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Brandenburg Hasso Plattner ist Potsdams Problemlöser
Brandenburg Hasso Plattner ist Potsdams Problemlöser
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01:15 31.03.2019
Plattner und das Minsk. Quelle: Archiv/Bungert, Montage: MAZ
Potsdam

Hasso Plattner, SAP-Gründer, Ehrenbürger Potsdams und größter Mäzen der Landeshauptstadt, hat wieder alle überrascht. Seine Hasso-Plattner-Stiftung will das vom Abriss bedrohte Terrassenrestaurant Minsk am zentral gelegenen Brauhausberg kaufen und in ein Museum für die DDR-Kunst- Sammlung des Stifters verwandeln. 

Der Milliardär macht in marxistische Avantgarde-Architektur, will eine Betonruine sanieren, in der Obdachlose schliefen und die als Übungsfläche für die Sprayer der Stadt herhalten musste. In der Software-Branche nennt man so etwas „Disruption“ – alles total anders machen als bisher. Wer hätte das gedacht?

Originalzustand: Terrassenrestaurant Minsk in Potsdam am 09. September 1978. Quelle: MAZ/Wolfgang Mallwitz

Der 75-Jährige Plattner hatte zuletzt das Barockpalais Barberini am Alten Markt rekonstruieren lassen und damit den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten historischen Potsdamer Innenstadt entscheidend voran gebracht.

Der Minsk-Vorstoß ist auch deswegen ein Coup, weil Plattner damit einen erbittert geführten Streit in der Landeshauptstadt über den Umgang mit DDR-Architektur beenden könnte. Mehr noch, er löst wieder einmal ein Problem, an dem die Politik in Potsdam zu scheitern drohte.

Hasso Plattner, Mitbegründer des Softwarekonzerns SAP. Quelle: Uwe Anspach/dpa

Das 1977 zum 60. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution in Sichtbeton-Optik errichtete Minsk ist eine der letzten Landmarken der DDR-Moderne. Potsdam hat dieses Erbe bislang oftmals mit der Abrissbirne behandelt. Die Fachhochschule am Landtag ist unlängst erst fachgerecht von Baggern zerkleinert worden. Vor ein paar Monaten entsorgte man die letzten Betonbrocken. Studenten hatten die Ruine zeitweise besetzt. Das alte Schwimmbad auf dem Brauhausberg mit seinem geschwungenen Dach ist ebenfalls Geschichte. Dem ehemaligen Rechenzentrum an der Breiten Straße – bekannt für seine Kosmos-Mosaike – droht ab 2024 der Abriss, so jedenfalls die Beschlusslage der Stadt.

Das „Minsk“ war dem Abriss geweiht

Das Minsk seinerseits war im Grunde dem Abriss geweiht. Zuletzt hatte ein Investor 27 Millionen Euro für das Filetgrundstück am Potsdamer Hauptbahnhof geboten. Aus Volkes Hügel mit Sportanlagen, Park, Brunnen und Lokal drohte eine Hanglage für Betuchte zu werden. Ein Bündnis aus verschiedenen Bürgergruppen, Linken und Grünen machte Front, demonstrierte, hielt das mit Asbest belastete Gebäude im Gespräch.

Ruinös: Das "Minsk" als Obdachlosenzuflucht. Quelle: Rainer Schüler

Projektplaner wie Filmpark-Chef Friedhelm Schatz bemühten sich, dem Haus mit Visionen eine Zukunft zu geben. Sie alle krankten an einem Punkt: der Rentabilität. Plattners Intervention löst dieses Problem. Seine Stiftung ist eine Non-Profit-Organisation. „Die Erhaltung von historischen Gebäuden ist von größter Bedeutung“, heißt es in einer Selbstbeschreibung.

Oberbürgermeister: Plattner löst Konflikt

Plattner selbst spielt seine Rolle als Konfliktlöser herunter. „Ich kenne mich im Streit um den Erhalt des Minsk nicht aus. Die Lage ist sehr gut“. Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) klingt da ein bisschen anders. Plattner trage „maßgeblich zur Lösung eines Konflikts bei, den die Stadtgesellschaft so bislang nicht aufgelöst bekommen hat“, sagt Schubert. „Wir haben in Potsdam Diskussionen geführt, in denen sich am Ende eine Seite immer unterlegen gefühlt hat.“

Das Stadtschloss in Potsdam, Sitz des Brandenburger Landtages. Die historische Fassade spendierte Plattner. Quelle: Ralf Hirschberger/dpa

Es wäre nicht das erste Mal. Als dem Land im Jahr 2007 das Geld fehlte, um beim Wiederaufbau des Stadtschlosses als Landtagssitz die historische Fassade zu rekonstruieren, spendierte der Software-Unternehmer 20 Millionen Euro. Der klamme Staat profitierte erneut, als das Parlaments-Schloss aus Kostengründen ein Zinkdach erhalten sollte. Plattner ließ knapp zwei Millionen Euro für echte Kupferdeckung springen. Geiz findet Plattner, dessen Vermögen auf elf Milliarden Euro geschätzt wird, gar nicht geil.

