Gewalttat im Oberlinhaus: 5. Tag im Mordprozess: Das sind die Opfer
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Brandenburg Die Mordopfer aus dem Oberlinhaus: Das sind ihre Geschichten
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Gewalttat im Oberlinhaus: 5. Tag im Mordprozess: Das sind die Opfer

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08:54 24.11.2021
Vier weiße Rollstühle standen vor Beginn des Gedenkgottesdienstes für die getöteten Bewohner des Oberlinhauses im Altarbereich der Nikolaikirche.
Vier weiße Rollstühle standen vor Beginn des Gedenkgottesdienstes für die getöteten Bewohner des Oberlinhauses im Altarbereich der Nikolaikirche. Quelle: Soeren Stache
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Potsdam

Der Prozess um die fürchterliche Bluttat im Potsdamer Oberlinhaus, bei der am 28. April 2021 eine Pflegerin mutmaßlich vier wehrlose Behinderte getötet und eine weitere Frau schwer verletzt haben soll, hat eine Unwucht. Der ganze Fokus scheint nach den ersten Prozesstagen auf der Frage zu liegen, ob zu wenig Personal auf der Station war, warum so häufig die Pfleger wechselten und was die Hausleitung tat, um diese Missstände abzustellen. So erhält der Prozess Züge eines Pflegenotstands-Tribunal, der Verteidiger der Angeklagten dürfte zufrieden sein. Dass die Öffentlichkeit zudem erfahren möchte, wie die gewissenhafte Pflegerin Ines R. zur mutmaßlichen Vierfachmörderin mutieren konnte, versteht sich. Doch lenken diese beiden Aspekte die Aufmerksamkeit von denen weg, die am 28. April starben.

Wie sie vor ihrem gewaltsamen Tod gelebt und gekämpft haben, ist ergreifend, oft erschütternd und bisweilen mutmachend. Diese Menschen auf ihre Opferrolle zu reduzieren, wäre unfair.

Die Verhandlungstage im Oberlin-Prozess

Zehn Verhandlungstage waren zunächst für das Strafverfahren gegen die Pflegerin Ines R. (52) angesetzt. Doch schon direkt nach dem Auftakt musste das Gericht drei Verhandlungstage pausieren – einer der Schöffen war positiv auf das Coronavirus getestet worden. Inzwischen wurden neue Termine ergänzt – nach aktuellem Stand ist mit einem Urteil am 16. Dezember zu rechnen.

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Martina W.: Sie stirbt im Alter von 31 Jahren

Da ist Martina W., die bei den Oberlin-Morden im Alter von 31 Jahren starb. Ihr Onkel Falko W. sitzt am Dienstag im Zeugenstand, ein Handwerker aus Berlin und der einzige regelmäßige Familienkontakt, den Martina über Jahre hinweg hat. Am Geburtstag und zu Weihnachten besucht der Onkel seine Nichte, er bringt Kuchen fürs Personal mit und Geschenke – etwa einen Gutschein für T-Shirts – für seine Verwandte.

Martina ist in Falkos Familie aufgewachsen, weil ihre leibliche Mutter mit dem von Geburt an schwer geistig und körperlich behinderten Kindes überfordert ist. Ärzte sagen: Die Kleine wird nicht älter als zwei Jahre, doch die Verwandten geben das Kind nicht auf. Das Mädchen wird zu Hause versorgt, bis Falkos Mutter unheilbar an Krebs erkrankt und das Mädchen schweren Herzens ins Oberlinhaus gibt.

Wenn der Onkel in der Wohngruppe für Schwerbehinderte vorbeischaut, so erzählt er im Gerichtssaal, dann ergreift er die Hand seiner Nichte und drückt sie. „Ich bin felsenfest überzeugt, dass sie wusste, dass ich es bin“, sagt er. Vielleicht habe sie auch seine Stimme von früher erkannt.

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Martina ist auf Wunsch ihrer leiblichen Mutter auf See bestattet worden. „Wir hätten sie gern beerdigt, in Bornstedt bei meiner Mutter“, sagt der im Zeugenstand tapfere Handwerker. Nun gebe es keinen Ort mehr, an dem man Martina besuchen könne.

