Schule. Schon zuvor war die unangepasste Jugendliche mit 15 Jahren in ein sogenanntes Jugendwohnheim gesteckt worden.

Der Name wird nicht ausgespart

Erst jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, hat sich die studierte Gymnastiklehrerin und Bewegungspädagogin entschieden, ihre Geschichte öffentlich zu erzählen, und dabei auch ihren Namen nicht wegzulassen. „Das Bedrückende wird weniger“, sagt die Mutter zweier Söhne. Sie habe nun mehr das Gefühl, selbst über ihr Leben bestimmen zu können.

In der Berliner Beratungsstelle „Gegenwind“ in einem Altbau im Stadtteil Moabit sitzt Thaller mit Sozialpädagogin Bettina Kielhorn zusammen. Die beiden Frauen treffen sich hier jede Woche zu Gesprächen. Es gehe darum, die lange weggedrückte Vergangenheit zu verstehen und zu erkennen, dass man nicht selbst schuld gewesen sei. „Frau Thaller hat eine unglaubliche Stärke“, sagt Therapeutin Kielhorn. „Und sie kann vergeben.“ Frau Thaller habe es geschafft, mit ihrer Mutter gemeinsam zu Gesprächen zu kommen – trotz des überaus schwierigen Verhältnisses. Aus erhalten gebliebenen Akten weiß die Tochter, dass ihr West-Freund einst an die Stasi verraten worden ist – und zwar von der Mutter, die als Inoffizieller Mitarbeiter angeworben worden war.

Viele aus der Elterngeneration schweigen

Dennoch ist es ein differenzierter Blick, den Thaller sich erarbeitet hat: Sie sagt, es sei mutig von ihrer Mutter, mit ihr über die Vergangenheit zu sprechen – denn viele in der Elterngeneration schwiegen einfach. Kielhorn sagt, zwar sei die Mutter an der Heimeinweisung beteiligt gewesen, doch habe man ihr das Erziehungsrecht komplett abgesprochen. Nach der Maueröffnung habe sie ihre Tochter und Enkelkinder unterstützt und sich nun der Vergangenheit gestellt – sie habe nicht gewusst, wie die DDR-Heime funktioniert hätten. „Gegenwind“ ist seit mehr als 20 Jahren bundesweit die einzige Beratungsstelle für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur. Das Anliegen sei, gesundheitliche und seelische Folgeschäden von Betroffenen zu lindern, sagt Kielhorn.

Bettina Kielhorn, Sozialpädagogin der Beratungsstelle „Gegenwind" mit dem Therapiehund Jette. Quelle: Monika Skolimowska/DPA

„Das Reden hier bringt mir viel“, sagt Thaller. „Für meinen Selbstwert. Gegen das Gefühl, nicht zu genügen.“ Über Jahre habe sie eine unterschwellige Aggression gespürt, sich mit Migräne herumgeplagt. „Ich habe wie auf einem Pulverfass gesessen.“ Dass das mit ihren traumatischen Erlebnissen als Jugendliche zusammenhänge, habe sie nicht gewusst.

Nach „Durchgangsheimen“ landet die einst gute Schülerin damals im Jugendwerkhof in Brand-Erbisdorf in Sachsen. Nach einem Fluchtversuch kam sie in eine Isolierzelle. Sie muss tagsüber arbeiten und Leuchten für einen volkseigenen Betrieb zusammenschrauben – eine Schule gibt es für sie nicht. Die Erzieher hätten einem das Gefühl gegeben, „dass du das Letzte bist“.

Rigide Strafen für Kinder und Jugendliche

Rund 75 Jugendwerkhöfe gab es laut der Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt, Birgit Neumann-Becker, in der DDR.

1989 sind es laut den Angaben noch 31 mit knapp 3.500 Plätzen gewesen. Der JugendwerkhofAugust Bebel“ in Burg (Sachsen-Anhalt) war der größte der DDR, er hatte eine Reihe von Außenstellen.

Im Buch „Ich nenne es Kindergefängnis“ beschreibt der Historiker Ralf Marten, wie wenig genügte, um in ein Spezialheim der DDR-Jugendhilfe eingewiesen zu werden. Etwa 135.000 Kinder und Jugendliche seien betroffen gewesen. Viele seien mit rigiden Strafen gebrochen worden.

Sie sei nicht kriminell gewesen, habe nur ihr Ding machen wollen, sagt Thaller im Rückblick. Doch außergewöhnliche Haare, getönt mit blauer Tinte oder rosa Lebensmittelfarbe, schwarze Klamotten und eine Clique hatten bei Thaller schon gereicht, um als renitent und missliebig eingestuft zu werden.

Politik macht Weg für Neuregelung der Rehabilitation frei

Nun liegt ein Gesetzentwurf von Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) vor, wonach die Opfer politischer Willkür in der DDR besser unterstützt werden sollen. Das Bundeskabinett machte am Mittwoch den Weg für eine Neuregelung der Rehabilitation frei. Frühere Heimkinder sollen ihre Ansprüche einfacher durchsetzen können, auch neue Hilfsleistungen sind demnach geplant. In den Rehabilitierungsgesetzen für Opfer staatlicher Verfolgung sollen die Fristen für Anträge gestrichen werden. Ansonsten würden diese nur noch in diesem Jahr möglich sein.

Wichtiges Zeichen der Anerkennung und Gerechtigkeit

„Die juristische Aufarbeitung des SED-Unrechts und die Rehabilitierung der Opfer politischer Verfolgung sind noch immer nicht abgeschlossen“, sagt Barley. „Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, den Opfern zur Seite zu stehen.“ Auch wenn eine finanzielle Unterstützung das Leid nicht wiedergutmachen könne, sei es ein wichtiges Zeichen der Anerkennung und Gerechtigkeit.

Der Antrag von Thaller auf strafrechtliche Rehabilitierung wurde abgelehnt. Ob sich daran nun etwas ändern kann? Die 48-Jährige akzeptiert die Gerichtsentscheidung nicht. „Da bin ich jetzt stur.“

Nach dem Mauerfall holte sie vieles nach: Schulabschluss, Abitur, den Traum wahr gemacht, als Tänzerin zu arbeiten, erstes Kind bekommen, Ausbildung zur Gymnastiklehrerin, Bewegungspädagogin, zweites Kind, jetzt freie Arbeit in der Bewegungspädagogik. Thaller liebt das Meer und findet dort Ruhe und Kraft. Denn sie habe noch einiges zu erledigen. Mit ihrem großen Sohn habe sie gerade erst angefangen, über früher zu reden.

Von Jutta Schütz

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