Plattner spendierte Potsdam Informatik-Institut

Die Bildungslandschaft in der Landeshauptstadt hat dem Mäzen einen Entwicklungssprung zu verdanken. Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) entstand als Talentschmiede für Informatiker. Michael Gorbatschow kam zur Eröffnung 2001. Es war der Sprung in die Digitalisierung, während in der benachbarten Landes-Universität noch Zettelkästen gewälzt wurden. Mindestens 200 Millionen Euro sollen mittlerweile in das Projekt geflossen sein.

Das HPI ist mittlerweile Teil der Informatikerausbildung der Uni Potsdam – wieder half Plattners Stiftung aus, wo Steuermillionen fehlten. „Das Institut ist von allen Schätzen, die Plattner der Stadt gegeben hat, der größte“, sagt Oberbürgermeister Schubert.

SAP-Campus am Potsdamer Jungfernsee. Quelle: Detlev Scheerbarth

Die politische Dimension der Minsk-Rettung dürfte Plattner auch deshalb nicht entgangen sein, weil er selbst 2012 in eine Kontroverse geriet, deren Heftigkeit den Mäzen tief traf. Die damalige Stadtspitze hatte dem Unternehmer vorgeschlagen, er könne ein Kunstmuseum anstelle des 1969 errichteten ehemaligen Inter-Hotels (heute „Mercure“) errichten. Man hielt das 17 Etagen hohe Gästehaus für städtebaulich deplatziert – genau gegenüber dem Stadtschloss. Plattner zeigte sich aufgeschlossen. Mercure-Anhänger, die das Hotel aus DDR-Zeiten als Ort verfeinerter Lebensart und vieler Feierlichkeiten schätzten, protestierten gegen den drohenden Abriss. Warum sollte ein prominenter DDR-Bau weichen, damit auf der Abrissstelle DDR-Kunst gezeigt werden könne? Geld regiere die Welt, hieß es in Kommentaren. Plattner reagierte bestürzt und nahm von den Plänen Abstand.

Konflikt um DDR-Architektur

Diese Konfrontation hat er bis heute nicht vergessen. Seine Art damit umzugehen, ist das Beste, was Potsdams Kulturlandschaft in den letzten Jahren passiert ist: Plattners Stiftung ließ am Alten Markt das Museum Barberini errichten. Das 2017 eröffnete Museum hat nach fulminanten Ausstellungen mit Werken der amerikanischen Klassiker, französischen Impressionisten, einer Werkschau Gerhard Richters und der aktuellen Picasso-Porträt-Sammlung über Nacht internationale Bekanntheit erlangt. Im Foyer hört man Franzosen, Spanier, Amerikaner. Viele der Gäste übernachten – Ironie der Geschichte – im Mercure-Hotel. Ganz nebenbei hat Plattner mit dem Museum und seinen Besuchern den rekonstruierten Alten Markt davor bewahrt, wie eine leblose Kulisse zu wirken.

Museum Barberini in Potsdam – eine Einrichtung der Hasso-Plattner-Stiftung. Gerade wird gezeigt "Picasso. Das späte Werk - Aus der Sammlung Jaqueline Picasso". Quelle: Bernd Settnik/dpa

In den politischen Kämpfen um das Hotelhochhaus lernte Plattner einen Mann näher kennen, der jetzt beim Minsk-Erhalt eine wichtige Rolle spielt: Linken-Urgestein und Landtagsabgeordneter Hans-Jürgen Scharfenberg (64). Der war in beiden Fällen politischer Wortführer der Abrissgegner – und hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der neuen Wendung der Dinge im Fall Minsk.

Glücklich über den Problemlöser Plattner: Oberbürgermeister Mike Schubert. Quelle: Bernd Gartenschläger

Der Linkspolitiker und der Gründer von Deutschlands wertvollstem Unternehmen haben einen speziellen Draht zueinander. „Es ist die Verlässlichkeit Scharfenbergs, die Plattner schätzt“, sagt Oberbürgermeister Schubert. Scharfenberg selbst ist begeistert von Plattners Vorstoß. „DDR-Kunst im Minsk – das ist die Übereinstimmung von Form und Inhalt“, sagt Scharfenberg.

So könnte, wenn alles gut geht, Potsdam ein Ostkunst-Museum der Extraklasse erhalten, in dem Werke der bekanntesten Künstler wie Willi Sitte, Wolfgang Mattheuer (“Jahrhundertschritt“), Bernhard Heisig oder Werner Tübke zu sehen sein werden. Präsentiert in einem Gebäude, das heute aussieht wie Sarajewo nach dem Bürgerkrieg.

Von Ulrich Wangemann

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