Andreas K. wurde 56 Jahre alt

Die Rede soll hier auch von Andreas K. sein, der 56 Jahre alt geworden ist. Im Zeugenstand sitzt seine Schwester Angelika L., die sagt, sie habe den von Geburt an geistig behinderten Bruder mit großgezogen. Die Familie hat vier Kinder. „Wir hingen alle an ihm – er ist mit in den Urlaub gefahren, er war immer dabei“, sagt die Kita-Leiterin aus dem Kreis Oberhavel.

Im Jahr 2015 bricht Andreas auf einer Toilette zusammen, liegt lange im Koma, ist fortan halbseitig gelähmt. Ärzte sagen, Andreas habe seinen Körper schon aufgegeben. Die Familie glaubt das nicht, holt Andreas nach der Reha aus Wandlitz (Barnim) nach Sachsenhausen, wo er in einem Seniorenheim unterkommt. „Wir wollten ihn bei uns haben“, sagt seine Schwester. Doch Andreas ist gar kein Rentner, er braucht mehr Anregung und Gesellschaft. Die findet er im Potsdamer Oberlinhaus. „Er war viel zu jung fürs Altersheim“, sagt seine Schwester. „Dort hatte er ein tolles Zimmer, Logopädie und Ergotherapie – alles wird dort gemacht“, sagt die Schwester. „Die ganze Familie hatte ein tolles Gefühl.“ Wenn sie ihren Bruder fragt, ob auch „alle lieb zu ihm sind“, hebt er den Daumen. Mittlerweile muss man mit ihm wie mit einem Kind reden, sagt die Schwester.

Kurz nach der Tat entsteht vor dem Oberlinhaus ein Gedenkort für die Getöteten. Quelle: Julius Frick

Als vor allem in der Coronazeit die Pflege schlechter wird, berichtet die Schwester, kauft sie sich eine Haarschneidemaschine, damit ihr Bruder anständig aussieht. Und sie schneidet ihm wie immer die Zehennägel, macht ihm die Ohren sauber. Andreas, sagt Angelika L., sei manchmal ein Rüpel gewesen, aber von blonden Frauen habe er sich immer etwas sagen lassen. Die Pflegeleiterin habe er „angeschmachtet“.

Es ist erschütternd, wie gut seine mutmaßliche Mörderin Ines R. in dieses Schema gepasst haben dürfte. Sie sitzt während der Schilderung der um Fassung ringenden Angehörigen rund vier Meter entfernt in dicker Winterjacke hinter der Anklagebank. Aus der Distanz wirkt sie wie ein gealtertes blondes Mädchen, gepflegt und mit buschigem Pferdeschwanz – 52 Jahre alt und mit einem wachen, aber undurchdringlichen Blick.

Christian S. wird nur 35 Jahre alt

Der Potsdamer Christian S. kommt Mitte der 1980er-Jahre schon blind zur Welt. „Er hörte aber umso besser, hatte ein sehr feines Gespür“, erinnert sich seine Mutter im Zeugenstand. „Er merkte, wenn man still neben ihm stand“, sagt die Frau mit dem grauen Kurzhaarschnitt, die gefasst vors Gericht tritt. Ihr Sohn habe es geliebt, wenn Laub raschelte – oder jemand sich geräuschvoll die Nase putzte. „Wenn jemand laut schlürfte – das war sein Leben, das hat ihn gefreut“, schildert die Mutter. Das Geräusch von Staubsaugern habe er gehasst und dann „Rabatz gemacht“, sagt sie. Sprechen konnte Christian nicht. Doch wenn er ein trauriges Lied auf der Gitarre hörte, musste er weinen.

1992 wird der Junge bei Oberlin eingeschult, denn die Arbeit mit Blinden gehört traditionell zu den Stärken des Hauses. Er zieht auch als einer der ersten in das Thusnelda-von-Saldern-Haus ein – dort, wo er 2021 im Alter von 35 Jahren sterben wird.

