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Brandenburg Experten warnen vor plötzlich herabfallenden Ästen
Brandenburg Experten warnen vor plötzlich herabfallenden Ästen
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09:03 15.08.2018
Neuruppin und Berlin warnen vor herabfallenden Ästen. Quelle: Oliver Berg/dpa
Neuruppin/Berlin

Nur ein kurzes Knacken kündigt die Gefahr an, dann stürzt plötzlich mit großer Wucht ein Ast auf den Boden: Vor allem an heißen Tagen kommt es bei augenscheinlich gesunden Bäumen immer wieder zu so genannten Grünastbrüchen, die niemand vorhersehen kann. Ohne Sturm oder starken Regen, einfach so, brechen plötzlich starke Äste ab. Mit Folgen, wie das Beispiel aus der brandenburgischen Stadt Neuruppin zeigt.

Dort warf eine Eiche im Tempelgarten, einer historischen Gartenanlage, kürzlich einen neun Meter langen und etwa 300 bis 400 Kilogramm schweren Ast aus etwa zwölf Metern Höhe ab. „Er hat eine eiserne Feuerschale völlig demoliert und ein Festzelt beschädigt“, erzählt der Vorsitzende des Vereins Tempelgarten Neuruppin, Peter Neiß. „Wir können froh sein, dass niemand unter dem Baum gestanden hat.“ Eigentlich sollte dort eine Veranstaltung stattfinden, diese sei auf ein sicheres Gelände verlegt worden. Die Stadt warnte daraufhin ihre Einwohner vor dem Phänomen.

Eine Feuerschale ist im Tempelgarten Neuruppin durch einen Ast zerstört worden. Quelle: Peter Geisler

Auch andere Kommunen in Deutschland warnen vor der Gefahr durch herabfallende Äste. Die Berliner Umweltverwaltung vor herabfallenden Ästen gewarnt. „Man sollte aufmerksam in der Stadt unterwegs sein und damit rechnen, dass ein Ast vom Baum fallen kann“, sagte Referent Derk Ehlert.

„In der Hitzeperiode müsste das an vielen Bäumen passiert sein“

In der jetzigen Hitzeperiode müsste das an vielen Bäumen passiert sein“, sagt der Experte Ulrich Weihs mit Blick auf das Phänomen. Für die Ursachen von Astbrüchen gebe es verschiedene Erklärungen, sagt der Professor für Baumsachverständigenwesen an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen. Die Hauptthese sei, dass durch die Erwärmung der Astoberfläche die Elastizität der äußeren Holzfasern nachlasse und der Ast versage.

Betroffen seien vor allem waagerecht stehende Äste, erläutert Weihs. Durch die waagerechte Stellung sei die Hebelwirkung besonders groß. Am ehesten treten Astbrüche laut Weihs bei Weichholzarten wie etwa Pappeln auf. Die Rohdichte ihres Holzes sei geringer als die von Hartholzarten und somit auch weniger belastbar.

Fachleute aus der Praxis wie Torsten Drübert vom Vorstand des Fachverbands geprüfter Baumpfleger berichten, dass sie in diesem Jahr aber trotz der lang anhaltenden Hitze keinen gravierenden Anstieg registriert haben. „Astbrüche gibt es immer wieder, aber nicht in Größenordnungen“, sagt auch Jan Engel, Sprecher des Landeskompetenzzentrums Forst in Eberswalde.

Bäume brauchen Äste nicht mehr

Im Waldbau seien die Abbrüche nicht so tragisch, auf Straßen oder in Gärten könnten sie schon eher unangenehm werden und seien ein Risiko, so Engel. Trotzdem müsse man jetzt nicht unbedingt Angst vor Bäumen haben.

Auch in Berlin, mit rund 440.000 Straßenbäumen eine der grünsten Metropolen Europas, sei kein deutlicher Anstieg von Astbrüchen bekannt, berichtet Ehlert.

Laut Weihs gilt nicht nur Hitze als Ursache. Mitunter bräuchten Bäume einige Äste schlichtweg nicht mehr: Vor allem solche aus dem unteren Kronenbereich, die von höheren Ästen beschattet würden und keinen bedeutenden Beitrag zur Photosynthese mehr leisten könnten. „Diese Äste kosten mehr Energie, als sie selbst erzeugen. Deshalb trennen sich die Bäume von ihnen“, so Weihs.

„Man kann Astbrüche nicht auf eine Hypothese allein zurückführen“

„Man kann Astbrüche nicht auf eine Hypothese allein zurückführen. Es ist sicher eine Kombination aus verschiedenen Ursachen“, so der Wissenschaftler. Mit der Trockenheit hätten die Abbrüche aber nichts zu tun: „Wenn man Holz trocknet, wird es deutlich tragfähiger“, so Weihs. Schließlich werde Bauholz aus diesem Grunde extra getrocknet.

Aus Expertensicht können Bäume den Verlust von einzelnen Ästen gut verkraften. Astbrüche könnten auch positive Seiten haben, betont Stefan Adler, Referent für Waldpolitik beim Naturschutzbund (NABU): „Es entstehen Sonderstrukturen wie zum Beispiel Höhlen, in denen Fledermäuse oder Spechte leben.“ Werde die Abbruchstelle von einem Pilz befallen, beginne ein langsamer Zersetzungsprozess. Der locke wiederum selten gewordene Käfer und andere Kleintiere an, die darauf spezialisiert seien.

Von MAZonline