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Brandenburg 20 Jahre HPI: Das ist der Macher hinter dem größten Hörsaal Deutschlands
Brandenburg 20 Jahre HPI: Das ist der Macher hinter dem größten Hörsaal Deutschlands
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17:40 26.10.2019
Tortenanschnitt beim Sommerfest des HPI im Juli: Christoph Meinel (l.), Direktor des HPI, Torte und Alumni. Quelle: Varvara Smirnova
Potsdam

Wohnte den Pfarrhäusern in der DDR ein besonderes Erfolgsgeheimnis inne? Prominentestes Beispiel einer bibelfesten Überfliegerin ist Bundeskanzlerin Angela Merkel, aus einer Templiner Pfarrersfamilie und von Hause aus Physikerin.

Auch Christoph Meinel stammt aus einer Familie, die über Generationen hinweg Pfarrer und Kantoren hervorgebracht hat. Aufgewachsen in einem Pfarrhaus am Baumschulenweg in Berlin-Treptow, strebte er aber nicht auf die Kanzel oder auf die Orgelempore, sondern in die Wissenschaft – genauer gesagt in die Mathematik. Einer der Gründe, weshalb die Naturwissenschaften so anziehend auf ihn wirkten: Ihre Gesetze und Regeln stehen außerhalb der Politik und können von ihr nicht vereinnahmt werden. „Das war die Suche nach einem Gebiet, das nicht politisierbar ist und wo die Wahrheit die Wahrheit ist.“

Das Hasso-Plattner-Institut Campus Griebnitzsee in Potsdam. Quelle: Michael Hübner

Sorgenkind Innovationsfähigkeit

Dort hat das Hasso-Plattner-Institut nicht nur eine seiner Außenstellen des internationalen Doktorandenkollegs; derzeit wird zudem eine weitere School of Design Thinking etabliert. Somit war auch dieser Abstecher trotz des idyllischen Settings inmitten holländisch geprägter, weißer Bauten und blühender Bäume im südafrikanischen Frühling mitnichten eine Vergnügungsreise. Am Freitag ging’s wieder zurück nach Potsdam.

Gerade rechtzeitig für die großen Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen des Instituts, das dank Mäzen Hasso Plattner aus der Taufe gehoben werden konnte und mit seiner Lehre und Forschung mittlerweile zu den Wissenschaftsleuchttürmen in Deutschland zählt – dem Exzellenzzentrum der Digitalisierung.

Wobei Meinel mit der Innovationsfähigkeit Deutschlands gerade mächtig hadert. Gerade durch seine vielen Reisen erlebt er, wie offen andere Nationen wie China mit allem Neuen umgehen. In der Heimat muss er hingegen mitansehen, dass gerne Scheuklappen angelegt werden. „Bei uns wird Digitalisierung oft nur als zusätzliche Last empfunden“, sagte der langjährige HPI-Direktor beim Telefonat aus Südafrika, das er trotz Mega-Stress noch dazwischen geschoben hat.

Kritik an digitaler Versorgung

Die vielen Verpflichtungen und Aufgaben scheinen Meinels Turbo aber noch einmal einen Extra-Schub zu geben. Stagnation macht ihn ärgerlich – mehr noch, sie lässt ihn besorgt zurück. Etwa die Tatsache, dass die digitale Versorgung hierzulande so lückenhaft ist. „Zwischen Berlin und München gibt es auf der A9 eine Teststrecke für autonomes Fahren – sogar da sind Funklöcher“, sagt Meinel in einer Stimmlage, in der das mitschwingt, was man in der Bibel als „heiligen Zorn“ bezeichnen würde.

20 Jahre HPI und 50 Jahre Internet

Vom 28. bis 30. Oktober wird der Campus des Hasso-Plattner-Instituts am Griebnitzsee in Potsdam zur Location für eine große Geburtstagsfeier. Neben dem 20-jährigen Jubiläum wird mit einer Fachkonferenz der 50. Geburtstag des Internets gefeiert.

Den Auftakt am Abend des 28. Oktobers bildet eine Gala. Günther Jauch wird die Moderation übernehmen. Am ersten Tag der Fachkonferenz – Titel: „Designing Digital Transformation“ – werden Pioniere des Internets, Wissenschaftler und Vertreter führender IT-Unternehmen über die Geschichte und Entwicklung des Internets sprechen.

Am zweiten Tag der Konferenz geht es um das „Innenleben“ des HPI mit Einblicken in 20 Jahre Forschung und Lehre. Absolventen berichten über ihre Karrieren.

