Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Studien von märkischen Forschern auf zweifelhaften Portalen
Brandenburg Studien von märkischen Forschern auf zweifelhaften Portalen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:00 19.07.2018
Forscher stehen unter einem hohen Publikationsdruck. Unseriöse Verlage machen sich das zu Nutze.
Forscher stehen unter einem hohen Publikationsdruck. Unseriöse Verlage machen sich das zu Nutze. Quelle: dpa
Anzeige
Potsdam

Mehrere Tausend Wissenschaftler haben ihre Forschungsarbeiten bei Verlagen veröffentlicht, die im Ruf stehen, es mit den wissenschaftlichen Anforderungen nicht ganz so genau zu nehmen. Darunter sind auch zahlreiche Wissenschaftler aus Berlin und Brandenburg, wie eine Recherche von ARD und Süddeutscher Zeitung ergab. So tauchen auf den Plattformen Forschungsarbeiten der Charité, der Technischen Universität Berlin, der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus oder der Humboldt- Universität auf.

Die Wissenschaftler hätten ihre Forschungsergebnisse gegen Zahlung teilweise hoher Gebühren in den als scheinwissenschaftlich verrufenen Online-Magazinen wie OMICS oder WASET veröffentlicht. Die Verlage dahinter sitzen in Südasien, der Golfregion, Afrika oder der Türkei. In der Publikationsliste von OMICS stehen auch Arbeiten des Instituts für Ernährungswissenschaften der Universität Potsdam.

Mangelhafte Qualitätsprüfung

Dass für die Veröffentlichung von Forschungsarbeiten gezahlt wird, gilt als normal. Dafür beauftragt der Verlag Fachkollegen, die die Arbeit begutachten. Diese Qualitätsprüfung –das sogenannte Peer-Review –sei bei den unseriösen Portalen teilweise mangelhaft oder finde gar nicht erst statt, heißt es.

Das heißt aber nicht, dass die Arbeiten alle wissenschaftlich wertlos sind. Teilweise sind die Arbeiten offenbar sogar ohne Wissen der Autoren veröffentlicht worden. Die Rede ist daher auch von Raubverlagen.

BTU-Präsident: Autoren wussten teils nichts davon

Jörg Steinbach, Präsident der BTU Cottbus, reagierte gegenüber dem RBB überrascht. „Wir werden diese Vorwürfe kritisch prüfen", sagte er. Ersten Rückmeldungen zufolge seien Artikel teilweise ohne Einverständnis der Autoren veröffentlicht worden. Insgesamt seien neun Artikel von Wissenschaftlern der BTU auf den fragwürdigen Portalen veröffentlicht worden.

Bei der Charité heißt es in einer Stellungnahme: „ Häufig scheint es sich um Artikel zu handeln, die vorher eine Kaskade von Submissionen – Ablehnungen – Revisionen – Neusubmissionen bei anderen Journalen durchlaufen haben. Die Autoren waren offenbar 'froh', die Arbeit 'untergebracht' zu haben.“ Wissenschaftlich zu beanstanden seien die Papiere nicht.

Charité warnt Wissenschaftler vor Raubverlagen

In einer am Mittwoch versandten internen Mail warnte der Dekan der Charité, Axel Radlach Pries, die Mitarbeiter vor Raubverlagen. „Sie geben vermeintliche Fachzeitschriften heraus und veranstalten wissenschaftliche Scheinkonferenzen, um damit Geld zu verdienen“, schreibt er. Auch Wissenschaftler der Charité seien betroffen.

Zum Teil seien die Wissenschaftler bei Scheinkonferenzen betrogen worden, teils hätten sie gutgläubig agiert, teils hätten sie sich aber auch auf das unseriöse Gebaren eingelassen, so Radlach Pries. „Wo bewusster Missbrauch aufgetreten ist, wird dieser im Rahmen unserer Mechanismen für Gute Wissenschaftliche Praxis geahndet“, heißt es. „Es zeigt sich aber auch, dass die meisten der Arbeiten wissenschaftlich nicht zu beanstanden waren.“ Gleichwohl entspreche die Veröffentlichung auf diesen Portalen nicht dem Selbstverständnis der Charité.

Von Torsten Gellner