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Brandenburg Was von den DDR-Ferienlagern übrig geblieben ist
Brandenburg Was von den DDR-Ferienlagern übrig geblieben ist
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00:28 23.06.2019
Ferienlager im Schlosspark Biesdorf (Märkisch-Oderland). Quelle: Landeszentrale Politische Bildung
Potsdam

Ein Bild kommt Achim Schneider sofort, wenn man ihn nach seinen Kindheitserinnerungen im Ferienlager fragt. „Ich weiß noch, wie ich das erste Mal über die Dünen Richtung Ostsee gegangen bin“, sagt er. Damals, Anfang der 60er Jahre, war er vielleicht sieben Jahre alt. „Man hatte viel gehört vom Meer, vielleicht auch mal ein Bild gesehen, aber plötzlich stand man dann selbst vor dem Meer.“

Dieser überwältigende Eindruck verbindet sich für den gelernten Elektrofacharbeiter für immer mit dem Begriff Ferienlager. Genauso wichtig war ihm aber das Gemeinschaftsgefühl, das sich in einer Gruppe von etwa einem Dutzend Kindern bei den Nachtwanderungen, beim Schwimmen, beim Fußballspiel und bei den Übernachtungen in den großen Unterkünften einstellte. Rund eine Million Kinder hatten bis 1989 laut Einschätzung der brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung jedes Jahr ähnliche Erlebnisse wie Schneider.

Die Ferienlager der DDR wurden jährlich von bis zu einer Million Kindern besucht. Auch heute sind Ferienlager ein Renner. Es geht in ihnen aber nicht mehr um die sozialistische Persönlichkeit.

„Wenn man beim Fußballspielen in der Mannschaft des Lagerleiters Mecki mitspielen durfte, dann war das schon was“, erinnert sich Schneider. Dieses Gemeinschaftsgefühl findet der Geschäftsführer des Kinder- und Jugenderholungszentrum KiEZ Frauensee in den Kinder- und Jugendlagern auch heute noch unschlagbar. Alle Kids, sagt er, sollten dieses Gefühl einmal kennenlernen – gerade in Zeiten der virtuellen und sterilen Online-Beziehungen.

„Kinder wollen Gemeinschaft“, sagt Schneider. „Das kann ihnen das heutige Bildungssystem kaum noch bieten.“ In Dörfern seien Kinder oft isoliert, in den Städten herrsche Anonymität und Schulen kennen kaum noch feste Klassenverbände. „Hier in den Ferienlagern haben sie Gruppenerlebnisse.“

Fünf Erholungszentren in Brandenburg

Möglichkeiten für solche acht- bis vierzehntägige Aufenthalte gibt es auch in Brandenburg genug. Anders als zu DDR-Zeiten üblich hat natürlich nicht mehr jeder Betrieb oder jede Organisation ein eigenes Ferienlager, aber immerhin gibt es in Brandenburg noch fünf zum Landesverband KiEZ gehörende Zentren – dazu noch viele andere. Die meisten von ihnen gehen auf ehemalige DDR-Ferienlager zurück.

Es war auch „politische Bildung“

5000 Ferienlagergab es zeitweise in der DDR, auf dem Gebiet des heutigen Brandenburg waren es mehr als 800. Sie wurden von den staatlichen Betrieben organisiert und standen allen Kindern der dort Beschäftigten offen.

Außerdem gab es 48 zentrale Pionierferienlager. Veranstaltet wurden auch Spezialistenlager für Musiker, Mathematiker und Sportler. Es gab auch ein Spezialistenlager des MfS in Klausheide bei Neuruppin.

Die Ferienlager dienten neben Sport und Spiel auch der politischen Bildung und Erziehung. In einem Handbuch für das Betriebsferienlager gab es entsprechende Richtlinien für Betreuer.

In der Landeszentrale für Politische Bildung in Potsdam gibt derzeit die Ausstellung „Blaue Wimpel im Sommerwind“ einen Einblick in die Ferienlager der DDR.

