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Brandenburg Für eine Mark gekauft, Millionen investiert
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15:53 04.04.2018
Alexander (75) und Benita von Stechow (73) vor ihrem Herrenhaus in Nennhausen.
Alexander (75) und Benita von Stechow (73) vor ihrem Herrenhaus in Nennhausen. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert
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Über Geldbeträge, die Größe von eigenen Wäldern und die Anzahl von Schlafzimmern spricht man nicht im Herrenhaus Nennhausen. Denn hier, bei Rathenow im Havelland, wohnen echte Adlige. „Man muss immer den Ball flach halten“, sagt Hausherr Alexander von Stechow. Der 74-Jährige steht im Schlosspark und hält sich an seinem Regenschirm fest. Mücken umschwirren sein kahles Haupt, die beiden ungarischen Rassehunde tollen umher. Alexander von Stechow ist angekommen. Bei seinen Wurzeln.

Vor 24 Jahren, im Juni 1989, reiste er vom hessischen Bad Homburg in die DDR, um dieses Stück märkischen Boden zu betreten. „Die Kinder hatten mir zum 50. Geburtstag eine Reise durch das Havelland ausgearbeitet“, erzählt von Stechow, der lange Zeit als Jurist für AEG arbeitete und sich mittlerweile als Nennhausens stellvertretender Bürgermeister die Zeit vertreibt. Ehefrau Benita – eine geborene von Menges – und er besuchten Stechow, den nach der Familie benannten Ort. Und eben auch das gut fünf Kilometer entfernte Nennhausen. In das Schloss gelang das Ehepaar damals nicht, ein Gitter versperrte die Tür, der Park war völlig verwildert. Zelluloidabzüge von damals erinnern an die schmutziggraue Fassade, das undichte Dach, Spuren des Vandalismus. Und trotzdem: „Großes Interesse, große Freude“ habe Alexander von Stechow beim Anblick des Schlosses empfunden.

Vor vielen Jahrhunderten hatte das Gut Nennhausen zeitweise den Stechows gehört. Wahrscheinlich 1470 ging es als Lehen von Bischof Dietrich von Stechow, dem Berater des Kurfürsten und Erbauer der Burg Ziesar, an ein anderes Adelsgeschlecht über. Unter der Adelsfamilie Briest wurde das Fachwerkhaus zwischen 1735 und 1737 durch ein zweiflügliges, barockes Herrenhaus ersetzt. Als Caroline von Briest, besser bekannt als Caroline de la Motte Fouqué, Hausherrin wurde, avancierten die Gemäuer zum Musenhof: Caroline und ihr Mann Friedrich versammelten Literaten wie E.T.A. Hoffmann, August Wilhelm Schlegel und Joseph von Eichendorff um sich, pflegten Kontakt zu Heinrich von Kleist. 1831 starb Caroline, 23 Jahre später erlosch der Name von Briest völlig. Immer wieder wechseln die Besitzer. Der letzte, Graf Westerholt, wurde 1945 enteignet. In der DDR nutzte die Gemeinde das Haus als Schule, Kindergarten und Sparkasse. 1983 brannte der Dachstuhl aus, das Haus verfiel.

Zuerst hatten die Stechows die Chance, den angrenzenden Wald zu kaufen. „Der Rückerwerb des Hauses von der Gemeinde war mit der Verpflichtung verbunden, es wieder aufzubauen“, erzählt Alexander von Stechow. „Das wollte der alte Westerholt nicht“, die zu Kriegsende enteignete Familie verzichtete. Das Ehepaar Stechow kaufte zuerst den Park, 1997 dann das Schloss. „Für die berühmte eine Mark“, sagt Benita von Stechow und ihr Mann fügt hinzu: „Das ist die teuerste Mark, die jemals bezahlt wurde.“ Mehrere Millionen Euro hat das Ehepaar in den Wiederaufbau gesteckt. „Als wir hier anfingen, wohnten Falken im Haus und man ging auf Sand.“ Acht Jahre vergingen, bis das Haus in Brandenburgisch Ocker erstrahlte. „Niemand, der so ein Haus aufgebaut hat, würde es ein zweites Mal tun“, sagt Ehefrau Benita. Doch die Stechows können es nicht lassen: Nachträglich haben sie die Orangerie im Schlosspark restaurieren lassen, erst im Mai wurde sie eingeweiht.

„Meine Kinder sagen immer: ,Hättest du mal Ikea genommen, dann wäre es günstiger geworden’“, sagt Alexander von Stechow. Aber wahrscheinlich auch nicht so eindrucksvoll: Das Bücherregal der Bibliothek ist aus Lärchenholz geschreinert, das im Wald der Familie gewachsen ist. Die Bibliothek wurde von der Gemeinde bisher als Standesamt genutzt, sie ist eine der wenigen Räume, in die das Ehepaar Stechow öffentlich Zugang gewährt. Die Privaträume sind in fünf Eigentumswohnungen aufgeteilt. Wie viele Zimmer auf den drei Etagen zusammenkommen, vermag Benita von Stechow nicht zu sagen. „Ich weiß nur, dass wir 60 Fenster haben.“ Und dennoch: „Das ist gar nicht so spektakulär hier zu wohnen“, sagt die 72-Jährige. „Man muss dem öffentlichen Interesse Raum geben, darf sich nicht abschotten.“ Kontakt findet Benita von Stechow auch in der Klinik Rathenow, wo sie ehrenamtlich Krankenbesuche abstattet.
Zu rund zehn Veranstaltungen kommen jedes Jahr Kulturliebhaber in das Herrenhaus. Die Havelländischen Musikfestspiele organisieren Konzerte, zu Lesungen wird regelmäßig geladen. Um Friedrich de la Motte Fouqués romantische Meerjungfrauengeschichte „Undine“ kommt hier keiner vorbei – schließlich entstand diese Erzählung 1811 in Nennhausen. „Walt Disneys Meerjungfrau Arielle kannte ich natürlich vorher. Aber Undine habe ich erst gelesen, als das Haus fertig war“, sagt Benita von Stechow.

Undine und der Park sind für Benita von Stechow eng verbunden: In beiden suchen sich Natur und Mensch. Die Meerjungfrau gewinnt durch die Heirat mit einem Menschen eine Seele – doch ihre Liebe wird enttäuscht, sie kehrt zurück ins Wasserreich und reißt ihren Geliebten in den Tod.
Ziemlich radikal in seinem Vorgehen war auch Philipp August von Briest im Jahr 1780. Er ließ einen ganzen Schlossflügel abreißen, um Park und Haus besser zu verbinden. Alexander von Stechow muss also nur die Haustür öffnen, schon liegt ihm der Park wieder zu Füßen. Sein Blick wandert erst zum Himmel, dann zum nassen Rasen. Angesichts des Dauerregens muss auch der Hausherr an junge schöne Wassergeister denken: „Eine Undine könnte der Park gut vertragen.“

Von Juliane Primus

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