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Brandenburg Fast 60.000 Notrufe gingen ins Leere
Brandenburg Fast 60.000 Notrufe gingen ins Leere
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07:40 10.10.2013
Bei der Notrufnummer 110 gab es im Jahr 2012 häufig kein Durchkommen.
Bei der Notrufnummer 110 gab es im Jahr 2012 häufig kein Durchkommen. Quelle: dpa
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Potsdam

Wer in Brandenburg die Polizei braucht, muss Geduld mitbringen: Fast jeder vierte Märker, der vergangenes Jahr die Notrufnummer 110 wählte, musste länger als eine halbe Minute warten, bis jemand in der Zentrale abnahm. Fast 60.000 der insgesamt 438 000 Anrufe gingen ins Leere: Die Anrufer brachen ihre Versuche ab. Dies teilte Innenminister Ralf Holzschuher (SPD) auf eine Anfrage der CDU-Fraktion im Landtag mit.

Aus eigener Erfahrung kennt Jürgen Lüth, Landesvorsitzender des Opfervereins Weißer Ring, das Problem. „Mir ist das persönlich auch schon so gegangen, dass ich unter der 110 lange warten musste“, sagte er der MAZ. „Den Opfern ist es letztlich egal, was der Grund dafür ist. Sie erwarten sofortige Hilfe.“

„Ich finde das erschreckend“, sagte Björn Lakenmacher, Innenexperte der CDU-Fraktion. „Der Notruf ist doch kein Infotelefon mit Warteschleife. Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass sie schnell Hilfe bekommen.“ Er sieht einen weiteren Beleg dafür, dass die Polizeireform der rot-roten Landesregierung misslungen sei. Es gebe weniger Streifen und die Beamten bräuchten länger, bis sie am Einsatzort sind. Ähnlich äußerte sich die Deutsche Polizeigewerkschaft. „Fragen Sie mal auf dem Dorf nach, wann die dort den letzten Streifenwagen gesehen haben“, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende Lutz Thierfelder.

Bundesweite Notfallrufnummern

Ob Feuer, Einbruch oder Herzinfarkt - im Notfall muss so schnell wie möglich Hilfe her. In Deutschland gibt es dafür eine ganze Reihe von Notfalltelefonnummern. Eine Auswahl:

  • 110: Rund um die Uhr und kostenlos erreichbarer Polizei-Notruf. Anrufen sollte, wer Opfer oder Zeuge einer Straftat wird. Auch wer etwas Verdächtiges beobachtet kann sich bei der 110 melden.
  • 112: Auch als "Euronotruf" bekannt. EU-weit erreicht der Anrufer unter dieser Nummer eine Notrufzentrale, die ihn an den zuständigen Notdienst weiterleitet. Das kann beispielsweise die Feuerwehr oder der Rettungsdienst sein.
  • 115: Einheitliche Behördennummer, die es seit vergangenem Jahr gibt. Sie soll die Suche nach der zuständigen Behörde vereinfachen. Anrufer werden zu dem für ihr Anliegen zuständigen Amt weiterverbunden.
  • 116 und 117: Zentrale Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes, die am 16. April starten soll. Wer nachts oder am Wochenende dringend einen Arzt braucht, aber nicht lebensbedrohlich krank ist, erreicht unter der Nummer den nächstgelegenen Bereitschaftsdienst.

Das Innenministerium wies die Kritik zurück. 2009, also noch unter der CDU-Führung des Ministeriums, hätten mehr als 71.000 Anrufer den Notruf abgebrochen, bevor jemand in der Zentrale abnehmen konnte. Fälle, in denen Hilfesuchende den Polizei-Notruf tatsächlich vergeblich wählen, seien dagegen sehr selten, sagte Ministeriumssprecher Ingo Decker. So hätten etwa 20.000 der 60.000 vermeintlich vergeblichen Anrufer schon innerhalb von fünf Sekunden wieder aufgelegt, sich also offenbar verwählt oder es sich anders überlegt. Dennoch hat das Ministerium die AG „Einsatzbearbeitung“ ins Leben gerufen, um die Notrufannahme zu verbessern.

1200 Notrufe gehen täglich bei der Polizei ein. Im Durchschnitt müssen die Anrufer dabei 13 Sekunden warten. Dass es auch schneller geht, zeigt die Feuerwehr: Dort hebt man bereits nach sechs Sekunden ab.

Von Torsten Gellner

» Anfrage der CDU-Fraktion vom 16. Juli 2013 (PDF)

» Antwort der Landesregierung auf die Anfrage der CDU zum Thema Notrufnummern 110 UND 112  aus dem Jahr 2011 (PDF)

Kommentar: Mit der Geduld am Ende

Torsten Gellner über Notrufe, die ins Leere laufen, und eine Polizei, die immer länger bis zum Einsatzort braucht.

 Papier ist geduldig, Zen-Buddhisten sind es auch, wer aber gerade überfallen wurde, hat selten die Ruhe weg. Trotzdem müssen sich Kriminalitätsopfer, verunfallte Verkehrsteilnehmer oder Zeugen einer Straftat in Brandenburg in einiger Geduld üben, wenn sie die 110 wählen. Mancher, das geht aus den Zahlen des Innenministeriums hervor, gibt entnervt auf, wenn er in der Warteschleife hängt. Nein, die unfreiwilligen Geduldsproben am Telefon hängen nicht mit der Polizeireform zusammen. Schon vor Beginn der Umstrukturierung und des Stellenabbaus war der fernmündliche Kontakt zu den Ordnungshütern eine bisweilen zähe Angelegenheit. Das heißt aber nicht, dass alles in Butter wäre. So ganz zufrieden ist die Landesregierung ja offenkundig selbst nicht mit den Abläufen, sonst hätte sie kaum eine Arbeitsgruppe zur „laufenden Optimierung der Notrufannahme“ eingerichtet. Wenn fast jeder vierte Anruf bei der Notrufzentrale länger als eine halbe Minute bis zur Annahme dauert, dann darf man sich damit nicht zufrieden geben. Denn es geht nicht immer nur um Blechschäden oder nächtliche Ruhestörung, es geht im Zweifel um Leben und Tod. Und da kommt es auf jede Sekunde an. Noch bedenklicher als die zähen Sekunden oder gar Minuten am Telefon ist aber eine Entwicklung, die schon länger fortschreitet: Die Polizei braucht immer mehr Zeit, bis sie am Einsatzort ist. 2008 kam sie im Schnitt nach 23 Minuten, 2012 benötigte sie mehr als 26 Minuten, bis sie zur Stelle war. Das ist eine Steigerung, die auch für ein Flächenland mit weiten Strecken zu viel ist. Kriminalitätsbekämpfung funktioniert leider nicht nach dem Motto: Was lange währt, wird endlich gut.

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