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Brandenburg „Honeckers Zuchthaus“: Etagenbetten und null Privatsphäre
Brandenburg „Honeckers Zuchthaus“: Etagenbetten und null Privatsphäre
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15:00 04.11.2019
Eine mit elf Mann belegte Zelle in Brandenburg-Görden - Aufnahme aus dem Dezember 1989
Eine mit elf Mann belegte Zelle in Brandenburg-Görden - Aufnahme aus dem Dezember 1989 Quelle: ullstein bild
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Potsdam

Tobias Wunschik hat ein monumentales Buch über das Gefängnis Brandenburg-Görden geschrieben. Der Mitarbeiter der Stasiunterlagen-Behörde stellt es am Dienstagabend in Berlin vor.

Herr Wunschik, „Honeckers Zuchthaus“ endet mit dem Jahr 1989. Wie ist das gewesen vor 30 Jahren: Draußen beginnt die DDR sich aufzulösen, und im Gefängnis Brandenburg-Görden ist davon nichts zu spüren?

Auch der Strafvollzug der DDR war von der friedlichen Revolution mit Verzögerungen betroffen. Das ging los mit den großen Amnestien im Spätherbst 1989. Aber auch danach saßen weiter viele Menschen in Haft, die zwar wegen Delikten der allgemeinen Kriminalität verurteilt worden waren, aber im SED-Staat übermäßig harte Strafen erhalten hatten und unter rechtsstaatlichen, westlichen Maßstäben mit einer weitaus geringeren Strafe davon gekommen wären. Die wurden nach und nach überprüft und entlassen. Wobei natürlich die Wahrnehmung der Betroffenen eine andere war als derjenigen, die über sie zu befinden hatten. So kam es in den letzten Tagen der DDR noch zu einer Dachbesetzung und einem Häftlingsaufstand in Brandenburg-Görden.

Gab es für die Amnestien in der DDR jeweils einen äußeren Anlass oder passierte das einfach in bestimmten Intervallen?

Neben den Amnestien und den generellen Gnadenerweisen der Staats- und Parteiführung gab es immer wieder individuelle Überprüfungen auf vorzeitige Entlassung. All diese Wege, vorzeitig das Gefängnis zu verlassen, waren eine Voraussetzung für das Funktionieren des politischen Strafvollzugs in der DDR. Die ohnehin stark belegten Gefängnisse wären aus allen Nähten geplatzt, hätte man alle Strafen in Gänze bis zum Ende vollzogen. Brandenburg-Görden war zu DDR-Zeiten mit bis zu 3500 Häftlingen belegt, dabei gaben die vielen relativ kleinen Zellen diese Kapazität gar nicht her. Man behalf sich damit, dass man Dreistockbetten aufstellte und den Gefangenen sehr wenig eigenen Raum und praktisch keine Privatsphäre zubilligte.

 
Wie strikt wurden politische Häftling und gewöhnliche Kriminelle in Görden voneinander getrennt?
 

Die meisten Diktaturen auf dieser Welt pflegen Politische zusammen mit Kriminellen zu inhaftieren. Letztere sind meist eher bereit, gemeinsame Sache mit den Aufsehern zu machen, die Politischen zu bespitzeln, und auf diese Weise eine besonders perfide zusätzliche Herrschaft über die Systemgegner aufzuziehen. In der DDR war es so, dass die gemeinsame Unterbringung ab Mitte der 50er-Jahre die Regel wurde. In Brandenburg-Görden waren bis Mitte der 60er-Jahre die politischen Häftlinge in der Mehrheit. Das änderte sich danach, auch weil das „Einweisungsprofil“ der Haftanstalt ein Strafmaß von mindestens fünf Jahren vorsah, was eher auf Kriminelle zutraf.

 
Wie reibungslos lief die Integration in das bundesdeutsche Rechtssystem nach 1990? Die JVA Görden ist ja nach wie vor in Betrieb…
 

…allerdings mit wesentlich weniger Insassen. Die drangvolle Enge mit bis zu 3500 Insassen wäre heute unvorstellbar. Das Personal ist wesentlich besser ausgebildet, muss seine Schritte viel stärker dokumentieren, im Zweifelsfall einer gerichtlichen Kontrolle unterwerfen, wie es in der DDR praktisch niemals der Fall war. Die Beschwerdemöglichkeiten tendierten dort gegen Null, was oft auch auf eine physische oder psychische Misshandlung der Gefangenen hinauslief.

 
Wurden Aufseher jemals für Übergriffe bestraft?
 

In Einzelfällen ja. Besonders in den 70er- und 80er-Jahren war das nicht mehr so gerne gesehen, weil es die Reputation des SED-Regimes im Westen beschädigte. Und das hatte damals einfach Priorität.

 
Gab es eine personelle Kontinuität nach 1990, wurden die einstigen DDR-Schließer weiter beschäftigt
?

Es sind in der Tat etliche Aufseher übernommen worden. Nicht jeder von ihnen war ja ein Tyrann, der von morgens bis abends die Gefangenen malträtierte. Von daher es gab auch Gründe, Leute weiter zu beschäftigen, die sich gut auskannten. Diejenigen, die zugleich inoffiziell für die Stasi gearbeitet hatten, sind nach Überprüfungen wohl mehrheitlich entlassen worden.

