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Brandenburg In Brandenburg droht nächster BER-Eklat
Brandenburg In Brandenburg droht nächster BER-Eklat
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19:41 13.04.2014
Mehdorns Wagen liegt nach dem Unfall auf der A 113. Quelle: FRM/dpa
Schönefeld

Es war nicht sein Tag: Stundenlang stand Flughafenchef Hartmut Mehdorn (71) am Freitag im Aufsichtsrat unter massivem Rechtfertigungsdruck und kassierte schließlich von dem Kontrollgremium eine Abfuhr, als es ihm die Freigabe weiterer 1,1 Milliarden Euro verweigerte. Und dann endete Mehdorns Marathon noch mit einem Schrecken: Er kam in der Nacht auf Samstag bei der Heimfahrt vom Flughafen BER in Schönefeld (Dahme-Spreewald) ins Schleudern und raste in die Leitplanke. Der Manager blieb unverletzt. „Ich habe nach einem 16-Stunden-Tag eine Sekunde nicht aufgepasst, und schon war's passiert“, zitierte die „Bild am Sonntag“ den Flughafenchef.

Die bis tief in die Nacht dauernde Sitzung des Aufsichtsrats hat offenbar ihre Spuren bei dem Manager hinterlassen. Die Stelle, an der Mehdorns Audi A8 auf der regennassen Fahrbahn ins Schleudern geriet, ist jedoch auch unübersichtlich. Es wäre kein Wunder, wenn in Zukunft auch der eine oder andere übernächtigte Fluggast nach seiner Ankunft am BER die Übersicht verlöre: Die Unfallstelle liegt hinter einer leichten Kuppel, da die BER-Ausfallstraße hier über die Autobahn 113 führt. Hinter der Kuppel geht leicht rechts eine Straße Richtung Waltersdorf ab, nach links geht es auf die Autobahn Richtung Berlin. Mehdorn verpasste offenbar die Kurve, fuhr geradeaus und schrammte gegen die Leitplanke. Der Wagen kippte und kam auf der Beifahrerseite zum Liegen.

Mehdorn saß selbst am Steuer. Er hat zwar einen Fahrer, den hatte er aber dem Vernehmen nach wegen der langen Sitzung schon nach Hause geschickt. Alkohol war laut Polizei nicht im Spiel. Die Beamten waren schnell vor Ort, da sie auch den Tagungsort am Airportcenter des BER abgesichert hatten. Ebenfalls gleich an der Unfallstelle: Aufsichtsratschef Klaus Wowereit (SPD). Er nahm den Pechvogel Mehdorn mit nach Berlin, wo der Manager wohnt.

Der Tag dürfte so gar nicht nach dem Geschmack des 71-Jährigen gelaufen sein. Er steht wegen der Probleme am Pannenairport unter Druck und kann noch immer keine überzeugenden Zahlen liefern. Die aber hatte der Aufsichtsrat im Vorfeld dringend eingefordert. Schließlich fordert Mehdorn weitere 1,1 Milliarden Euro, weil die letzte Finanzspritze in Höhe von 1,2 Milliarden Euro Ende des Jahre aufgebraucht sein wird. Mehdorn macht für den weiteren Finanzbedarf unter anderem die Schallschutzkosten in Höhe von rund 730 Millionen Euro verantwortlich. Ein Erbe seines Vorgängers Rainer Schwarz. Er hatte versucht, die Anwohner um ihr Recht auf hohen Schallschutz zu bringen, und das Budget mit nur 140 Millionen Euro zu niedrig angesetzt.

Doch der Aufsichtsrat versagte Mehdorn nach hitziger Debatte zunächst die Gefolgschaft. Das Thema wurde vertagt. Doch die Zeit drängt. Sollten die drei Gesellschafter Brandenburg, Berlin und der Bund noch einmal Geld nachschießen, wäre das als Beihilfe bei der EU zu genehmigen. Ein solches Verfahren kann bis zu neun Monate dauern. Nach MAZ-Informationen ist noch für Ende April eine weitere Sitzung des Flughafen-Finanzausschusses zum Thema geplant.

Hartmut Mehdorn auf dem Weg zur Aufsichtsratssitzung. Sechszehn Stunden später verunglückte er.

Auch die Brandenburger Aufsichtsratsmitglieder verließen das nächtliche Schönefeld frustriert. Über ihren Antrag auf eine Ausweitung des Nachtflugverbots von derzeit Mitternacht bis fünf Uhr auf 22 bis 6 Uhr wurde gar nicht erst abgestimmt. Das Gremium habe sich mehrheitlich nicht zuständig gefühlt, weil das Nachtflugverbot eine „politische Frage“ sei, die es auf anderer Ebene zu klären gelte, erklärte Brandenburgs Flughafenkoordinator Rainer Bretschneider (SPD) mit Unmut. Schließlich war das Thema erst vor einer Woche von der Gesellschafterversammlung in den Aufsichtsrat überwiesen worden. Nun wurde dieses Gremium wieder für zuständig erklärt. Dort aber droht weiter die Blockade durch Berlin und den Bund. Einen Alleingang Brandenburgs beim Nachtflugverbot schloss Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) jedoch erneut aus. „Ein solcher Weg führt rechtlich nicht zum Erfolg.“ Er setze „auf die Vernunft der anderen Gesellschafter“.

Im Sonderausschuss BER im Potsdamer Landtag droht am Montag wegen der Nachtflugquerelen und der ungelösten Kostenfrage ein Eklat. Sowohl Finanzminister Christian Görke als auch Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (beide Linke) hätten ihre Teilnahme abgesagt, teilte FDP-Chef Gregor Beyer am Sonntag mit. Das sei nicht akzeptabel, so Beyer. Er warf Woidke Heuchelei und „grenzenlose Naivität“ im Umgang mit dem Nachtflugverbot vor. Die Grünen wollen bei der Sitzung beantragen, dass eine weitere Finanzspritze an eine Ausweitung der Nachtruhe gekoppelt wird.

Von Torsten Gellner

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