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Brandenburg Hera Mission soll vor Asteroiden schützen
Brandenburg Hera Mission soll vor Asteroiden schützen
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17:48 22.11.2019
Überlappende Darstellung der Dart- und Hera Mission: Der Dart-Sattellit der Nasa (rechts) soll schon 2021 in den kleineren der beiden Zwillingssatelliten Didymos einschlagen. Hera (links) würde etwa ein Jahr später genau die Folgen des Einschlags untersuchen.  Quelle: Esa
Berlin

Die fünf riesigen Skelette im Berliner Naturkundemuseum sind stumm. Aber was würden Brachiosaurus und Diplodocus sagen, wenn wir sie fragen würden, wie das denn war, vor ungefähr 66 Millionen Jahren, als bei der heutigen Küste Mexikos ein riesiger Asteroid einschlug und ihnen den Todesstoß versetzte, egal wie weit entfernt sie vom Ort des Geschehen waren? Vielleicht würden sie antworten: „Wir konnten überhaupt nichts tun.“

Diese Antwort gibt der Queen-Gitarrist und promovierte Astrophysiker Brian May in seinem kurzen Video nicht mehr. „Wenn uns ein Asteroid bedroht, werden wir gewappnet sein“, sagt er am Ende des Kurzfilms der im Naturkundemuseum bei einer Pressekonferenz abgespielt wird. Eine Bedingung wird allerdings sein, dass sich die Europäische Weltraumorganisation ESA in einer Wochen tatsächlich für eine Mission namens Hera entscheidet.

Tödlicher Einschlag

Asteroideneinschläge von katastrophalem Ausmaße sind zwar auf der Erde nicht die Regel, aber sie kommen vor –und zwar mehr als nur einmal in der Erdgeschichte.

Der Chicxulub-Krater bei Yucatan/Mexiko ist der bekannteste Krater, denn er wird mit dem Tod der Dinosaurier in Verbindung gebracht. Tatsächlich gehen neuere Forschungen davon aus, dass der Asteroid vor 66 Millionen Jahren sogar alleinige Ursache für das Massenaussterben war. Dabei steht er mit dem 180 Kilometer breiten Krater nur an dritter Stelle der Rekordeinschläge.

Der Sudbury-Krater im heutigen Südafrika misst sogar rund 250 Kilometer im Durchmesser. Der Himmelskörper, der dieses gewaltige Loch in unseren Planeten schlug, traf jedoch schon vor über 1,8 Milliarden Jahren die Erde.

Der Vredefort-Krater, ebenfalls in Südafrika, hält mit 300 Kilometern Durchmesser den Impact-Rekord. Die kosmische Katastrophe, die die Erde erlitt, tötete vor über zwei Milliarden Jahren aber nur Bakterien. Vielzeller entstanden erst vor etwa 600 Millionen Jahren.

 

Der Hera-Satellit und seine Drohnen könnten 2022 genau prüfen, welche Folgen der Einschlag der sogenannten Dart-Sonde der Nasa auf den kleineren der beiden Doppelasteroiden Didymos hatte. Die beiden erdnahen kleineren Himmelskörper umkreisen wie die Erde in etwa 300 Milliarden Kilometer Entfernung die Sonne. Die Nasa will den kleineren der beiden Himmelskörper möglichst im April 2021 mit einem 18 Monate zuvor gestarteten Satelliten treffen. Wie wird sich der etwa 160 Meter große Brocken durch den Aufschlag verändern? Ist er sogar von seiner Bahn abgewichen? Aus Unmengen weitere Daten der Mission könnte man herausfinden, wie ein Abwehrsystem gegen Asteroiden aussehen müsste.

Esa will Asteroid genau analysieren

Den Kampf gegen Asteroiden mit Hilfe solcher Missionen hält Brian May für so wichtig, dass er zusammen mit drei Mitstreitern die Organisation „Asteroid Day“ gegründet hat. Einer der Mitgründer, der deutsche Filmregisseur Grigorij Richters hat zur Pressekonferenz ins Naturkundemuseum geladen. Dort erklären renommierte Wissenschaftler, dass die Sorge vor einem Einschlag keineswegs Panikmache einiger Sonderlinge ist. Es geht um eine existenzielle Bedrohung, die im schlimmsten Fall Greta Thunbergs Klimawandel-Sorgen obsolet machen würden.

Patrick Michel, Direktor des Observatoriums an der Cote d’Azur, lobt den Hera-Plan in den höchsten Tönen. „Das ist absolut fantastisch.“ Kaum mehr werde die Menschheit eine weitere Gelegenheit haben, die Folgen eines Einschlags auf einen Asteroiden so genau zu studieren. Auch astrophysisch gebe es viel zu erfahren. „Wir wissen nicht, was für ein Fels das ist.“ Gerade die Beschaffenheit des Materials kann wichtig für die Art der Abwehr sein. „Es ist wichtig, dass die Mission stattfindet“, sagt er in Richtung ESA. „Es ist möglicherweise die wichtigste Verteidigungsmission, die wir je haben werden.“

Bekannte Asteroiden nur „Spitze des Eisbergs“

Holger Sierks, Wissenschaftler in der Abteilung Planeten und Kometen des Göttinger Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung, gibt der naiven Meinung, es könne doch eigentlich nichts geschehen zunächst scheinbar recht. „Das All ist ein ziemlich leerer Ort“ sagt er. Doch die Wahrnehmung täuscht. Im Laufe der Jahre hat die Astronomie immer mehr kleinere Himmelskörper entdeckt. „Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs.“ 70 Prozent der kleineren und recht großen Brocken dürften unbekannt sein. „Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Hausaufgaben machen“, sagt der Wissenschaftler.

