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Brandenburg Innenministerium verteidigt Pläne zu Flüchtlingsheim in Wünsdorf
Brandenburg Innenministerium verteidigt Pläne zu Flüchtlingsheim in Wünsdorf
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08:01 21.04.2015
In Wünsdorf ist eine Erstaufnahmestelle geplant. Quelle: dpa-Zentralbild
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Wünsdorf

Die geplante Erstaufnahmestelle für 1200 Flüchtlinge hat den 6000-Einwohner-Ort Wünsdorf (Teltow-Fläming) in Aufregung versetzt. Ortsvorsteher Rolf von Lützow (parteilos) ruft die Anwohner zur Besonnenheit auf. „Erst einmal sehen, was wirklich passiert“, sagte er. Das Land prüfe schließlich erst, ob der Zossener Ortsteil für die Unterbringung tatsächlich geeignet sei. Er sagte aber auch, dass viele Wünsdorfer ziemlich stinkig wegen der Pläne seien.

Allerdings rate er jedem, nicht gleich die Pferde scheu zu machen. Sollte wirklich eine Erstaufnahmestelle eingerichtet werden, könne man sowieso nichts daran ändern, weil es sich um eine landeseigene Immobilie handelt. In diesem Fall komme es darauf an, die dort vorübergehend betreuten Menschen so gut wie möglich zu integrieren. Darüber habe er schon mit Mitgliedern des Sportvereins gesprochen.

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Sollte in Wünsdorf die Erstaufnahmestelle eingerichtet werden, müssten einige Landesbehörden umziehen. Etwa der Landesdienst für Straßenwesen hat seine Büros dort, wo ab 2016 Flüchtlinge untergebracht werden sollen.

Warnung vor politischer Instrumentalisierung

Zossens Bürgermeisterin Michaela Schreiber (Plan B) warnte davor, das Thema politisch zu instrumentalisieren. Sie will noch in dieser Woche in ersten Bürgersprechstunden die drängendsten Fragen der Anwohner beantworten. „Wir müssen nicht zuletzt den Unterschied zwischen einer Flüchtlingserstaufnahmeeinrichtung und einem Übergangsheim deutlich machen“, sagte sie.

Klein Moskau und die Verbotene Stadt

Die Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge soll im Wünsdorfer Gemeindeteil Waldstadt entstehen, einem ehemaligen Militärareal, dessen Geschichte bis in die Kaiserzeit zurückreicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in Wünsdorf die größte russische Garnison auf deutschem Boden. Wie viele Soldaten in der „verbotenen Stadt“ lebten, ist unklar. Schätzungen gehen von bis zu 70 000 Menschen aus. Wegen der Größe wurde die Garnison im Volksmund auch „Klein Moskau“ genannt.

Mit dem Abzug der Truppen verfielen weite Teile des Areals. Ein Teil wurde von der Landesverwaltung übernommen, um ein Behördenzentrum aufzubauen. Unter anderem kamen dort die Landesbetriebe für Forst, Straßenwesen und Liegenschaften unter.

Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) will das ehemalige Kasernenareal, in dem derzeit mehrere Landesbehörden untergebracht sind, zur Erstaufnahme von Flüchtlingen nutzen. Sie sollen dort nach ihrer Ankunft in Deutschland maximal für drei Monate leben, ehe sie auf Unterkünfte im Land verteilt werden. „Für eine Erstaufnahmeeinrichtung braucht man eine gewisse Größe“, verteidigte Schröters Sprecher Ingo Decker gestern die Pläne. Es sei schwer, dafür geeignete Liegenschaften zu finden. „Wir suchen ständig im ganzen Land“, sagte er und verwies auf die steigenden Flüchtlingszahlen. 9200 Flüchtlinge werden Brandenburg in diesem Jahr voraussichtlich erreichen – 3000 mehr als im Vorjahr. Innenminister Schröter, der die Bürgermeisterin vergangenen Donnerstag über den Plan informiert hatte, will in den nächsten Tagen weitere Gespräche vor Ort führen. Auch bei einer Bürgerversammlung will Schröter seine Pläne erklären, allerdings erst, wenn die Standortprüfung abgeschlossen ist. „Das wird frühestens ins ein paar Wochen sein“, heiß es.

Keine rechten Umtriebe mehr in Zossen

Jörg Wanke, Sprecher der Initiative „Zossen zeigt Gesicht“, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit engagiert, zeigte sich angesichts der Größe der Einrichtung „erstaunt“. Die Pläne seien bereits vor einigen Wochen beim Flüchtlingsgipfel angesprochen worden. Damals sei jedoch noch von maximal 500 Flüchtlingen die Rede gewesen. Wanke drängt darauf, die Bürgerversammlung vorzuziehen.

Vor einigen Jahren hatten Rechtsextremisten in Zossen das „Haus der Demokratie“ der Initiative angezündet. Seither habe sich viel getan, die Situation habe sich entspannt, so Wanke. Auch im Innenministerium erkennt man in Zossen derzeit kein Neonazi-Problem. „Es ist völlig unangemessen, die Stadt in die rechte Ecke zu stellen“, so Ingo Decker.

Wanke bezeichnet die Situation in Zossen zwar als entspannt, warnt aber weiterhin vor rechtsextremer Stimmungsmache. Auf Facebook habe sich bereits eine Gruppe gebildet, die gegen das Heim in Wünsdorf hetze.

An drei Terminen bietet Zossens Bürgermeisterin für interessierte Bürger eine Gesprächsmöglichkeit:

Mittwoch, 22. April, 14.30 bis 17.30 Uhr

Freitag, 24. April, 13 bis 15.30 Uhr

Mittwoch, 29. April, 16 bis 18 Uhr

Anwohner reagieren gemischt auf Ankündigung

Am dichtesten dran wohnen die Mieter der Mehrfamilienhäuser in der Straße Am Kiefernwäldchen. Deren Informationsbedarf ist groß. „Ich habe weder Angst vor Asylbewerbern und Flüchtlingen, noch die Befürchtung, dass sie hier alles klauen“, sagt Marianne Mikeska. Trotzdem sei sie mit der Absicht, ein Erstaufnahmelager einzurichten, nicht so richtig zufrieden. Mikeska wünscht sich mehr Informationen darüber, „aus welchen Ländern die Menschen hier zu uns kommen sollen und warum.“

Furcht vor Rechtsradikalen und Einbrüchen

Karsten Balke „hält nichts von einer Erstaufnahmestelle an dieser Stelle“. Den Umzug der Landesbehörden halte er aus Kostengründen für schwachsinnig. „Ein anderer Standort wäre mir lieber.“ Wobei er nichts gegen Ausländer habe. Allerdings befürchte er wie einige Nachbarn, dass sich die Zahl der Einbrüche erhöhen und Rechtsradikale in der Gegend auftauchen könnten. „Bisher ist das eine ruhige Wohngegend. Man weiß ja nicht, wie es dann wird.“

René Ramin, Anwohner und stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Zossen, fände die Einrichtung einer Erstaufnahmestelle „nicht so problematisch“. Allerdings habe man die davon betroffenen Bürger ins kalte Wasser geworfen. Beispielsweise fragten sich Nachbarn, wieso gerade dieser Standort ausgewählt worden sei. „Deshalb versuche ich, die erregten Gemüter zu beruhigen.“

Von Torsten Gellner

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