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Brandenburg Jeder zweite Totenschein ist falsch
Brandenburg Jeder zweite Totenschein ist falsch
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22:48 15.06.2014
Die "Arbeitsplatte" der Rechtsmediziner: der Seziertisch. Quelle: dpa
Berlin/ Potsdam

Es ist eine Pflicht, die Ärzte oft unter ungünstigen Bedingungen durchführen müssen: Der Tote liegt auf dem Bett, vielleicht sind trauernde Angehörige anwesend, und der herbeigerufene Arzt muss die Todesursache feststellen und in ein Formular eintragen. Doch das geschieht oft nachlässig, wie Jörg Semmler, Leiter des brandenburgischen Instituts für Rechtsmedizin, beklagt. „Der Stellenwert der Leichenschau in Deutschland ist vergleichsweise gering und muss dringend erhöht werden“, sagt er. „Es gibt bei den Angehörigen viele Vorbehalte.“ So wollten viele nicht, dass der Tote entkleidet wird. „Aber solche Vorbehalte gibt es leider auch bei Ärzten.“

Jede zweite bis dritte Totenbescheinigung in Deutschland weist Schätzungen zufolge Fehler auf. In Berlin, wo jährlich etwa 32000 Menschen sterben, ist laut Michael Tsokos, Leiter der Charité-Rechtsmedizin, jede zweite Bescheinigung mangelhaft. „Der Hauptgrund dafür, dass nachweislich 50 Prozent der Diagnosen auf den Todesbescheinigungen falsch sind, ist mangelhafte Kenntnis und oft auch fehlende Erfahrung der leichenschauenden Ärzte“, sagt er.

„Das heftigste Beispiel hatte ich vor zwei Wochen – ein Leichnam mit zig Messerstichen im Brustraum, bei dem der Notarzt einen natürlichen Tod diagnostiziert hatte.“ In Brandenburg hatte im Frühjahr ein ähnlicher Fall für Aufsehen gesorgt.

Tödliche Stichwunden übersehen

  • Etwa jeder zweite Totenschein, der in Deutschland bei einer Leichenschau ausgestellt wird, ist Untersuchungen zufolge fehlerhaft.
  • In Brandenburg sorgte im Frühjahr dieses Jahres der Fall einer Notärztin in Prenzlau (Uckermark) für großes Aufsehen. Die Medizinerin hatte bei der Untersuchung eines Toten drei Stichwunden in dessen Oberkörper übersehen.
  • Als Todesursache trug die Ärztin stattdessen geplatzte Krampfadern ein.
  • Die Stiche waren nur entdeckt worden, weil Kriminalisten vor Ort auf eine Obduktion gedrängt hatten. gel

Tsokos fordert nun, Leichenschau-Kurse als Fortbildung für all jene Ärzte verpflichtend zu machen, die Leichenschauen durchführen. Hierfür seien die Ärztekammern gefragt. „Nur etwa sieben Prozent der Verstorbenen untersuchen wir in der Rechtsmedizin“, sagt Tsokos. Etwa jedes zweite Tötungsdelikt in Deutschland bleibe durch eine schlechte Leichenschau unentdeckt, sagt er und beruft sich auf eine Studie in mehreren Kliniken.

Über die Gründe für die hohe Fehlerquote kann er nur mutmaßen. „Vielleicht ist das Licht schlecht oder der Arzt möchte im Beisein der trauernden Angehörigen die Leiche nicht ausziehen, umdrehen und gründlich untersuchen.“ Aber nicht nur im Verbrechensfall kann dies auf die falsche Spur führen. „Auch unsere Statistiken zur Todesursache durch Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden dadurch verfälscht.“

Brandenburgs Institutsleiter Jörg Semmler ist skeptisch. „Solche Fortbildungen sind immer mit Geld verbunden. Wer soll das bezahlen?“, fragt er. Seine Skepsis rührt auch von der Debatte um eine mögliche Schließung seines Instituts, die im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt hatte.

Semmler hat mit seinen Kollegen schon viele Anläufe unternommen, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Doch weil verschiedene Initiativen zur Verbesserung der Leichenschauen in Deutschland gescheitert sind, ist er im vergangenen Jahr selbst durchs Land gefahren. „Ich habe etwa 30 Vorträge bei Ärzten gehalten“, sagt er. „Die Resonanz war durchweg positiv.“

Immerhin: Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke) kündigte jüngst an, gemeinsam mit dem Land Berlin eine Studie in Auftrag zu geben, um die Ärzte künftig besser zu qualifizieren. Denkbar wäre auch die Einführung einer Meldepflicht bei „bestimmten Auffindsituationen“, sagte Tack.

Von Torsten Gellner

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