Er hat Angst, dass Deutschland hinterherhinkt bei den Entwicklungen und irgendwann nur noch passiver Rezipient ist – ohne aktiven Anteil an der Gestaltung genommen zu haben, befürchtet er: „Am Ende muss man dann kaufen, was die anderen einem anbieten; anstatt dass man selbst Dinge anbietet entwickelt nach unseren Werten.“

Meinel ist ein Macher. Die Zukunft ist ihm wichtig. Und so erzählt er nur eher zögerlich von Vergangenem – auch weil es ihm eher unangenehm ist, als Person im Mittelpunkt zu stehen. Und doch muss man wohl die Anfänge kennen, um den enormen Elan zu verstehen. Denn das Machen, das Beharren setzte Meinel einem System entgegen, in dem manch anderer an seiner Stelle nur ein Gefühl von Ohnmacht verspürt hätte.

Die Wende brachte ein neues Lebenskapitel

„Man war halt ein Staatsfeind“, erinnert sich der Pfarrerssohn an die Hürden, die es zu überwinden galt. Das Abitur gab es nur über Umwege, genauso wie das Studium. Ein Jahr lang stand Meinel am Fließband des VEB Elektroapparatewerke Treptow, ehe er die Zulassung zum Studium bekam. Auch das Promotionsstudium wurde ihm im ersten Anlauf verwehrt. Doch dann half Erich Honecker – zumindest indirekt. Der DDR-Staatslenker hatte sich gegenüber den evangelischen Bischöfen nämlich damit gebrüstet, dass Pfarrerskinder keine Nachteile im System hätten.

Als Gegenbeweis wurde daraufhin eine Liste mit den Namen von Personen zusammengestellt, die durchaus Unbill erlitten hatten. Die Folge: Christoph Meinel wurde – stillschweigend – zum Promotionsstudium an der Humboldt-Universität zugelassen. Der Verfasser der Liste war übrigens niemand anderer als der damalige Kirchenjurist Manfred Stolpe.

Die Wende brachte für den damals 35-jährigen Mathematiker, der an der Humboldt-Universität lehrte, ein ganz neues Lebenskapitel. Mit seiner Frau – einer Übersetzerin für Tschechisch und Slowakisch und von Büchern wie „Pan Tau“, bekanntgeworden durch die gleichnamige, sehr erfolgreiche CSSR-Kinderserie – und den beiden Kinder wurde er in den äußersten Westen der Republik berufen: an die Uni Trier. Dort lockte das Angebot der Universität, einen Informatik-Fachbereich aufzubauen.

2004 kam das Angebot von Hasso Plattner

Doch ausgerechnet der Aufbau Ost hätte ihm fast einen Strich durch die berufliche Rechnung gemacht. Denn das Geld, das in die Hochschullandschaft der neuen Bundesländer floss, fehlte in den West-Budgets. Was tun? Anstatt zu resignieren, wurde der Professor zum nebenberuflichen Gründer. Das von ihm ins Leben gerufene Institut für Telematik finanzierte sich über Drittmittel. Die Kooperation mit Banken in Frankfurt/Main und Luxemburg im Bereich IT-Sicherheit ließ das Institut florieren; zeitweise bis zu 60 Mitarbeiter konnten über die Projekte finanziert werden.

Als 2004 dann das Angebot von Software-Pionier und SAP-Gründer Hasso Plattner kam, die Leitung des 1999 gegründeten Instituts am Griebnitzsee zu übernehmen, schlug Meinel dennoch ein. Bot sich hier doch die Chance, in der fest regulierten deutschen Hochschullandschaft Visionen wahr werden zu lassen.

Das Kennenlerngespräch mit dem Stifter Plattner und Henning Kagermann, dem damaligen SAP-Chef und heutigen Chef der Mobilitätsplattform der Bundesregierung, ist ihm in besonderer Erinnerung geblieben. Über ganz viele Themen, vor allem im Wissenschafts- und Innovationsbereich, habe man gesprochen – nur nicht über den eigentlichen Grund der Einladung: „Mensch, habe ich beim Hinausgehen gedacht: Jetzt habe ich ganz vergessen, das Thema HPI anzusprechen.“

Zahl der Professoren am HPI hat sich vervierfacht

Doch die Wellenlänge stimmte und bald darauf kam der Anruf mit dem Angebot, den Direktorenposten zu übernehmen. Von Hasso Plattner und dessen Leistung, ein so „inspirierendes Setting“ am Griebnitzsee zu schaffen, spricht Meinel mit höchstem Respekt: „Ich bin höchst froh, dabei sein zu dürfen.“

In Meinels Amtszeit ist die Zahl der Professoren von einer kleinen fünfköpfigen Schar auf etwa 20 gestiegen – Tendenz weiter steigend. Dank der Hasso-Plattner-Stiftung konnte zudem die Fakultät für Digital Engineering begründet werden, bei der das HPI und die Universität Potsdam kooperieren. Sie ist die erste privat finanzierte Fakultät an einer deutschen Universität.

