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Brandenburg Herr Wichmann ist entsetzt
Brandenburg Herr Wichmann ist entsetzt
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20:53 25.09.2013
Henryk Wichmann.
Henryk Wichmann. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Herr Wichmann von der CDU bekommt gerne Briefe. Aber das Schreiben, das seine Tochter ihm freudestrahlend übergeben hat, hat den vierfachen Vater entsetzt. „Liba Fata“, schrieb das Mädchen – in der vierten Klasse. Ihre Grundschule in der Uckermark unterrichtet nach der umstrittenen Methode „Lesen durch Schreiben“, bei der es beim Spracherwerb nicht auf Rechtschreibung ankommt. Viele in der Klasse könnten selbst einfache Wörter nicht richtig schreiben, beklagt Henryk Wichmann, Landtagsabgeordneter der Union.

Diese Erfahrung hat den „Fata“ auf den Plan gerufen. Der Kinderbrief war Anlass für eine parlamentarische Anfrage und einen Antrag seiner Fraktion, mit dem sich am Mittwoch der Landtag befasste. Die Methode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen gehöre – auch angesichts des mäßigen Abschneidens Brandenburgs bei Deutsch-Leistungsvergleichen – auf den Prüfstand, fordert die CDU.

Die sogenannte Reichen-Methode, die in den 70ern erstmals erprobt wurde und inzwischen bundesweit im Einsatz ist, folgt der Kernthese ihres inzwischen verstorbenen Erfinders: „Kinder lernen umso mehr, je weniger sie belehrt werden.“ Anstatt mit einer klassischen Fibel Buchstabe für Buchstabe das Abc zu pauken, nutzen die Kinder eine Anlauttabelle. Ein Wort wird in Laute zerlegt, die mit Bildchen gekoppelt sind – etwa einer Eule für Eu. Die Kinder setzen das Wort dann mit Hilfe der ihnen passend erscheinenden Buchstaben zusammen. Sie schreiben so, wie sie es hören. Dabei können dann Sätze entstehen wie „Schulä isd dol“. Eine Korrektur durch Lehrer oder Eltern ist zumindest zu Beginn des Lernens nicht erwünscht. Die Idee hinter dem Konzept: Kinder, die frühzeitig selbstständig schreiben – und sei es erst mal falsch – lernen das Lesen quasi von alleine.

An wie vielen Schulen in Brandenburg nach der Methode unterrichtet wird, weiß das Potsdamer Bildungsministerium nicht genau, weil es den Lehrern freisteht, wie sie Erstklässlern das Lesen beibringen. Es seien aber „relativ wenig“, schätzt Ministeriumssprecher Stephan Breiding. Aus seiner Sicht wird bei der aktuellen Debatte ein Einzelfall zum Politikum hochstilisiert. „Wenn wir Hinweise darauf hätten, dass die Schüler, die nach der Methode unterrichtet werden, nicht richtig lesen und schreiben lernen, würden wir sie auf den Prüfstand stellen.“

Diese Hinweise gibt es längst, sagt Agi Schründer-Lenzen, Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Potsdam. Die Spracherwerbsexpertin hat sich mit der Reichen-Technik eingehend auseinandergesetzt. Ihr Urteil: „Die Methode ist nicht geeignet.“ Die Professorin hat zwei Hauptkritikpunkte: Weil die Kinder das Lesen quasi nebenbei lernen sollen, wird im Unterricht gar nicht mehr laut vorgelesen und geübt. Zudem sei die Gefahr groß, dass sich falsche Schreibweisen einschleichen. Auch in der vierten Klasse gibt es dann eben noch einen „Fata“. Schründer-Lenzen verweist auch auf eine Expertise für den Berliner Senat, in dem die Methode unter anderem von Renate Valtin, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben, unter die Lupe genommen wird. Ergebnis: Von „Reichen“ wird abgeraten, weil er insbesondere bei Migrantenkindern und schwachen Schülern nicht zum Erfolg führt. Berlin legt seinen Schulen inzwischen nahe, auf die Anlauttabelle zu verzichten. Auch in Hamburg soll sie auf den Prüfstand. Für begabte Kinder, halten andere Experten dagegen, ist die Methode hingegen gut, weil sie schneller lesen lernen.

Insgesamt, sagt Schründer-Lenzen, seien in Deutschland rund 40 verschiedene Schulfibeln in Umlauf – ein umkämpfter Markt bei Verlagen. Welche Materialien generell zugelassen werden, entscheidet das Land. Der Rest bleibt den Schulen weitgehend überlassen, wobei Länder wie Bayern stärker eingreifen. „Es gibt eine Differenz zwischen Süden und Norden“, erklärt sie. Der bei Leistungsvergleichen stets gute Freistaat etwa hat spezielle Bayern-Fibeln im Einsatz – mit schwierigeren Aufgaben. Gleichzeitig wird aber auch dort nach der Anlaut-Methode gelernt – mit wachsendem Protest aus der Elternschaft.

„Fata“ Wichmann jedenfalls wollte nicht länger warten, bis man seiner Tochter Orthographie beibringt. Das Mädchen besucht nun eine Privatschule.

Von Marion Kaufmann

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