Der Hera-Satellit soll mit zwei kleinen Drohnen die Folgen des Einschlags auf kleineren Asteroiden der Didymos-Zwillinge genau untersuchen. Quelle: Esa

Das findet auch die Geoforscherin Gisela Pösges. 204 Einschläge auf die Erde seien sicher nachgewiesen, sagt sie. Insgesamt gebe es wohl noch viel mehr. Was ein richtig großer Brocken anrichten kann, hat sie jeden Tag vor Augen. Pösges lebt und arbeitet in einem Einschlagkrater. Der Ries-Krater rund um die bayerische Stadt Nördlingen ist das Ergebnis einer gewaltigen Kollision. „Ich bin froh, dass ich vor 15 Millionen Jahren nicht dort war“, scherzt sie. Ein Gebiet von 4500 Quadratkilometer wurde damals komplett verwüstet. Alles, was sich im Umkreis von 100 Kilometern befand, wurde sofort getötet. Würde das Ries-Ereignis heute stattfinden, würden die Städte Stuttgart, Nürnberg, München, die sich um dieses Zentrum gruppieren, vermutlich mit einem Schlage ausgelöscht.

Hera-Mission wird Sicherheit erhöhen

„Auf unseren Führungen fragen die Leute immer, wie oft kommt das vor und was können wir tun“, sagt Pösges. Sie antwortet dann recht zuversichtlich. Wir seien die erste Spezies, die von dieser Bedrohung wüssten und die auch prinzipiell dazu in der Lage wären, etwas zu tun. Sie ist sehr optimistisch, dass die Hera-Mission eine Hilfe sein wird.

Davon ist auch der Leiter der Abteilung „Impakt- und Meteoritenforschung“ am Berliner Naturkundemuseum, Kai Wünnemann, überzeugt. Eine Hiobsbotschaft einer Hera-Mission, dass die Menschheit gar nichts tun könne, schließt er aus. „Der schlechteste Fall ist der, dass sich der Himmelskörper wie ein Schneeball verhält und durch den Einschlag nur zusammengedrückt wird.“ Dann, so Wünnemann, müsse man eben unsere Technik entsprechend justieren oder mit „mehr Rumms“ auf den Himmelskörper losgehen. „Ich kann aber nur die Technik entwickeln, wenn ich weiß, wie so ein Körper funktioniert.“ Genau das leiste die Hera-Mission.

Einschläge geschehen immer wieder

Dass die Menschheit diesen Schutz brauche, hat „Asteroid-Day“-Mitbegründer Grigorij Richters erst 2010 erkannt. Damals wurde er auf die Bilder des Tunguska-Ereignisses in Sibirien aufmerksam. Bei dem Ereignis wurden Bäume bis in etwa 30 Kilometer Entfernung entwurzelt und Fenster und Türen in der 65 Kilometer entfernten Handelssiedlung Wanawara eingedrückt. Einen Krater fand man im Jahre 1908 nicht, wahrscheinlich, weil der Himmelskörper explodierte.

Die Fotos der umgeknickten Bäume lösen noch heute Schauer aus. „Wenn es ein paar Stunden früher oder später gewesen wäre, hätte es vielleicht New York oder eine andere große Stadt getroffen“, sagt Richters. Diese Vorstellung ließ ihn 2014 mit Brian May, Danica Remy, der Gründerin einer mit Asteroiden befassten Stiftung, und dem Apollon-Astronauten Rusty Schweickart den „Asteroid Day“ gründen. Jetzt hofft er, dass in den nächsten Tagen noch viele Interessierte den Brief an die verantwortlichen Europäischen Minister unter „https://supporthera.com/letter/“ unterschreiben. Es ist ein Aufruf, die wichtige Mission zu starten.

Die Unterstützung der ESA selbst hat Richters natürlich. Die Behörde nennt dafür nicht nur eigennützige Gründe. Dem Chef der ESA-Abteilung Planetenverteidigung, Rüdiger Jehn, fällt nicht nur das alte Tunguska-Ereignis ein. „Vor sechs Jahren ist ein Asteroid über dem russischen Chelyabinsk explodiert und es gab 1500 Verletzte. So etwas passiert etwa alle 30 Jahre“, sagt er.

Viele Bahnen der elliptisch um die Sonne kreisenden Asteroiden kreuzen sich mit der Bahn der Erde. „Es ist nur eine Frage der statistischen Häufigkeit, wenn sich Erde und Asteroid auf dieser Bahn treffen“, sagt Jehn. Im Kleinen kommt das in Form von Sternschnuppen oder Feuerbällen fast alltäglich vor. Aber auch im Großen gibt es Risiken. Als erst 2004 der rund 300 Meter große Asteroid Apophis entdeckt wurde, glaubte man, er könne 2029 mit der Erde kollidieren. Inzwischen weiß man, dass er ihr in diesem Jahr nur relativ nahe kommen wird. Esa und Nasa schätzten beide das Risiko gefährlicher Kollisionen mit anderen, noch nicht entdeckten Asteroiden trotzdem hoch genug ein, „um dementsprechend Abwehrmethoden zu entwickeln“. Sie hoffen daher, dass sich der Ministerrat der ESA am 27. und 28. November im Sevilla zur Finanzierung des Projekts entschließen wird.

Von Rüdiger Braun

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