 

So hat das Jugenderholungszentrum Frauensee bei Heidesee (Dahme-Spreewald) noch die gleichen Gebäude wie zu DDR-Zeiten. Der Verwaltungsbereich zum Beispiel strahlt mit seiner Waschbeton-Plattenbauweise noch den guten alten Ostcharme aus. Natürlich wurde auf dem gut 24 Hektar großen Gelände auch vieles saniert, die sanitären Anlagen schrittweise sogar schon zum zweiten Mal, doch im Prinzip fand man die Bettenhäuser, Bungalows und das sogenannte Hexenhaus in dem malerischen Waldgebiet auch schon anno 1986 so vor wie heute.

Flöße bauen und Ausreiten

Die Aktivitäten, die man über Veranstalter wie Juvigo ganzjährig buchen kann, decken alles ab, was man sich nur vorstellen kann. Beim Abenteuer- und Wassercamp in Grünheide (Oder-Spree) bauen die Kids ihr eigenes Floß und ziehen als Freibeuter auf den See, beim Fußballcamp im selben Camp gibt es mindestens zehn intensive Trainingseinheiten, während sich beim Kreativ- und Bastelcamp junge Künstler selbst verwirklichen können. Reiterferien in der Uckermark gibt es ebenso wie Sommercamps mitten in der Metropole Berlin mit klassischem Sightseeing inclusive Ku’damm, Reichstagskuppel und Siegessäule.

Achim Schneider, der selbst 35 Jahre lang Betreuer bei Feriencamps war, glaubt nicht, dass sich die Feriencamps von heute in wesentlichen Dingen von den Erlebnissen im DDR-Lager unterscheiden. Zwar gibt es wie zum Beginn und zum Abschluss der früheren Pionierlager keine Fahnenappelle mehr, „aber ein Neptunfest bleibt immer ein Neptunfest“. Bei diesem Initiationsritus erscheint ein Neptun mit Gefolge und „bestraft“ Unartige mit einem kaum genießbaren Neptuntrunk, mit Rasierschaum im Gesicht und einem anschließenden Reinigungsbad im kalten Wasser. Ebenso beliebt waren schon in DDR-Ferienlager die Nachtwanderungen – und sie sind es wohl auch heute noch.

Auch das inoffizielle Programm dürfte sich heute demjenigen zu DDR-Zeiten ähneln. Von den üblichen Streichen können sogar MAZ-Redakteure ein Lied singen. „Zahnpasta oder Schuhcreme auf die Türklinke zu schmieren, war so ein kleiner Gag. Man hat dann jemanden gerufen und der hat dann hinein gegriffen“, erinnert sich Jens Trommer. Noch böser war der Streich, das Mittelstück der damals dreigeteilten Matratze im Bett gegen eine Schüssel voll Wasser auszutauschen und diese unter dem Laken zu verbergen. „Das hat nicht immer geklappt“, sagt Trommer. „Viele haben es gemerkt.“

Auch in den Ferien herrscht der Sozialismus

Ganz so idyllisch wie die beiden früheren Besucher möchte die Soziologin Katrin Marx die 13 Pionierferienlager und die unzähligen Betriebsferienlager der DDR auf dem Territorium des heutigen Brandenburg allerdings nicht sehen. Marx hat die aktuelle Ausstellung „Blaue Wimpel im Sommerwind“ in der Landeszentrale für politische Bildung in Potsdam zusammen mit dem Historiker Marcel Piethe kuratiert.

Auf den Bildern nimmt man wie erwartet zunächst nur fröhliche Kinder beim Gitarrenspiel, Baden und Sackhüpfen wahr. Doch dann fallen andere Motive ins Auge. Auf einem Foto setzt sich ein Junge eine Gasmaske auf, auf einem zweiten erklärt ein Betreuer den Kindern Waffen und schließlich gibt es sogar eine Fotografie mit Kindern, die Mini-Panzer fahren. Es ist eine Aufnahme von dem zum Pionierferienlager „Feliks E. Dzierzynski“ gehörenden Spezialisten-Ferienlager der Stasi bei Neuruppin.

„Die meisten werden sich wohl daran erinnern, dass sie baden waren und sich sogar mit Kinder aus dem Ausland trafen“, sagt Marx. „Aber die Ferienlager waren immer auch Orte sogenannter politischer Bildung, das darf man nicht unterschlagen.“ Gerade in den Pionierlagern sei zumindest den Protokollen zufolge kein Tag vergangen, an dem es nicht auch ein kleines Stück sozialistische Erziehung gab.

