Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Gröning, Demjanjuk und Co.: Das waren die letzten großen Prozesse gegen NS-Täter
Brandenburg

Gröning, Demjanjuk und Co: Diese ehemaligen KZ-Wächter standen vor Gericht

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:11 09.09.2021
Greise Männer vor Gericht: In den vergangenen Jahren wurde u.a. gegen die KZ-Wächter Bruno D. (l.), Oskar Gröning (m.) und Johann R. prozessiert.
Greise Männer vor Gericht: In den vergangenen Jahren wurde u.a. gegen die KZ-Wächter Bruno D. (l.), Oskar Gröning (m.) und Johann R. prozessiert. Quelle: dpa
Anzeige
Brandenburg/Havel

Die Anklage lautet auf Beihilfe zum Mord in 3518 Fällen: Der ehemalige Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen Josef S. muss sich ab dem 7. Oktober 2021 in Brandenburg/Havel vor Gericht verantworten. Geführt wird der Prozess vom Landgericht Neuruppin, die Havelstadt stellt mit dem Stahlpalast einen Veranstaltungsort von angemessener Größe, da viele Besucher erwartet werden.

Der in Brandenburg wohnhafte S. ist mittlerweile 100 Jahre alt, ob er verurteilt wird oder gar seine Strafe antreten muss, ist unter diesen Vorzeichen unklar. Er reiht sich ein in eine Liste von hochbetagten Männern, die sich in den vergangenen Jahren ihrer Verantwortung aus der NS-Zeit stellen mussten. Viele dieser Prozesse dauerten lange, wurden in den Medien kontrovers diskutiert und Verurteilungen hatten vor allem eine symbolische Bedeutung. Sie zeigen jedoch eindrucksvoll, dass auch viele Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können – und müssen. Hier eine Auswahl.

2019: Prozess gegen Bruno D., ehemaliger Wachmann im KZ Stutthof

93 Jahre alt war Bruno D. im Jahr 2019, als er sich in Hamburg vor einer Jugendstrafkammer verantworten musste – für Taten, die er als 17-Jähriger begangen hatte. Vorgeworfen wurde ihm die Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen, weil er als SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof im heutigen Polen zwischen 1944 bis 1945 Teil der NS-Vernichtungsmaschinerie gewesen sei.

Der Newsletter direkt aus dem Newsroom

Die Top-Themen, die Brandenburg bewegen - und alle Infos zur Corona-Pandemie. Täglich von der Chefredaktion in Ihr Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Die Menschen, an deren Tod Bruno D. mit schuld sein soll, wurden erschossen, vergast oder sie gingen an Krankheiten und den elenden Bedingungen im Lager zugrunde. D. soll von all dem gewusst – und dadurch, dass er die Menschen im Lager mit seinem Dienst an Flucht und Revolte hinderte, das Morden unterstützt haben.

Nach dem Krieg arbeitete D. als Bäcker und Lkw-Fahrer. In dem Prozess war auch das Justizversagen in den vergangenen Jahrzehnten Thema – schon in den 70er und 80er Jahren äußerte sich D. umfangreich über seine Zeit im Konzentrationslager. Nur habe das damals niemanden interessiert, erklärte D.s Anwalt.

D. wurde 2020 zu zwei Jahren Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.

2019: Prozess gegen Johann R., genannt „Bubi“

Auch Johann R. arbeitete für die SS im KZ Stutthof bei Danzig. Er war damals 19, als er 1942 in die Wachmannschaft des Konzentrationslagers eintrat. Grauenvolle Dinge passierten damals in dem Todeslager der Nazis. Gefangenen wurde Benzin oder Phenol ins Herz gespritzt, die Menschen wurden vergast oder ertränkt oder von Hunden totgebissen. Oberstaatsanwalt Andreas Brendel sagt bei der Verlesung der Anklage: „Es gibt kaum eine Tötungsart, die es in Stutthof nicht gegeben hat.“

R. musste sich 2019 als 95-Jähriger wegen Beihilfe zum Mord in mehreren hundert Fällen verantworten. Beim Prozess saß er im Rollstuhl, wirkte sehr gebrechlich. Mehrfach musste er zu der Zeit ins Krankenhaus eingeliefert werden. Schließlich wurde der Prozess eingestellt: Die Richter gingen von dauerhafter Verhandlungsunfähigkeit aus.

2015: Prozess gegen Oskar Gröning, dem „Buchhalter von Auschwitz“

Oskar Gröning wurde von 1942 bis 1944 als SS-Mann im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eingesetzt. Seine Aufgabe war es, das Geld der ankommenden Häftlinge zu zählen und zu verbuchen. Daher sein Name: „Buchhalter von Auschwitz“. Auch hatte er an der „Rampe“ in Auschwitz Dienst – dort, wo das Schicksal der Menschen mit einem Fingerzeig besiegelt wurde, wo entschieden wurde, wer sofort in die Gaskammer kommt – und wer später.

Im Jahr 2015 kam es zum Prozess vor dem Landgericht Lüneburg. Gröning war da 94 Jahre alt. Auch hier wurde das Verhalten der Justiz in den Jahrzehnten zuvor kritisiert, denn Gröning versteckte sich und seine Geschichte nie, sagte gar in anderen Prozessen als Zeuge aus. Gegen ihn ermittelt wurde erst spät.

Wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen wurde er zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, ein Jahr später wurde das Urteil vom Bundesgerichtshof bestätigt. Gröning wurde für haftfähig befunden, der Verurteilte wehrte sich dagegen juristisch und stellte Gnadengesuche an das niedersächsische Justizministerium. Schließlich starb er 2018, ohne die Strafe angetreten zu haben.

2009-2011: Prozess gegen den ersten nichtdeutschen Befehlsempfänger John Demjanjuk

Im Jahr 2009 wurde John Demjanjuk, geboren in der Ukraine und zu jenem Zeitpunkt staatenlos, von den USA nach Deutschland überstellt. Dort musste der über 90-Jährige sich für seine Taten im Vernichtungslager Sobibor verantworten. Die Anklage lautete auf Beihilfe zum Mord in 28.000 Fällen. Damals war er 22.

Insbesondere in diesem Fall musste das Gericht die Frage klären, inwiefern Demjanjuk, der als Kriegsgefangener zum KZ-Wächter ausgebildet wurde, zum Dienst gezwungen worden ist oder die Arbeit im Konzentrationslager hätte ablehnen können.

Schon in den 80er Jahren stand Demjanjuk in einem spektakulären Prozess in Israel vor Gericht. Dort wurde er freigesprochen.

An der Schuld Demjanjuks hatte der Vorsitzende Richter Jahrzehnte später in Deutschland keinen Zweifel, trotz der Tatsache, dass 68 Jahre nach den Taten von 1943 kein Zeitzeuge mehr aufzutreiben war. Demjanjuk persönlich als KZ-Wächter identifizieren konnte also niemand. 2011 wurde er zu fünf Jahren Haft verurteilt, und weil beim staatenlosen Demjanjuk keine Fluchtgefahr bestehe, setzte der Richter den Haftbefehl außer Vollzug. Zehn Monate später starb Demjanjuk, noch bevor das Urteil rechtskräftig geworden war.

Von MAZonline, dpa