 
Das heißt, nicht jeder Aufseher war zugleich Stasi-Zuträger?
 

Es war im Strafvollzug der DDR nicht sehr viel anders als in anderen Zweigen, die dem Innenministerium nachgeordnet waren: Im Durchschnitt hat jeder zehnte Aufseher oder Volkspolizist inoffiziell für die Staatssicherheit gearbeitet. Vor allem auf Leitungs- und Stellvertreter-Ebene war es üblich, dass die Stasi nach einer Beförderung ankam und zu verstehen gab, dass sie den Karrieresprung veranlasst hat und dafür nun eine gewisse Dankbarkeit und Kooperation erwartet.

 
Was hat Sie besonders überrascht bei Ihrem Studium der Gefängnisakten?
 

Es ist allgemein bekannt, dass die Staatssicherheit Regimegegner verhörte, und danach Schlussberichte formulierte, die sich oft wortgleich in der Anklageschrift und der Urteilsbegründung wiederfanden. Weniger bekannt ist, dass der lange Arm der Stasi bis in den Strafvollzug reichte. Selbst in einem Zeitraum, in dem den politischen Gefangenen die Hände gebunden waren und sie als Systemgegner eigentlich ausfielen, versuchte die Stasi, die Betreffenden im Visier zu behalten. Wer sich auch unter den Bedingungen des Strafvollzugs unbeugsam zeigte, sah sich Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit ausgesetzt.

 
Das bedeutet?
 

Diese Gefangenen wurden häufig in den Ruf gebracht, selbst Stasi-Spitzel zu sein. Das hatte den Vorteil, dass sie noch während des Strafvollzugs von ihren politisch Gleichgesinnten geschnitten wurden. Auch nach dem Freikauf durch die Bundesrepublik fanden sie keinen Anschluss – in der Szene der ehemaligen politischen Häftlinge im Westen sprach es sich schnell herum, dass XY angeblich als Stasi-Spitzel aktiv sei.

 
In welcher Größenordnung wurden Häftlinge aus Brandenburg-Görden von der BRD freigekauft?
 

Eine Gesamtzahl, bezogen auf die einzelnen Haftanstalten und für den gesamten Zeitraum, lässt sich schwer berechnen, Es werden aus Brandenburg etliche tausend gewesen sein unter den rund 34.000, die der Westen zwischen 1963 und 1989 freigekauft hat beziehungsweise deren Haftzeit verkürzt wurde.

 
Gab es Häftlinge, die es ablehnten, sich freikaufen zu lassen?
 

Da niemand wissen konnte, dass nach 1989 die Chance einer Wiedervereinigung bestehen würde, war für Gefangene klar, dass sie mit der Zustimmung zum Freikauf auch der Kontakte zu ihrer Familie verlustig gingen. Zwar gab es Bemühungen des Westens, diese Familien nachreisen zu lassen, aber eine Gewähr bestand dafür nicht. Vor diesem Hintergrund haben sich tatsächlich viele Häftlinge entschlossen, in dem Staat zu bleiben, mit dem sie weltanschaulich nichts mehr zu tun haben wollten.

 
Sind Ausbrüche aus dem Gefängnis dokumentiert?
 

Brandenburg hatte wesentlich weniger Fluchtfälle als andere, ältere Haftanstalten. Ein Entkommen dort war besonders schwer möglich, Aber es ist in Einzelfällen passiert, wenn Gefangene beim Transport zu einem Arbeitseinsatz oder zu einem Gerichtstermin sowieso außerhalb des Gefängnisses waren. Es gab in Görden etwa Arbeitskommandos, die die Reihenhäuser der Aufseher reinigen durften beziehungsweise mussten, und dabei vergleichsweise wenig bewacht wurden.

 
Sind nach 1990 Mitarbeiter aus dem DDR-Strafvollzug von gesamtdeutschen Gerichten belangt worden?
 

Es gab in der DDR zuletzt ungefähr 9000 Aufseher, es gab unzählige Berichte von Gefangenen über ihre Misshandlung, oft sehr glaubwürdig und detailliert. Gleichwohl kam es nur zu etwa zwei Dutzend Verurteilungen. Sehr wenige davon führten zu Gefängnisstrafen. Kriterien, die in einem rechtsstaatlichen Verfahren angelegt werden müssen, das Beibringen von Zeugen, das klare Benennen der Täter, konnten die ehemaligen Häftlinge oft nicht zu erfüllen. So kam es nur zu wenigen Verurteilungen, die dem tatsächlichen Maß an Übergriffen Hohn sprechen.

Terminhinweis: Tobias Wunschik stellt das Buch am Dienstag, 9. April um 18.30 Uhr in Berlin vor: Haus 22, Ehemalige Stasi-Zentrale/Campus für Demokratie, Ruschestraße 103.

Außer dem Autor sitzen Frank Tornow und Manfred Wilhelm auf dem Podium, zwei ehemalige politische Häftlinge. Außerdem dabei: der Gefängnis-Seelsorger von Brandenburg-Görden, Johannes Drews.

„Honeckers Zuchthaus“ (1017 Seiten) erscheint im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht und kostet 59,99 Euro.

 

Von Thorsten Keller