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Brandenburg So schläft es sich in Berlins schrägster Herberge
Brandenburg So schläft es sich in Berlins schrägster Herberge
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22:10 15.12.2019
Halb Ikone der Moderne, halb Kommandoturm eines Schlachtschiffs: das Motel und Restaurant Avus in Berlin-Charlottenburg. Quelle: Friedrich Bungert
Berlin

In der Gastwirtschaft im Erdgeschoss des Turmbaus riecht es nach Gulasch. Die Bedienung setzt einem Fernfahrer einen Teller voller Fleisch vor und wünscht, „dass es dir im Hals stecken bleibt!“ Der Trucker erwidert: „Solange das Zeug nicht zu offensichtlich nach Schäferhund schmeckt!“

Sie haut ihm mit der Speisekarte vor die Brust, dass es laut klatscht. Er lacht und ruft ihr nach: „Vorsicht, ich trage heute keinen BH!“ Altberliner Schlagfertigkeit – mit dieser Waffe halten die Frauen vom Personal des Motels Avus am Dreieck Funkturm die Bus- und Lastwagenfahrer, Monteure und Messebauer in Schach.

Raststätte als Zwischenwelt auf einer Insel

Die Raststätte ist eine Insel, eine der wohl seltsamsten in Berlin. Eine Zwischenwelt, vom Verkehr umschlossen, eine Exklave, den Nomaden des Logistik- und Fernbus-Zeitalters vorbehalten. Die meisten Einheimischen kennen das markante Motel mit dem Mercedes-Stern auf dem Dach – doch kaum jemand hat diesen Ort je besucht. Die MAZ hat ausprobiert, wie es sich schläft und lebt in dieser wohl eigentümlichsten Herberge der Stadt.

Das Motel Avus ist eine der schrägsten Herbergen Berlins: Ein Fels in der Brandung, herzlich und voller Geschichte.

Mit etwas Glück bekommt der Gast ein Turmzimmer mit Balkonzugang zugewiesen, zweiter Stock, Dusche, WC, dem Geruch nach ein ehemaliges Raucherzimmer. Würde man eine Flasche über die Balkonbrüstung werfen – sie träfe ein fahrendes Auto. So nah liegen die Zimmer an der meistbefahrenen Autobahn Deutschlands.

Der Raum ist hautfarben gestrichen, auf dem per Handkantenschlag gefalteten Kopfkissen liegt ein Tütchen Haribo-Goldbären. Wenn die Tür geschlossen ist, kann man jemanden in das Klobecken des Nachbarzimmers pinkeln hören. Hier wird im Stehen verrichtet. Alles Männer.

Der Balkon ist frei zugänglich. Der Gast kann um den Rundbau herum gehen – und von außen in die anderen Zimmer spannen. Über die Brüstung geht der Blick bis zum Funkturm und dem ICC, unten vor der Rennstrecken-Tribüne staut sich der Feierabendverkehr.

Idyllisch: Balkon mit Blick auf die A 115. Quelle: Ulrich Wangemann

Das Tramper-Onlineportal „hitchwiki“ fasst die Lage des Rasthofs Avus und des Motels folgendermaßen zusammen: „Diese Raststätte liegt mitten im Dreieck Funkturm in Berlin.“ Der Ort sei „weder zum Ankommen noch zum Wegkommen geeignet“. Man könnte auch sagen: Manche Menschen bleiben hier hängen, die einen ein paar Mal im Monat, die anderen ein ganzes Leben.

Rennfahrerin Heidi Hetzer war Stammgast

Gabriela Maedel hat im Motel Avus bereits gelernt, ist seit 1980 in dem Haus angestellt, 16 Jahre alt war sie damals. Heute ist die 55-Jährige Teamleiterin, also Chefin im Haus. Andere Kolleginnen sind seit 34, 28 und 20 Jahren dabei, sagt sie. „Viele bleiben dem Ort treu, er hat ein besonderes Flair.“ Vom Publikum her sei Abwechslung geboten: Pokalfinale, Love-Parade, Grüne Woche.

Heidi Hetzer in einem Invicta High Classic Tourer 4,5 von 1928 bereitete sich 2012 auf dem Rastplatz der AVUS auf den Start zur ADAC Rallye AVUS Classic vor. Im denkmalgeschützten Motel nebenan kehrte sie gerne ein. Quelle: dpa

Natürlich kennt Hotelfachfrau Maedel, die aus Berlin-Spandau kommt, den alten, den wohl berühmtesten Autobahnwitz: Haben Sie nach fast 40 Jahren an der Autobahn bleibende Schäden an sich festgestellt? „Nein - nein – nein!“ sagt Maedel, wirft den Kopf hin und her und imitiert vorbeirasende Autos.

In den 80er-Jahren war mehr Glamour als heute: Rennfahrer-Legende Heidi Hetzer saß oft am Tresen, erzählt Gabriela Maedel. Die Avus hatte in den 80er-Jahren ihre große Zeit als Rennstrecke zwar hinter sich, doch veranstaltete der ADAC mehrmals im Jahr noch Tourenwagen-Meisterschaften.