Dass man sich daran heute nicht mehr so erinnere, liege wohl auch daran, dass politische Symbole und Aktivitäten sowieso zum DDR-Alltag gehörten und das Ferienlager aus der Sicht der Kinder größtenteils eben doch spaßiger Ausnahmezustand war, meint Marx. Und warum sollte man etwas an Begegnungen mit Kids aus Polen oder Chile zu mäkeln haben, bloß weil der Betreuer im Protokoll „Treffen mit Antifaschisten“ notierte? „Wir wollen den Leuten die Erinnerung nicht nehmen, aber ihren Blick weiten, dass die DDR-Ferienlager eben doch mehr waren als Baden“, sagt Marx. In dieser Hinsicht schlage die Potsdamer Ausstellung mit ihrem bislang unausgewertetem Material in der Forschung sogar eine Bresche.

Eltern sorgen sich um die Sicherheit

Für die ehemaligen Ferienlager-Besucher Achim Schneider und Jens Trommer jedenfalls waren diese Ferienzeiten ein so großartiges Erlebnis, dass sie beide selbst Betreuer wurden. Das war organisatorisch nicht immer einfach, wie etwa Jens Trommer einräumt. „Da bewegte man sich oft in Grauzonen.“ Zum Beispiel, wenn Kinder im heißen Sommer baden wollten, aber kein Rettungsschwimmer verfügbar war.

Sicherheit ist auch eine Frage, die den KiEZ-Vorsitzenden Achim Schneider beschäftigt. „Ferienlager kann im Grunde jeder machen“, sagt Schneider. Der Begriff ist nicht rechtlich geschützt. Deshalb ist zum Beispiel nicht klar, ob ein als „Ferienlager“ ausgeschriebener Aufenthalt überhaupt eine Haftpflichtversicherung oder eine Veranstalterhaftpflicht hat. Auch die Aufsichtspflichten und das Ausbildungsniveau der Betreuer unterscheiden sich sehr stark. Eine erste Orientierung bietet das Bundesforum Kinder- und Jugendreisen mit seinem online-Auftritt. Wer hier gelistet ist, wird geprüft und erfüllt die Mindeststandards. „Wenn ein Lager da nicht verzeichnet ist, ist das schon ein Warnzeichen.“

Die Sicherheitsbedürfnisse heutiger Eltern dürften sowieso den größten Unterschied zu den Aufenthalten in den damaligen Pionierlagern ausmachen. „Wenn ich früher sagte, es geht ins Ferienlager, wussten die Eltern, was die Kinder erwartete“, sagt Schneider. Heute fragen sie gleich: „Passt da auch jemand auf?“ Hätten früher die jungen Pioniere vielleicht am zweiten Tag eine Postkarte über ihre gute Ankunft und dann die restliche Zeit kein Wort mehr geschrieben, würde heute mindestens jeden Abend das Handy gezückt und genau Bericht über das aktuelle Befinden erstattet. Wenn eine besorgte Mutter dann auch noch abends um zehn Uhr anriefe, reiße auch bei den Betreuern der Geduldsfaden. „Die elterliche Sorge macht manchmal mehr Stress als alles andere“, sagt Schneider. Viele Ferienlager versuchten daher den Smartphonegebrauch schon einzuschränken.

Das ist noch aus anderen Gründen wichtig. „Es geht ja nicht darum, dass die Kinder nebeneinander sitzen und jeder auf sein Handy starrt.“ So stelle sich das Gemeinschaftserlebnis, für die die Feriencamps auch heute noch einzigartig sind, nicht ein. Dabei ist es genau das, was Kinder und Jugendliche heute noch wollen und was später als „Softskill“ Teamfähigkeit nachgefragt ist. Schneider kennt das aus seinem familiären Umkreis, wenn sein zwölfjähriger Enkel die urlaubenden Eltern fragt, wann er nun denn selbst endlich ins Ferienlager darf. Aber auch die Zahlen geben ihm recht. 2018 zählte allein der Verein KiEZ in seinen fünf Zentren nicht weniger als 60000 Gäste, die im Schnitt drei Trage blieben. Schneider ist sicher: Wäre der Aufenthalt heute noch so billig wie zu DDR Zeiten, also nur vier Euro in der Woche, die Feriencamps könnten sich vor Nachfragen nicht mehr retten.

Von Rüdiger Braun

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