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Brandenburg „Gedenkstätten sind keine antifaschistischen Durchlauferhitzer“
Brandenburg „Gedenkstätten sind keine antifaschistischen Durchlauferhitzer“
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22:50 09.01.2018
Schüler in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sachsenhausen (Oberhavel). Quelle: Foto: Saskia Kirf
Berlin

Die Berliner Staatssekretärin Sewsan Chebli (SPD) spricht sich dafür aus, dass Jugendliche verpflichtet werden sollten, KZ-Gedenkstätten zu besuchen. Der Chef der Stiftung Gedenkstätten, Günter Morsch, lehnt einen solchen Zwang ab. Im MAZ-Interview sagt er, warum.

Sie sprechen sich gegen den Pflichtbesuch von deutschen Schülern und Immigrantenklassen in KZ-Gedenkstätten aus – aus welchen Gründen?

Günter Morsch: Das verträgt sich nicht mit dem didaktischen Vorgehen einer modernen Gedenkstätte, die sich als offener Lernort versteht. Hier ist Selbstlernen, Beschäftigung mit Quellen gefragt. Pflichtbesuche sind ein Zwangskorsett. Dies führt dazu, dass ein Gedenkstättenbesuch möglicherweise bei einem Teil der Besucher das Gegenteil bewirkt. Wir setzen dagegen auf freiwillige Konzepte. So bereiten wir in Ravensbrück Schüler intensiv auf den Ort vor. Sie führen dann ihre Altersgenossen durch die Gedenkstätte – diese Jugendlichen erreichen ihre Mitschüler viel eher, als wenn ein Professor wie ich das macht.

KZ-Gedenkstättenbesuche waren in der DDR zwangsverordnet.

Das hat keine guten Auswirkungen gezeigt, ein Teil der Bevölkerung hat es positiv erlebt, man hört aber viele andere Geschichten. Gedenkstätten sind keine antifaschistischen Durchlauferhitzer, sie sind nur ein Mosaikstein eines umfassenderen Bildungsprogramms.

Wie entwickelt sich die Zahl der Schüler, die an Gedenkstättenbesuchen teilnehmen?

Seit Jahren erleben wir an Gedenkstätten in Berlin und Brandenburg – etwa in Sachsenhausen und im Haus der Wannseekonferenz – einen Rückgang Berliner Schulgruppen. Von 386 Klassen im Jahr 2006 sind im vergangenen Jahr 230 übrig geblieben. Es wäre wichtiger, den Schülern mehr Zeit am Ort selbst sowie zur Vor- und Nachbereitung zu geben. Seit Jahren verhandeln wir mit dem Senat, dass er die Rahmenbedingungen verbessert, kommen aber nicht weiter. Es geht auch um den Ausgleich von Stundenausfall während der Projekttage.

Agieren Brandenburger Schulen denn anders?

Die Anzahl der Brandenburger Schulklassen ist gleich geblieben. Das Thema wird in Brandenburg besser und intensiver behandelt als in Berlin. Wir haben in Brandenburg 1993 Gedenkstättenlehrer eingeführt. Sie sind Mittler zwischen Schulen und Gedenkstätten.

Bei dem Vorschlag der Berliner Staatssekretärin Sewsan Chebli zum Gedenkstätten-Pflichtbesuch ging es um Integrationsklassen, also um Zuwanderer. Wie erleben Sie Migranten in den Gedenkstätten?

Es kommen wenige. 2016 und 2017 bewegte sich die Zahl jeweils im einstelligen Bereich. Es kommt auch vor, dass Betreuer ihre Integrationsklassen selbst führen. Ob das der richtige Weg ist, wage ich zu bezweifeln. Natürlich kommen viele reguläre Klassen mit hohem Migrantenanteil. Im Umgang mit denen haben wir keinerlei negative Erfahrungen gemacht, etwa mit Ausfällen gegen Juden oder Ähnlichem – 2017 gab es bei uns keinen einzigen solchen Fall. Eher haben wir Probleme mit deutschen Schülern. Deshalb halte es für problematisch, wenn sich die Debatte wieder auf Migranten beziehungsweise Flüchtlinge konzentriert und nicht gesehen wird, dass wir in der Mehrheitsgesellschaft auch solche Konflikte haben.

Sie sind seit 1993 Leiter in Sachsenhausen. Wie hat sich das Verhalten der Besucher verändert?

Die reine Anzahl der Besucher ist bedeutend gestiegen. 1993 hatten wir 169 000 Besucher in einem Jahr, jetzt mehr als 700 000. Die Besucherzusammensetzung ist viel internationaler geworden. Und: Bei jungen Leuten ist das historische Grundwissen nicht mehr so ausgeprägt. Unsere Pädagogen müssen ein Drittel der Zeit auf die Vermittlung von geschichtlichen Basics verwenden – etwa: Was ist eine Diktatur, was war das Dritte Reich? Ist Hitler durch Wahlen an die Macht gekommen? Dergleichen müssten eigentlich Geschichtsunterricht und Elternhaus vermitteln. Was aber nicht abnimmt: das Interesse. Das zeigen die Zahlen. Die Menschen verhalten sich hier würdig, bleiben zweieinhalb Stunden im Schnitt, besuchen unsere Museen, beschäftigen sich mit der Audioführung.

Ab welchem Alter sollten Kinder und Jugendliche Gedenkstätten besuchen?

Zum Gedenkstättenbesuch gehört eine gewisse Reife. Deshalb wehren wir uns dagegen, dass Gedenkstättenbesuche immer früher angesetzt werden. Ab der zehnten, elften Klasse erst haben die Schüler Grundkenntnisse.

Von Ulrich Wangemann

Die Forderung nach verpflichtenden Besuchen von KZ-Gedenkstätten insbesondere auch für Migranten stößt in Brandenburg auf breite Ablehnung. Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) sieht keinen Handlungsbedarf und auch der Potsdamer Antisemitismusforscher Gideon Botsch hält nichts von solchen Zwangsbesuchen.

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