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Brandenburg Experimente mit Tieren in Brandenburg
Brandenburg Experimente mit Tieren in Brandenburg
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00:34 09.04.2015
Vor allem Mäuse dienen als Versuchstiere. Quelle: Arco Images GmbH
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Potsdam

Tierschützer protestieren heftig, aber Wissenschaftler halten sie für notwendig: Tierversuche sind ein heikles Thema. Auch in Brandenburg werden jedes Jahr Tausende Tiere für genehmigungspflichtige Tierversuche eingesetzt. 2013 waren es insgesamt 13100 Tiere. Die Zahlen für das Jahr 2014 lagen dem Landesumweltamt noch nicht vor.

Der Klassiker in den Laboren von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Unternehmen sind Mäuse. Rund 10 700 Mäuse wurden für Tierversuche verwendet. Daneben 450 Ratten, 400 Meerschweinchen und 400 Fische. Aber auch an größeren Säugetieren werden Versuche gemacht. Das Landesumweltamt spricht von 300 Schweinen, 20 Schafen, 35 Katzen und 140 Pferden. Außerdem wurde mit 50 Vögeln – zumeist waren es Wildvogelarten – experimentiert. Affen finden sich laut Landesumweltamt in den märkischen Laboren nicht.

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Die Zahl der Tiere, die für Versuche gehalten werden, dürfte noch höher liegen. In der Landeshauptstadt Potsdam gibt es derzeit zum Beispiel acht erlaubnispflichtige Einrichtungen. Sie dürfen im Prinzip insgesamt 46700 Tiere halten, darunter 4753 Säugetiere. Wie viele Tiere in den Boxen und Ställen der Potsdamer Institute tatsächlich leben, ist nicht bekannt.

Über Art und Weise der Tierversuche schweigen sich die zuständigen Ämter aus. Namen von experimentierenden Unternehmen oder Firmen werden schon gar nicht genannt. Paragraf 41 der Versuchstierverordnung schreibt dem zuständigen Verbraucherschutzministerium vor, keine Einrichtungen, die Tierversuche macht, zu benennen. Im Ministerium spricht man von einem „sensiblen Thema“. Man setze sich dafür ein, die Zahl der Tierversuche möglichst gering zu halten. „Leider haben wir in manchen Bereichen immer noch die Notwendigkeit von Tierversuchen“, sagt Sprecherin Maria Strauß. Das Landesamt für Umwelt- und Verbraucherschutz wäge aber in jedem Fall sorgfältig ab, ob sich ein Forschungsvorhaben nicht auch anders realisieren lasse. Überdies betont das Ministerium, dass durch die bundesweite Versuchstierverordnung 2013 die Vorschriften noch enger geworden seien.

Experten betonen, dass Ersatztests in der medizinischen Forschung nicht alle Faktoren abdecken könnten. Ohne Tierversuche würde demnach die Entwicklung von Medikamenten stocken. Auch neue künstliche Rohstoffe könnten nicht mehr eingesetzt werden. Chemikalien müssen erst auf ihre Verträglichkeit getestet werden. Den Deutschen Tierschutzbund überzeugt das nicht: „Hinter jedem Tierversuch steht ein grausames Einzelschicksal, ein Leben voller Leid und Schmerz“, sagt Sprecher Marius Tünte. Tierversuche lieferten in der Regel Ergebnisse, die nur schwer auf den Menschen übertragbar oder medizinisch sogar irrelevant seien. „Tierversuchsfreie Forschungsmethoden wurden hingegen dafür entwickelt, spezifische Fragestellungen präzise beantworten zu können“, sagt Tünte. Solange Tierversuche toleriert würden, fehle der Druck, andere Ansätze stärker zu fördern.

Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung hält in seinem Labor Ratten

Die konkreten Versuche in Brandenburg fallen sehr unterschiedlich aus. Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung (Dife) in Bergholz-Rehbrücke (Potsdam-Mittelmark) hält zum Beispiel in seinem Max-Rubner-Laboratorium 9500 Mäuse und 500 Ratten. Einige Tiere sind gentechnisch verändert. Unter anderem dienen gentechnisch veränderte Mäuse dazu, den Zusammenhang zwischen Genetik, Ernährung und Fettleibigkeit aufzuklären. Manche Tierversuche des Dife bestehen schlicht darin, dass Tiere unterschiedlich ernährt und die Auswirkungen beobachtet werden. Bei genetisch veränderten Mäusen führt das allerdings zu grotesker Fettleibigkeit.

„Wir prüfen, wie stark die Maus belastet ist“, sagt Laborleiter Reinhart Kluge. Zeige sie ihr maustypisches Verhalten wie Löcher graben, normales Sozialverhalten und Körperpflege, gelte sie nur als gering belastet. Trotzdem muss es vor jedem Experiment eine Abwägung zwischen der offenkundiger Belastung der Tiere und dem Erkenntnisgewinn geben. Kluge hält die Untersuchungen für vertretbar. Für komplexe Zusammenhänge wie der Wirkung von Nahrung gebe es noch keine Ersatzexperimente. Würde man komplett auf Tierversuche verzichten, gingen auch wichtige Erkenntnisse verloren: „Wir müssten kranken Menschen sagen: Tut mir leid, wir können Ihnen nicht helfen.“

Es wurde aber auch schon Schafen unter Narkose das rechte Schienbein durchgesägt, um die Heilung der Knochen zu untersuchen. Die Schafe mussten für die Untersuchung zuletzt getötet werden. Das Experiment fand zwar nicht in Brandenburg statt, beteiligt war aber auch das Golmer Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung.

Stutenbeobachtung bei der Geburt

Andererseits gibt es in Brandenburg auch viele Versuche, die ziemlich harmlos ausfallen. So hat das Institut für Binnenfischerei in Potsdam-Sacrow zum Beispiel schon für Untersuchungen zur Populationsentwicklung mehrere hundert Fische farblich markiert. „Es handelt sich um ein spezielles Polymer, das eine geleeartige Markierung erzeugt“, sagt Leiter Uwe Brämick. Die Fische merkten davon nichts. In Brandenburg wurde der Eingriff als Tierversuch gewertet, in Mecklenburg-Vorpommern musste er nur gemeldet werden. Im Brandenburgischen Haupt- und Landgestüt in Neustadt (Dosse) untersuchte man, was bei Trächtigkeit und Geburt von Pferden passiert. Dazu wird den Stuten auch Blut entnommen. „Für die Tiere ist das Routine“, sagt die zuständige Tierärztin. Dennoch gilt die Blutentnahme als Tierversuch. Ebenso wie Beobachtungen, die der Potsdamer Biologe Ralph Tiedemann bei Nilhechten macht. „Bei uns geht es lediglich um die Frage, wie ein Tier auf die Nähe eines möglichen Geschlechtspartners reagiert.“ In irgendeiner Form beeinflusst würden die Fische nicht. Freilich könne man schon die Haltung in Aquarien als Einschränkung der Tiere werten. „Aber dann wären auch alle Aquarienbesitzer betroffen“, gibt Tiedemann zu bedenken.

Insgesamt liegt Brandenburg im Ländervergleich mit der Zahl seiner Tierversuche eher im unteren Drittel. In Ländern mit viel pharmazeutischer Industrie wie Nordrhein-Westfalen gibt es viel mehr Tierversuche. Als deren „Hauptstadt“ gilt Berlin. Dort betreiben nicht nur drei Universitäten Grundlagenforschung, dort sind zum Beispiel auch Pharmariesen wie Bayer oder Pfizer Deutschland zu Hause.

Von Rüdiger Braun

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