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Brandenburg Im Kreis der Gewalt
Brandenburg Im Kreis der Gewalt
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18:27 12.05.2013
Berliner Alexanderplatz.
Berliner Alexanderplatz. Quelle: dpa
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BERLIN

Über allem ragt der Fernsehturm. Ein hektischer und gleichzeitig trostloser Ort, an dem das Leben von Jonny K. am 14. Oktober vergangenen Jahres brutal beendet wurde. Eine Gruppe Jugendlicher schlug so lange auf ihn ein, trat dabei so heftig gegen den Schädel des 20-Jährigen, bis dieser regungslos am Boden lag. Einen Tag nach der Attacke starb Jonny K. an Gehirnblutungen. Die Ärzte stellten die lebenserhaltenden Maßnahmen ein. Am Alex ging das Leben weiter. Doch die Stadt diskutiert seit der Prügelattacke über den Umgang mit jugendlichen Gewalttätern. Denn der Tod von Jonny K. machte Schlagzeilen und der Alexanderplatz wurde zu einem Symbol für die scheinbar zunehmende Gewalt unter Jugendlichen auf Berlins Straßen.

Obwohl die Zahlen eigentlich dagegen sprechen: Seit 2002 gingen die Straftaten, die von unter 21-Jährigen verübt wurden, um 9,2 Prozent von 652 000 auf 592 000 zurück. Und trotzdem wächst das Gefühl der Unsicherheit. Die Polizei zeigt seit dem Übergriff Dauerpräsenz rund um den Fernsehturm. Nicht immer mit Erfolg. Erst am vergangenen Freitagabend prügelten zwei junge Frauen am Neptunbrunnen eine 17-Jährige krankenhausreif.

Heute beginnt vor dem Berliner Landgericht der Prozess gegen die mutmaßlich Verantwortlichen am Tod von Jonny K. Onur U. (19), Bilal K. (24), Hüsseyin I. (21), Melih Y. (21) Osman A. (19) und Mehmet E. (19) wird schwere Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei vorgeworfen. Onur, Osman und Melih müssen sich zudem wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten.

Für Claudius Ohder, Professor für Kriminologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, hat die Hauptstadt vor allem ein Problem mit den Wiederholungstätern. Im Auftrag der Landeskommission gegen Gewalt verfasste er die Studie „Intensivtäter in Berlin – Haftverläufe und Ausblicke auf die Legalbewährung junger Mehrfachtäter“. Auch Onur U., der als Hauptverdächtiger auf der Anklagebank sitzen wird, verbüßte bereits mehrere Haftstrafen. Der Amateurboxer wurde zuletzt im Juni 2012 wegen Körperverletzung und Nötigung zu zwei Wochen Dauerarrest verurteilt. Wieder in Freiheit, machte er weiter. Nach den tödlichen Schlägen auf Jonny K. setzte er sich zunächst in die Türkei ab. Auch die anderen mutmaßlichen Mittäter sind der Polizei bekannt.

Für den Kriminologen Ohder sind Täter wie Onur U. beispielhaft für jene Sorte krimineller Jugendlicher, die im Jugendarrest offenbar nicht mehr erreicht werden. In seiner Untersuchung stellte Ohder fest: Um so öfter ein Jugendlicher durch das Justizsystem „behandelt“ wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder straffällig wird. Grund: „Das Übergangsmanagement stimmt in Berlin nicht. Die Jugendlichen gehen motiviert in Freiheit und treffen dann dort auf die gleichen Freunde und Cliquen“, sagt Ohder. Wenn eine Strafe komplett verbüßt sei, würden beispielsweise Bewährungsauflagen fehlen, der Jugendliche sei auf sich allein gestellt.

Das Problem ist bekannt und die Hauptstadt sucht nach Lösungen: In dem Projekt „Startpunkt“ etwa werden Jugendliche nach der Haft begleitet – insbesondere durch Integration in soziale Angebote für die spätere Jobsuche. Man sei bemüht, das Netz nach der Haftentlassung möglichst eng zu spannen, heißt es beim Senat. Doch oft reicht das eben nicht.

Laut der Landeskommission gegen Gewalt beträgt die Rückfallquote der nach Jugendstrafrecht sanktionierten Straftäter 43,7 Prozent. Das sind zwei Prozent mehr als im bundesweiten Vergleich. 66,5 Prozent aller Straftäter, die im Arrest saßen, geraten nach ihrer Strafe erneut mit dem Gesetz in Konflikt. Auch hier liegt Berlin rund zwei Prozentpunkte vor anderen deutschen Großstädten.

Für Ohder sind diese Zahlen allerdings zu vernachlässigen: „Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder England haben wir kein quantitatives Problem und auch die Qualität der Gewalt hält sich noch in Grenzen, wenn man bedenkt, dass sehr wenig scharfe Waffen im Spiel sind.“ Allerdings gebe es eine Gruppe von Jugendlichen, die so tief verstrickt in die Gewaltkarriere sei, dass man sich Sorgen machen müsse, was passiere, wenn diese Jugendlichen ins Erwachsenenalter kommen.

Rund 500 dieser Intensivtäter sind in Berlin registriert. Fast alle haben Migrationshintergrund, „wobei die schwierigen sozialen Umstände hier eher eine Rolle spielen als die kulturellen“, sagt Ohder. Sie gehören den falschen Cliquen an. Oft verüben sie schon als Kinder, im Alter von zehn bis 14 Jahren, erste leichte Gewaltdelikte. „Da geht es dann darum, sich stark zu fühlen“, weiß Ohder.

Erst Anfang März hatte der 13-jährige Ali H. am Alexanderplatz demonstriert, wie das ausgehen kann: Nachdem ein 52-Jähriger sich die grundlosen Beleidigungen durch das Kind verbeten hatte, schlug er dem Mann ins Gesicht. Ali wurde festgenommen – nicht zum ersten Mal. Er verstieß bereits gegen das Waffengesetz und fiel wegen verschiedener Raubdelikte auf. Für Sanktionen gegen Ali sind bislang seine Eltern zuständig, denn mit 13 Jahren ist er noch nicht strafmündig. Allerdings leitet die Polizei auch in solchen Fällen ein Ermittlungsverfahren ein. Sollte Ali noch einmal eine Straftat begehen, so zählt ab seinem 14. Geburtstag seine Vorgeschichte bei der Urteilsfindung vor Gericht dazu.

Auch die mutmaßlichen Täter vom Alexanderplatz schlugen willkürlich auf ihr Opfer ein. „Bei solchen Taten spielt das Gruppengefühl, das die Gewalt auslöst, eine entscheidende Rolle. Ebenso wie die Verachtung und Degradierung der anderen Gruppe. Das eigene schwache Ich wird aufgewertet und je stärker zugetreten wird, desto größer fühlt man sich“, sagt Ohder. Wie das rechtlich zu bewerten ist, entscheidet nun das Berliner Landgericht. (Von Nora Lysk)

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