Die Familie lebt um die Ecke in Babelsberg, alle Tage schaut jemand vorbei, man schätzt die Politik der offenen Türen. Mit zunehmenden Alter bekommt Christian Gesundheitsprobleme, 2003 wird ihm eine Magensonde zur Ernährung gelegt. Sonntags holt die Familie Christian nach Hause, verwöhnt ihn. „So wie das Hotel Mama ist ein Heim natürlich nicht“, sagt seine Mutter fast heiter. „Er war unser Sonnenschein“, fügt sie an. Ihr Mann rasiert den Jungen, setzt sich zu ihm ans Bett. Christian, der gern Kinderlieder mag, sei ein „argloser, in seiner Welt zufriedener Mensch“ gewesen, nimmt seine Mutter an. Und wie hat sie die angeklagte Pflegerin eingeschätzt? „Wir waren immer froh, wenn sie da war“, sagt Christians Mutter. „Dann waren seine Zähne geputzt und das Gesicht ordentlich gewaschen.“

Lucille H. – mit 42 Jahren aus dem Leben gerissen

Am meisten geschrieben wurde in der Prozess-Berichterstattung über Lucille H., die im Alter von 42 Jahren mutmaßlich unter den Händen ihrer Pflegerin starb. Anders als die drei anderen Todesopfer ist das jüngste von sechs Geschwistern aus dem Havelland nicht von Geburt an behindert. Sie ist ein „sehr ruhiges, fröhliches Kind“, wie ihre 16 Jahre ältere Schwester Manuela V. vor Gericht schildert. Die junge Lucille macht eine Ausbildung zur Friseurin, hat einen sieben Jahre alten Sohn und ist erneut schwanger, als sie 2013 völlig unverschuldet in der Nähe von Rohrbeck im Havelland Opfer eines Verkehrsunfalls wird. Ein Pickup-Truck-Fahrer nimmt ihr die Vorfahrt.

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Mit Hirnblutungen und anderen schwersten Verletzungen überlebt die junge Frau das Unglück nur knapp. Sie behält aber ihr ungeborenes Kind, der Junge kommt rund ein halbes Jahr später zur Welt – die Ärzte holen ihn per Kaiserschnitt, während die Mutter im Wachkoma liegt. Monate nach dem Unfall erst wacht Lucille auf, kann die Augen öffnen, viel mehr aber nicht. Die Ärzte sagen, die junge Frau sei „austherapiert“. Als sie das hört, so erzählt ihre Schwester, reagiert die gelähmte Lucille unruhig in ihrem Bett.

Pflegerin fragt nach ihrem Sohn: „Da lief eine Träne aus ihrem Auge“

Im Oberlinhaus in Potsdam geht es dann bergauf. Pfleger stellen fest, dass Lucille mit Blinzeln Ja/Nein-Fragen beantworten kann – so wie der nach einem Schlaganfall gelähmte Napoleon-Anhänger Noirtier de Villefort in Alexandre Dumas‘ Abenteuerroman „Der Graf von Monte Cristo“. Oberlin besorgt Lucille einen Sprachcomputer, den man mit den Augen lenken kann.

Eine Betreuerin, die sich in Absprache mit der Familie ebenfalls um die junge Frau kümmert, berichtet im Zeugenstand von ihrer Kommunikation mit der jungen Frau. Lucille habe bei Geschichten, Videos oder Witzen „an den richtigen Stellen gelacht“. Manchmal kommt Lucille im Rollstuhl mit zum Shoppen in eine Boutique. Sie gibt der Betreuerin dann Zeichen, ob diese eine Bluse kaufen soll – oder nicht. Im Park Babelsberg schauen die beiden den Ausflugsschiffen hinterher. „Lucille hatte Lebensfreude im Rahmen ihrer Möglichkeiten“, fasst ihre Betreuerin alles zusammen.

Lucilles Beziehung zum Vater der Kinder ist aber nicht mehr zu retten. Das bereitet ihr Schmerzen. Die Kinder leben bei ihrem Ex-Partner, der hat irgendwann eine neue Freundin. Die Betreuerin erzählt vor Gericht. „Einmal habe ich Lucille nach ihrem Sohn gefragt, da lief eine Träne aus ihrem Auge.“

Am 29. November wird der Prozess vorm Potsdamer Landgericht fortgesetzt.

Von Ulrich Wangemann