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Brandenburg Soko „Grenze“ hat Autodiebe im Visier
Brandenburg Soko „Grenze“ hat Autodiebe im Visier
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00:16 20.02.2014
Effektiv überwältigen: Bei einer Übung wird die Festnahme eines Autodiebes simuliert. Quelle: Julian Stähle
Frankfrut (Oder)

Fahnder aus Niedersachsen haben sich gemeldet. In der Nacht ist in Osnabrück ein Audi A6 verschwunden und jetzt vermutlich auf dem Weg nach Osten. Jens Starigk fährt den PC hoch und geht die letzten Meldungen durch. „Mal sehen, ob wir ihn auf dem Schirm haben.“ Der Kriminalrat schüttelt den Kopf. „Bisher nicht.“ Vielleicht fahren die Diebe auch gar nicht in Richtung Frankfurt (Oder) und steuern das sächsische Görlitz oder Pomellen im Norden an. Starigk zweifelt nicht daran, dass der A6 über die Grenze soll. Die Marke Audi steht auf dem osteuropäischen Schwarzmarkt hoch im Kurs.

Am Ende schlüpft der A6 durch die Maschen. Wohl irgendwo im polnischen Hinterland übergibt der Kurier den Wagen an jene, die ihn noch weiter nach Osten bringen und erhält seinen Lohn – in der Regel 100 bis 150 Euro für Hunderte Kilometer Zitterpartie.

Schlichte Computer in engen Büros in der Kommandozentrale

Starigk ist Chef der Sonderkommission „Grenze“. Mit 95 spezialisierten Fahndern, die in fünf Außenstellen über Brandenburg verteilt sind, jagt der 42-Jährige Autodiebe. Die Arbeit geht ihm nicht aus. Die Zahl der Autodiebstähle stieg 2013 landesweit auf 3522 an, 2012 waren es 3355. Und Innenminister Ralf Holzschuher (SPD) steht politisch unter Druck. In keinem anderen Deliktbereich sind die Zahlen so bedrohlich geklettert wie bei Wohnungseinbrüchen und beim Autoklau.
Die Frankfurter Soko-Leute sind in einem schmucklosen Plattenbau auf dem Hof des Polizeireviers Halbe Stadt untergebracht. Nichts deutet daraufhin, dass Brandenburgs Spezialtruppe gegen Autoschieber hier ihr Hauptquartier hat: Keine Kommandozentrale mit blinkenden Videowänden, statt dessen schlichte Computer in engen Büros, Flure mit brüchigem Linoleum und die Stadtbrücke über die Oder ins polnische Slubice fast in Sichtweite. Am Fluss endet der deutsche Einfluss auf einer der Schmugglertrassen. Wer hier Gas gibt, ist so gut wie weg.

Starigks Leute – die Truppe ist in dieser Form bundesweit bislang einmalig – haben es mit hoch gerüsteten Kriminellen zu tun. Das Arsenal der Standardwerkzeuge reicht vom Ziehfix (umgangssprachlich „Polenschlüssel“), mit dem man Schlösser aus der Autotür ziehen kann, bis zu Diagnosegeräten, die normalerweise in Werkstätten bei der Fehlersuche helfen, im Mafiamilieu aber dazu dienen, Wegfahrsperren auszutricksen. Zur Basisausrüstung der Gangster gehört inzwischen auch der sogenannte Jammer. Der Störsender überlagert Funkwellen und macht eine Ortung gestohlener Autos, die über GPS verfügen, unmöglich. „Die Diebe sind technisch auf dem neuesten Stand“, so Starigk. Auch er hat seinen Dienst-Audi speziell gesichert, die Wegfahrsperre lässt sich nicht knacken. Bisher jedenfalls.

Der Kriminalrat teilt die Autodiebe in drei Gruppen ein. 20 Prozent der Diebstähle gehen auf das Konto von Kleinkriminellen – zumeist deutsche Einzeltäter, die am Wochenende losziehen. Sie schließen vorzugsweise Auto unterer Fahrzeugklassen kurz, zerlegen sie und verkaufen die Teile im Internet. Die Reste der Wagen gehen oft in Flammen auf, um Spuren zu verwischen „Klauen, aus einanderschrauben und Spuren beseitigen wird hier oft von einem Mann erledigt“, so Starigk.
Die zweite Gruppe von Dieben (60 Prozent der Fälle) ist mit einem Hehlernetz verknüpft – arbeitsteilig agierende Banden, laut Starigk zumeist Ausländer. „Stoßstangen, Navis, Steuergeräte. Die Nachfrage nach Ersatzteilen ist riesig. Vieles geht nach Weißrussland und in die Ukraine.“

Diese Fahrzeuge klauen die Diebe am Liebsten

Auf der Liste verschwundener Fahrzeuge rangiert Volkswagen ganz oben, allein schon wegen der Menge an Zulassungen. Wer in Grenznähe etwa einen VW-Trans porter fährt, muss zittern, wenn er ihn abstellt. Auch Einzelteile des robusten Packesels sind gefragt. „Profis zerlegen einen T5 in drei Stunden“, so der Soko-Chef.