Die bisherige Bilanz der Informatik-Kaderschmiede am Griebnitzsee ist beeindruckend: Mehr als tausend Absolventen haben ihren Weg gemacht, unter anderem als Start-up-Gründer oder als Lehrende an Top-Universitäten wie dem Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Großes Thema ist die Digitalisierung im Gesundheitsbereich

Im Herbst startet ein neuer Masterstudiengang: Cyber Security. Er richtet sich an Studierende, die sich auf IT-Sicherheit spezialisieren wollen. Meinel: „Unsere Wirtschaft und unser Leben hängen immer mehr von digitalen Technologien ab und die Verletzlichkeit durch Cyberangriffe nimmt weiter zu.“ Das Thema IT-Sicherheit bereitet Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen zunehmend große Sorge.

Branchenübergreifend wird daher nach IT-Experten gesucht, die sich mit der Thematik auskennen und mit den neuen Bedrohungen professionell fertig werden. Neben dem neuen Studiengang bietet das HPI den deutschlandweit einzigartigen Studiengang „IT-Systems Engineering“ (Bachelor und Master) und die Masterstudiengänge „Data Engineering“ und „Digital Health“.

Insbesondere die Digitalisierung im Gesundheitsbereich ist eines der großen Zukunftsthemen, bei dem die Forscher des HPI nun mit dem renommierten New Yorker Mount-Sinai-Krankenhaus mit seinem riesigen Patienten- und Datenstamm kooperieren. Denn auch auf diesem Gebiet ist das digitale Deutschland noch weitgehend Brachland: „Die Daten sind oft nicht einmal innerhalb einer Klinik gebündelt“, erklärt Meinel.

Fünf Millionen Lernende nutzen „OpenHPI“

Die zahlenmäßig größte Erfolgsstory des Instituts ist aber wohl „OpenHPI“, die Internet-Bildungsplattform. Egal, wo auf der Welt – jeder kann sich kostenlos in dem weltweiten Lernnetzwerk einschreiben und an den interaktiven Online-Kursen zu verschiedenen Themen der Informationstechnologie teilnehmen. „Der größte Hörsaal Deutschlands“, sagt Meinel stolz. Knapp fünf Millionen eingeschriebene Lernende nutzen auch auf Partnerplattformen die Möglichkeit, oft über Kontinente hinweg am Wissen des Digital-Exzellenzzentrums teilzuhaben. So nutzen auch Partner wie SAP oder die Weltgesundheitsorganisation WHO die Plattform für ihre Zwecke.

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Im vergangenen November fand sich sogar die Bundesregierung im Institut am Griebnitzsee ein. Das Kabinett hielt eine Kabinettsklausur um die KI-Strategie für Deutschlands zu finalisieren. Ob sich Merkel und Meinel dabei am Rande auch kurz über ihre „Vorleben“ als Physiker respektive Mathematiker in der DDR ausgetauscht haben, ist nicht überliefert.

Jubiläumstorte beim Sommerfest

Trotz der steten Erfolgskurve des HPI nach oben, trotz des überbordend vollen Terminkalenders – der Institutsdirektor ist kein verbissener, knochentrockener Typ, sondern sehr nahbar. Beim HPI-Sommerfest in diesem Jahr stand er wie auch in den Jahren zuvor locker auf der Bühne auf der weitläufigen Grünfläche, um den Abend mit Party und Bands zu eröffnen. Bevor es dann zu den Promi-Gästen des Festes ging, machte Meinel noch einen Abstecher zum Anschnitt der quietschbunten Jubiläumstorte, wo er von den Studenten und Absolventen mit großem Hallo begrüßt wurde. Auch Meinel strahlte übers ganze Gesicht.

Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir, hatte die alten Römer einst postuliert. Christoph Meinel, der Pfarrerssohn, der mit seiner Hartnäckigkeit alle Hürden überwunden hat, sieht es ähnlich. Er drückt es aber etwas anders aus: „Bildung“, so sagt er am Telefon in Südafrika, „ist die beste Vorbereitung, mit den Schwierigkeiten und Herausforderung der Welt zurechtzukommen – und essentiell, um die Zukunft zu gestalten.“ Dann muss er auflegen. Der nächste Termin wartet schon.

Von Ildiko Röd

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