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Brandenburg Aufnahmeheim für Flüchtlinge vor dem Kollaps
Brandenburg Aufnahmeheim für Flüchtlinge vor dem Kollaps
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09:03 11.07.2014
Schlangestehen bei der Essensausgabe in der überfüllten Erstaufnahmestelle für Asylbewerber in Eisenhüttenstatt.
Schlangestehen bei der Essensausgabe in der überfüllten Erstaufnahmestelle für Asylbewerber in Eisenhüttenstatt. Quelle: Johann Müller
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Eisenhüttenstadt

Für einen Behördenleiter, der nicht mehr weiß, wie er den Strom von Flüchtlingen bewältigen soll, wirkt Frank Nürnberger erstaunlich gelassen. Doch was er sagt, klingt alarmierend. „Wir sind am Rande des Nervenzusammenbruchs, bekommen immer mehr personelle und logistische Probleme“, sagt der Chef der zentralen Brandenburger Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree).

Bei einem Rundgang über das staubige, eingezäunte Areal am Rand der Stahlarbeiterstadt wird deutlich: Die Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber platzt aus allen Nähten und droht zusammenzubrechen – total überbelegt und mit viel zu wenig Personal. Alle Häuser und Wohncontainer sind voll. Mehr als 900 Flüchtlinge aus über 20 Nationen beherbergt die Einrichtung.

131 von ihnen, ausnahmslos syrische Bürgerkriegsflüchtlinge, sind bereits extern in einem ehemaligen Jugendwohnheim der Arbeiterwohlfahrt untergebracht. 80 weitere Asylbewerber – alleinreisende Männer aus unterschiedlichen Ländern – haben in dieser Woche die Frankfurter Oderlandkaserne bezogen. Die schon Jahre leer stehende Immobilie ist nun Flüchtlingswohnheim mit bis zu 250 Plätzen. Dort hat Nürnberger diejenigen untergebracht, die zuvor in der Turnhalle campierten. „Unter dem Blechdach staut sich die Hitze dermaßen, dass wir räumen mussten“, sagt er. Ein Verwaltungsgebäude hat er trotz baupolizeilicher Bedenken notdürftig zum Quartier für 140 Afrikaner aus Eritrea gemacht, neben den Syrern derzeit die größte Gruppe der Zuflucht Suchenden.

 „Wir suchen permanent nach neuen Quartieren.“

Je elf Feldbetten stehen dicht auf dicht in früheren Büroräumen, dazu Blechschränke. „Immer noch besser, als in Zelten“, sagt der Behördenchef. Er hat auch diese Not-reserve, hofft allerdings, sie nicht einsetzen zu müssen. „Theoretisch könnten wir auch die Wohncontainer um eine Etage aufstocken, doch da spielt der Brandschutz nicht mit. Zudem ging unser Stromgenerator da schon in die Knie“, sagt er. Es kommt noch dicker: Nürnberger rechnet aufgrund ständig nach oben korrigierter Prognosen damit, bis zu 2500 Flüchtlinge gleichzeitig in der Erstaufnahme unterbringen zu müssen. „Das liegt an den massiven Flüchtlingsströmen, die über das Mittelmeer und Italien in die EU drängen“, sagt er. Dagegen kämen kaum noch Asylsuchende über die polnisch-deutsche Grenze. „Wir haben einen Rückgang der Aufgriffszahlen um 60 Prozent“, bestätigt Polizeioberrat Wilhelm Borgert, Leiter der Frankfurter Bundespolizeiinspektion. 300 illegal Eingereiste haben seine Kollegen im ersten Halbjahr 2014 aufgegriffen, im gesamten Vorjahr waren es 1881. „Die Lage hat sich also entspannt“, so Borgert.

Dennoch steigt die Gesamtzahl der Asylbewerber. „Die italienische Marine rettet überfüllte Flüchtlingsboote bereits kurz hinter der libyschen Grenze. Gerade während der Sommermonate, wenn das Mittelmeer recht ruhig ist, herrscht da Hochkonjunktur“, sagt Nürnberger. Seiner Ansicht nach wird es weitere Außenstellen geben müssen – verteilt auf ganz Brandenburg. „Wir suchen permanent nach neuen Quartieren.“ Nachdem das Land im letzten Jahr deutlich Druck auf die Kommunen ausgeübt hatte, gab es nach Einschätzung des Behördenleiters eine kurzfristige Entlastung. Doch der aktuelle Ansturm würde alle vor neue Herausforderungen stellen – in erster Linie aber die Behörde in Eisenhüttenstadt. „Wir haben zwar die Küchenkapazität verdoppelt, aber die zwei Speisesäle reichen für die vielen Menschen nicht aus. Jede Mahlzeit ist mit langem Schlangestehen verbunden.“ 40 Mitarbeiter hat Nürnberger zur Verfügung, bräuchte allerdings „locker das Doppelte“.
Personal-Verstärkung ist beim Land angefordert, aber: „Das dauert, die Stellen müssen formal ausgeschrieben werden.“

Von Jeanette Bederke

 

VIELE SYRER SUCHEN SCHUTZ IN DER MARK

  • 6100 neue Flüchtlinge erwartet das Land Brandenburg laut Innenministerium in diesem Jahr. Das entspräche einem Anstieg um 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, als 3600 Asylbewerber nach Brandenburg kamen.
  • Brandenburgs Kommunen müssten jeden Monat 600 zusätzliche Plätze schaffen, um alle Flüchtlinge unterzubringen, schätzt die Ausländerbehörde.
  • Die Zunahme der Flüchtlingszahl liegt unter anderem am Bürgerkrieg in Syrien: Bis Ende 2013 suchten bereits mehr als 300 Syrier in der Mark Zuflucht, die meisten davon leben im Landkreis Spree-Neiße.
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