Tatorte sind meist abgelegene Hallen diesseits oder jenseits der Grenze. Manchmal bieten auch legale Werkstätten ihre Dienste an. Erst im Januar hatte die Polizei im polnischen Miedzyrzecz – 60 Kilometer östlich von Frankfurt (Oder) – einen illegalen Fahrzeughandel auffliegen lassen. 22 BMW sowie unzählige Teile und Baugruppen im Wert von weit über 700 000 Euro konnten sichergestellt werden. Das Diebesgut stammte überwiegend aus Deutschland.
Im Visier der dritten Gruppe von Dieben sind ausschließlich hochwertige Fahrzeuge – Edelmarken, die auf Bestellung gestohlen und über die Grenze gebracht werden. Um an die Autoschlüssel zu gelangen – die Wagen sollen möglichst unbeschädigt bleiben –, wird auch in die Häuser der Besitzer eingebrochen. Marktanteil hier: 20 Prozent am gesamten Fahrzeugklau.

„Das geht die Premiumklassen rauf und runter – SUV-Modelle von Audi und BMW, aber auch Bentley und Rover“, weiß Starigk aus Ermittlungen. Die Besteller der Karossen sitzen unter anderem in Kasachstan oder Tschetschenien – Neureiche oder Halbweltgrößen. Villenviertel im Berliner Umland bieten reichlich Beute und günstige Fluchtmöglichkeiten – nur 15 Minuten bis zur Autobahn. „Die Banden sind so aufgebaut, dass keiner vom anderen weiß. Und festgenommene Kuriere verraten auch nicht das Wenige, das sie wissen, weil sie Angst um ihre Familien in Polen oder Litauen haben.“

Wettrennen mit der Zeit

Starigks Truppe muss viel Kleinarbeit leisten, bevor sie ein Verfahren abschließen kann. Dass Deutschland und Polen noch immer kein Polizei-Abkommen haben, erschwert die raschen Ermittlungen. Was über Berlin und Warschau unmöglich ist, versuchen die Fahnder auf dem kleinen Dienstweg. Liegen innerhalb von 48 Stunden nicht hinreichend belastbare Informationen über einen potenziellen Dieb vor, kommt er aus der Untersuchungshaft frei. „Der taucht dann unter. Und wir fangen bei null an“, beschreibt der Soko-Chef das Dilemma.

Mit der Polizei-Kommandantur in Gorzow (Landsberg) gibt es enge Kontakte. Die Polen haben dort eine eigene Einheit gegen Kfz-Kriminalität aufgebaut. „Das hilft uns sehr“, sagt Starigk. Er hat am Morgen drei Beamte hinübergeschickt. Sie sollen eine Halle durchsuchen, in der mehrere Tausend Ersatzteile sichergestellt wurden. Über eine Standleitung werden Artikel- und Fahrgestellnummern abgeglichen. „Wird ein langer Tag, aber es lohnt sich.“

Jens Starigk zieht den Reißverschluss seiner Jacke hoch. Ein neues Fahndungsersuchen aus Süddeutschland: ein dicker Audi Q7, „mit allem Schnickschnack“, 80 000 Euro teuer. „Auch wenn wir ihn nicht kriegen, den nächsten haben wir. Es geht auch darum, Gegendruck zu erzeugen und die Täter zu verunsichern“, sagt Starigk. Es klingt ein wenig hilflos, aber es ist die Realität.

Aus dem Polizeibericht

  • 18. Januar: Auf der A12 wird in Niedersachsen entwendeter Sattelzug gestoppt. Am Steuer: ein Russe (44).
  • 20. Januar: Auf der A11 ist ein VW Touran in Richtung Grenze unterwegs. Der Wagen war wenige Stunden zuvor im Kreis Oberhavel gestohlen worden.
  • 21. Januar: Unbekannte stehlen in Glienicke/Nordbahn (Oberhavel) einen VW T5, Wert 20000 Euro.
  • 22. Januar: Bei Forst (Spree-Neiße) fällt ein VW Caddy mit dänischem Kennzeichen auf. Das Auto war 2010 gestohlen worden. Der ukrainische Fahrer (45) wird festgenommen.
  • 7. Februar: Auf der A12 bei Frankfurt (Oder) wird ein in der Nacht zuvor in Potsdam gestohlener VW Touran gestoppt. Am Steuer: ein Pole (31).
  • 10. Februar: In Tschernitz (Spree-Neiße) werden zwei in Leipzig gestohlene Transporter sichergestellt. Drei Ukrainer werden festgenommen.
  • 11. Februar: Nahe Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) entdecken Fahnder einen VW T5, der zuvor in Soltau (Niedersachsen) verschwand.
  • 11. Februar: Auf der A12 werden in einem Transporter Teile eines in England gestohlenen Geländewagens entdeckt. Der Fahrer: ein Litauer.
  • 16. Februar: Bei Seelow (Märkisch-Oderland) wird ein Kleintransporter gestoppt. An Bord: gestohlene Autoteile im Wert von 85000 Euro, die Insassen: zwei Litauer.

Von Volkmar Krause

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