Zu den Pressekonferenzen im heutigen Raucherraum kamen Hans Joachim Stuck und Motorrad-Ass Toni Mang, später die Schumachers. Die Rennställe quartierten ihre Mechaniker in dem Bettenhaus ein. Für den Hollywoodfilm „The Bourne Supremacy“ von 2004 wurde eine Szene mit Matt Damon im Toilettentrakt des Motels gedreht, einem der weniger sehenswerten Räume des Komplexes.

Autorennen finden seit 1998 nicht mehr statt auf der Avus. „Als der Keith O’dor sich totgefahren hat – das war dann das Ende für den Rennbetrieb“, sagt Gabriela Maedel. Der Brite O‘dor war am 10. September 1995 beim Tourenwagen-Cup mit seinem Nissan gegen eine Mauer geprallt und dann von einem anderen Rennwagen gerammt worden. Es war der letzte tödliche Unfall auf der Strecke, die schon etliche Fahrer das Leben gekostet hat.

Der halbe Liter Bier kostet 2,90 Euro

1959 etwa raste Jean Behra mit seinem Porsche 718 im Regen über den äußeren Rand der Steilkurve hinaus und kollidierte mit dem Sockel einer ehemaligen Flakstellung. Der Schock über seinen Tod saß tief, die Nordkurve wurde 1967 abgetragen. Die Formel Eins kam nie wieder nach Berlin. Zu gefährlich war die schnurgerade Strecke – und auch zu langweilig für die Zuschauer.

Früher warb eine umlaufende Leuchtreklame am Motel-Balkon für das volkstümliche Berliner Schultheiß-Bier. Doch die Buchstaben sind abmontiert, im Gastraum gibt es nur noch TV-Pils: Hasseröder und Becks. Ab 18 Uhr kostet der halbe Liter bloß noch 2,90 Euro.

Die 18-jährige Motel-Tresenkraft Leone Kowitz designt eigentlich SM-Dessous. Quelle: Ulrich Wangemann

Thekenkraft Leone Kowitz (18) hat drei Jägermeister und einen Klaren eingegossen, eine Order vom Busfahrerstammtisch. Hinter der Schankanlage im Regal stehen Mitbringsel zum Verkauf: Schneekugeln mit Brandenburger Tor, Trabbis zum Aufziehen, Plüschbärchen.

Die Elsässerin – kurzer Pulp-Fiction-Pony, Stirn-Tattoo, orangener Lidschatten – jobbt hier. Sie hat eine Mode-Ausbildung gemacht und will Sado-Maso-Unterwäsche designen. Gern geht sie in den freizügigen Kitkat-Club und hat Straßburg verlassen, weil dort die Klubs „schon um fünf Uhr zumachen“.

„Alle duzen sich – man kennt sich“

Am Tresen verdient sie sich etwas dazu. Kowitz und die Trucker, das Harte, das Krasse, das Herzliche, im Motel Avus lebt der Berlin-Mix. „Alle duzen sich – man kennt sich, ärgert sich, keiner ist böse“, sagt die junge Frau.

Die Busfahrer arbeiten unter der Woche von Berlin aus und leben von Montag bis Freitag im Motel. Ihre Touren beginnen am nahen ZOB, dem Zentralen Omnibusbahnhof. Am Wochenende fahren sie nach Hause. „Die Frauen in der Küche wissen, wie die Herren gern ihre Kartoffeln hätten“, lobt Lutz Neumann, Busfahrer aus Lieberose.

Hier treffen sich Trucker und Busfahrer zum abendlichen Bier: Das Restaurant wurde in den 70ern umgebaut. Quelle: Ulrich Wangemann.

Er und seine Kollegen treffen sich seit Jahren abends hier an dem soliden Holztisch mit umlaufender Bank. Pilstulpen werden herum gereicht. Es ist eine Männerwelt. Flixbus-Fahrer gehören kaum zu den Übernachtungsgästen, erzählt Neumann, die hätten wohl eine andere Bleibe.

Innen changiert das Turm-Restaurant zwischen Pop-Art der 70er-Jahre und Ausläufern einer West-Berliner Gemütlichkeit, die nie besonders avantgardistisch war. Eine Kombination, die den Charakter der einstigen Inselstadt zwischen Kult und Kitsch ganz gut zusammenfasst: Molle und Korn – es könnte aber auch David Bowie aufkreuzen.

Ein Hauch von Yellow Submarine

Für knallige Akzente war beim Umbau 1977 ein Architekt verantwortlich, der viele extravagante Bauten in Berlin gestaltet hat. Neben der Rast- und Tankanlage am ehemaligen Grenzübergang Dreilinden (Checkpoint Bravo) hat der Berliner Oberbaurat Gerhard Rainer Rümmler die U-Bahnhöfe Fehrbelliner Platz und Rathaus Steglitz sowie rund 50 andere Untergrund-Haltestellen entworfen. Wer diese Gebäude betritt, meint, ins „Yellow Submarine“ der Beatles einzusteigen.

