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Brandenburg Vor 25 Jahren räumten die Sowjets ihr Hauptquartier
Brandenburg Vor 25 Jahren räumten die Sowjets ihr Hauptquartier
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09:15 17.06.2019
11. Juni 1994: Mit einer Militärparade verabschieden sich die russischen Soldaten aus Wünsdorf. Quelle: Joachim Liebe
Wünsdorf

Eingerahmt von schwerblütiger russischer Musik (Mussorgski und Rachmaninoff), ist in Wünsdorf-Waldstadt (Teltow-Fläming) an den Abzug der letzten sowjetischen Soldaten vor 25 Jahren erinnert worden. Eingeladen hatten die Staatskanzlei und die Russische Botschaft. „Wjunsdorf“, so nannten die Russen den Ort, war seit 1953 Sitz des Oberkommandos der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD, seit 1989 Westgruppe der Truppen, WGT) gewesen, für die Bevölkerung der DDR Sperrgebiet und verbotene Stadt.

An die düstere militärische Vorgeschichte des Orts erinnerte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). Mitte 1939 hatten die Nationalsozialisten in zwei Bunkeranlagen im Ort das Oberkommando des Heeres und später der gesamten Wehrmacht untergebracht. Wünsdorf-Waldstadt stehe „wie kaum ein anderer Ort für die zerstörerische Kraft des Krieges“, sagte Woidke weiter. „Und für den Kraftakt, den Frieden wieder herzustellen.“

Die gemischten Gefühle bei Besatzern und Besetzten aus Anlass des im Juni 1994 vollendeten Abzugs unterschlug Woidke nicht: „Viele Ostdeutsche sehnten den Abzug der sowjetischen Truppen herbei. Vielen Soldaten und Offiziere widerstrebte dieser Schritt. Für uns war es der letzte Schritt zur Unabhängigkeit und staatlichen Einheit. Für die Soldaten der Westgruppe war es ein Aufbruch ins Ungewisse, denn die Sowjetunion gab es nicht mehr.“

Auch auf die jüngste Kontroverse um die Russland-Sanktionen ging der Ministerpräsident, abweichend vom Redemanuskript, kurz ein: Es gebe „keine vernünftige Alternative zu einem intensiven Dialog mit Russland“. Ausführlich arbeitete er sich am Geschichtsbild der AfD ab – es dürfe in Deutschland niemals gesellschaftsfähig werden, das Dritte Reich zu verniedlichen. Mit Blick auf revisionistische Äußerungen von Björn Höcke und Alexander Gauland sagte Woidke: „Wer die Erinnerungskultur verdammt, wer die Geschichte umschreiben will, will ein anderes Land.“ Er sprach von einer großen Verantwortung, 2020 „den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, des Großen Vaterländischen Krieges, gemeinsam würdig zu begehen.“

Dorniger Weg zur Aussöhnung

Der Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, Sergej Netschajew, erinnerte daran, „wie dornig der Weg zur historischen Aussöhnung ist“. Russland, sagte er mit bitterem Unterton, habe all seine Verpflichtungen, den Truppenabzug betreffend, „auf Punkt und Komma erfüllt. Im Gegenzug haben wir die Nato-Osterweiterung bekommen.“ Ähnlich äußerte sich der einstige WGT-Stabschef Anton Terentjew: Sein Land fühle sich betrogen vom Westen, sagte er. „Die Nato steht direkt an unserem Gartenzaun.“

Über die immense Bedeutung der Garnison Wünsdorf-Waldstadt sagte Botschafter Netschajew, in fünf Jahrzehnten sei der Ort in der Mark „Teil der Biografie von 8,3 Millionen Sojwetbürgern“ geworden. Für viele Landsleute habe sich der Abzug aus Ostdeutschland wie eine Zäsur angefühlt, „der Schlussstrich unter eine ganze Epoche“.

Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), inzwischen Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums, betonte, keiner dürfe vergessen, wie es überhaupt zur Stationierung sowjetischer Truppen gekommen sei. Er bedauerte „Das Wissen über diese Vorgeschichte, den Zweiten Weltkrieg, verschwimmt immer mehr.“

Angesichts des Vernichtungsfeldzugs der Wehrmacht sei er bis heute dankbar dafür, dass die Sowjetunion den Deutschen „Vergebung, Versöhnung und Freundschaft“ angeboten habe. „Mit diesem Geschenk sind wir nicht hinreichend sensibel umgegangen.“ Nach einem längeren Exkurs über Sinn und Unsinn der Russland-Sanktionen schloss Platzeck mit einem Wunsch: Der 75. Jahrestag des Kriegsendes im Mai 2020 sei ein guter Anlass, „einen Neustart in den deutsch-russischen Beziehungen zu wagen.“

Hammer und Sichel in Stuck

Die Sowjettruppen hinterließen nach ihrem Abzug vor 25 Jahren eine menschenleere Garnisonsstadt. Doch „zwischen Bunkern und Kasernen blüht neues Leben“, sagte Dietmar Woidke. Seit 1998 vermarktet sich Wünsdorf als Bunker- und Bücherstadt – letzteres nach dem Vorbild des walisischen Orts Hay-on-Wye. In drei großen Antiquariaten lagern rund 350.000 Bücher.

Auch das Kulturhaus, Schauplatz des Festakts vom Freitagnachmittag, hat eine bewegte Geschichte: Im ehemaligen Offizierskasino der deutschen Panzertruppenschule war von 1954 an das „Univermag“-Warenhaus für die sowjetischen Soldaten und ihre Familien untergebracht. Hammer, Sichel, Erdball und Ährenkranz, die Insignien der sowjetischen Weltreichs, haben als Stuckverzierung an der Wand die UdSSR überlebt.

Von Thorsten Keller

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