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Brandenburg Vor 30 Jahren: Als Ungarn die Grenzen öffnete
Brandenburg Vor 30 Jahren: Als Ungarn die Grenzen öffnete
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01:16 29.06.2019
Der ungarische Außenminister Gyula Horn (r) und sein österreichischer Amtskollege Alois Mock (l) durchtrennen vor 30 Jahren ein Stück des „Eisernen Vorhangs“. Quelle: picture alliance / Robert Jäger/
Potsdam

Im Sommer 1989 packten die Eltern von Heike Wolter die Koffer. Familienurlaub, es ging nach Ungarn auf eine Rundreise. Das war ungewöhnlich, erinnert sich Heike Wolter 30 Jahre später. „Meine Eltern erfüllten sich damals einen Wunschtraum.“ Es war die erste Ungarnreise der beiden Ingenieure überhaupt. Vorher waren sie vor allem an die Ostsee gefahren oder ins Gebirge, zweimal auch in die Tschechoslowakei, aber eine Campingtour durch Ungarn, so etwas hatten die Eltern und ihre beiden Töchter noch nicht erlebt.

Das Pikante: Die Reise fand von Ende Juli bis Anfang August statt. Damals war die Grenze zwischen Ungarn und Österreich schon seit einigen Monaten durchlässiger geworden. Besonders ein Bild ging in der westlichen Welt um: Am 27. Juni 1989 durchtrennte Gyula Horn, der ungarische Außenminister, zusammen mit seinem österreichischen Amtskollegen Alois Mock mit Bolzenschneider den Stacheldraht an der Grenze zwischen dem österreichischen Klingenbach und dem ungarischen Sopron. Die Handlung war eher symbolischer Art. Schon am 2. Mai hatten ungarische Grenzsoldaten mit der Demontage des Grenzzaunes zwischen den beiden Ländern begonnen.

Zeitzeugen gesucht!

Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Sind Familienmitglieder, Kollegen, Freunde oder Sie selbst im Sommer und Herbst 1989 in den Westen geflüchtet? Haben Sie sich bewusst dagegen entschieden?

Waren Sie beim Paneuropäischen Picknick von Sopron oder in der Prager Botschaft dabei? Wie war es in den Betrieben oder Klassenzimmern, als plötzlich Kollegen oder Schüler fehlten? Besitzen Sie Fotos und Erinnerungen an diese Zeit, die Sie mit anderen teilen möchten?

Dann melden Sie sich gerne bei uns. Die MAZ sucht Brandenburger mit ihren persönlichen Wendegeschichten.

Schicken Sie uns eine Email an: leserbriefe@maz-online.de mit dem Stichwort „1989“

Oder schreiben Sie an: Märkische Allgemeine ZeitungStichwort „1989“Friedrich-Engels-Straße 2414473 Potsdam

Hinweis: Mit der Zusendung von Fotos erklären Sie sich zur Veröffentlichung bereit.

Bis zum August schickte Ungarn Fluchtwillige an der Grenze zwar grundsätzlich in die DDR zurück. Ab dem 11. September erlaubte der Staat aber auch DDR-Bürgern offiziell die Ausreise nach Österreich. Vielen gelang 1989 aber auch davor die Flucht. Insgesamt sprechen die Quellen von 50 000 DDR-Flüchtlingen 1989 über Ungarn.

„Eine allgemeine Aufbruchstimmung“

In den Nachrichtensendungen der DDR waren die Bilder vom Durchtrennen des Grenzzauns zwar nicht zu sehen. „Ich bin mir aber sicher, dass meine Eltern etwas wussten. Es war klar, dass es eine allgemeine Aufbruchstimmung gab“, sagt Wolter. Die Eltern fuhren jedoch nicht mit Fluchtgedanken nach Ungarn. „Die Reise war schon lange vorher geplant“, so Wolter, die sich auch wissenschaftlich mit dem Reisen in der DDR beschäftigt hat. 2009 legte die Berlinerin ihre Dissertation über „Die Geschichte des Tourismus in der DDR“ vor.

„Wir haben immer wieder Menschen getroffen, die weg wollten.“ Viele von diesen Reisenden aus der DDR waren ganz ungeplant in die Möglichkeit der Flucht gestolpert. Wolters Eltern dachten aber nicht daran, selbst die Gelegenheit am Schopf zu ergreifen. Sie sahen ihren Lebensmittelpunkt nach wie vor in Berlin.

Die Historikerin und Germanistin Heike Wolter (geb. 1976, Ost-Berlin) ist Wissenschaftlerin am Fachbereich Didaktik der Geschichte an der Universität Regensburg. Quelle: privat

Das Schlupfloch nach draußen ergab sich für viele nicht ganz zufällig. Ungarn war schon lange vor dem Sommer 1989 ein Sehnsuchtsziel der DDR-Bürger. Nicht nur die Puszta, der Balaton, die Thermalbäder und Gebirge zogen an, die Ungarische Volksrepublik war mit ihrem eher lockeren Verständnis von Sozialismus auch aus anderen Gründen attraktiv. Die Buntheit, das öffentliche Leben, die Konsummöglichkeiten mit Westgütern: All das hob das Budapest von der grauen DDR-Tristesse ab. Gut 61 000 DDR-Bürger nutzten im Jahr die offiziellen Angebote des staatlichen Reisebüros der DDR, der Organisation Jugendtourist oder des Reisedienstes des FDGB. Weit mehr fuhren aber auf eigene Faust nach Ungarn – ganz so wie Wolters Eltern. „Viele Leute haben sich in Ungarn mit Verwandten aus der damaligen BRD getroffen.“ Ungarn lockte schon damals viele West-Touristen zum Beispiel an den Balaton.

Geheimes Zusatzprotokoll

Dass die Reisen in das eher liberale Ungarn so möglich war, lag auch an einem mit der DDR 1969 getroffenen Abkommen samt geheimem Zusatzprotokoll. Das besagte, dass Ungarn DDR-Touristen nicht in ein Drittland würde ausreisen lassen. Bis 1989 waren also für DDR-Bürger Ungarns Grenzen Richtung Westen dicht.

„Die Ungarn haben sich erst Schritt für Schritt bis zum Frühherbst wegbewegt von der Vereinbarung“, erklärt Wolter. Dass zum Beispiel am 19. August beim sogenannten Paneuropäischen Picknick rund 600 Menschen den offenen Zaun als Möglichkeit zur Flucht nutzten, war auch von Ungarn nicht so gewollt, wurde allerdings auch nicht verhindert. Am 11. September dann kündigte Ungarn an, die Grenze grundsätzlich auch für DDR-Bürger offen zu lassen.

„Wusste ja nicht, wie es ausging“

Warum aber haben Wolters Eltern die Chance damals nicht genutzt? „Meine Eltern waren durchaus kritisch eingestellt“, sagt Wolter, aber sie hatten ihren Lebensmittelpunkt und ihre Bindungen in Ost-Berlin. „Es spielt auch sicher eine Rolle, wie stark man von Repressionen betroffen war oder sich eingeschränkt fühlte.“ Und schließlich: „Man wusste ja damals nicht, wie es ausging.“

Wolter erinnert sich noch gut an die Rückkehr nach Ost-Berlin. Die Großmutter sei den Eltern mit offenen Armen entgegengekommen. Erleichtert hätte sie ihnen gesagt: „Ich hatte schon die Befürchtung gehabt, ihr seid für immer weg.“

Von Rüdiger Braun

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