Das Design des Motel-Inneren versprüht Retro-Charme. Quelle: Friedrich Bungert

Als der Komplex zwischen 1935 und 1937 als Verwaltungsbau und Beobachtungsturm für Wettrennen gebaut wurde, feierte sich die Automobilindustrie selbst. Wie ein Zylinder ragte das Gebäude neben der Steilkurve der Rennstrecke Avus auf.

Der Rundturm strahlt heute noch eine Eleganz aus, die zur Bauzeit in der erdenschweren Architektursprache des Dritten Reichs, kaum noch vorkam. Schnörkellos modern und stromlinienförmig, zeugt der Bau noch eher von der Vergnügungssucht der 20er-Jahre. Ein Stammgast des Motels, erzählt Managerin Maedel, habe sich die Architekturikone auf die Wade tätowieren lassen.

Deutschlands am stärksten befahrener Autobahnknoten

Heute sind die Vertreter der PS-Romantik kleinlaut geworden, auf der Avus gilt – trotz anfänglicher Proteste der West-Berliner – seit Juli 1989 Tempo 100. So wollte es der rot-grüne Senat. Am Dreieck Funkturm ist man heute froh, wenn man 50 fahren kann.

Deutschlands am stärksten befahrener Autobahnknoten mit seinen Asphaltschleifen aus den 60er-Jahren ist mit dem Verkehrsaufkommen der Gegenwart überfordert. Die Auffahrten sind zu kurz, der morgendliche Rückstau auf der Avus stadteinwärts gehört zu den wenigen Dingen, auf die in Berlin Verlass ist. Passierten vor 50 Jahren noch 20.000 Autos täglich das Dreieck, sind es heute 230.000.

1999 rasten noch einmal Oldtimer über den 2,66 Kilometer langen Kurs der Berliner Avus statt – dann war nach 78 Jahren Rennbetrieb Schluss. Quelle: dpa

Die Überbleibsel der innerstädtischen Rennstrecke sollen in wenigen Jahren verschwinden, wenn die Autobahn A115 direkt über die Reste der legendären Avus-Nordkurve gelegt wird. Was mit dem Motel passiert, wenn der Rastplatz wie geplant geschleift wird, die Parkplätze und die Tankstelle weichen müssen, ist unklar.

Bei der Eigentümergesellschaft Tank & Rast heißt es: Die Planungen sind noch nicht beendet, es sei noch zu früh. „Ich bin dann vermutlich ohnehin in Rente“, sagt Mitarbeiterin Gabriela Maedel. Sie will nicht weg von der Insel.

Auf den Gängen ist es gegen 23 Uhr still geworden, die Männer in ihren Firmen-Overalls sind müde von den Strapazen des Tages und gehen ziemlich früh ins Bett. Mancher mag noch einen Spaziergang ins Artemis, Berlins größtes Bordell, machen. Doch meistens, so berichtet Motel-Mitarbeiterin Maedel, seien die Trucker „froh, wenn sie abends ihre Ruhe haben und für sich sind.“

Mitten im Strom – und doch für sich

Ruhe ist allerdings ein großes Wort. Die Autobahn rauscht die ganze Nacht, laut Geoportal Berlin liegt der Dauerlärmpegel nachts bei mehr als 69 Dezibel. Bei offener Balkontür ist nicht an Schlaf zu denken, bei geschlossener drückt das Rest-Nikotin durch die Wandfarbe.

Was aber unvergleichlich ist: Selbst auf den nächtlichen Balkon treten, ein Bier aufmachen oder das Tütchen Goldbären. Den Autos stadtauswärts beim Beschleunigen zuschauen und dem Bremslichtballett der Berlin-Heimkehrer. Die volle Dröhnung. Der Funkturm leuchtet violett. Völlig für sich ist man auf dieser Empore und doch mitten im Strom – wer hier nicht sentimental wird, der hat in einer Großstadt nichts verloren.

Vom Motel aus leuchtet nachts der „Berliner Eiffelturm“, besser bekannt als Funkturm auf dem Messegelände. Quelle: Friedrich Bungert

Um kurz vor sieben am Morgen kreischt der Brandmelder an der Zimmerdecke. Trappeln im Treppenhaus. Die meisten Gäste sind ohnehin schon auf, die wenigen Langschläfer finden sich ein paar Minuten später verstrubbelt und in Jacken gehüllt auf dem Parkplatz wieder.

 Ein Löschzug der Feuerwehr ist nach wenigen Minuten da, zwei junge Polizisten ebenfalls, einer mit Dutt, der andere mit Vollbart. Schnell ist klar: Jemand hat den Brandmelder eingeschlagen. „Ein großer Dicker mit Hornbrille, der immer rumschreit“, sagt eine Motel-Mitarbeiterin. Alle dürfen wieder rein. Nacht beendet. Unter dem Rotlicht der Wärmelampe im Frühstücksraum wartet schon das Rührei.

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Von Ulrich Wangemann

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